Schweiz
Interview

Crans Montana: Das sagt der italienische Botschafter zur Tragödie

Interview

Italienischer Botschafter: «Schwerste Bewährungsprobe in meiner Karriere»

Italien wurde schwer getroffen von der Brandkatastrophe in Crans-Montana. Botschafter Gian Lorenzo Cornado sagt, welcher Moment ihn am meisten bewegt hat – und weshalb er persönlich die Walliser Polizei angerufen hat.
08.01.2026, 09:2808.01.2026, 09:59
Kari Kälin / ch media

Gian Lorenzo Cornado, Italien beklagt sechs Todesopfer. 14 zum Teil minderjährige Personen haben beim Brand in Crans-Montana schwere Verletzungen erlitten. Was bedeutet diese Tragödie für Sie als Botschafter?
Es ist die schwerste Bewährungsprobe in meiner Karriere, sowohl in professioneller als auch in menschlicher Hinsicht. Meine erste Aufgabe war es sicherzustellen, dass alle italienischen Staatsbürger medizinisch versorgt werden. Zudem kümmerte ich mich in Crans-Montana um die aus Italien angereisten Angehörigen. Ich habe mit ihnen die Gefühle von Schmerz, Bestürzung und Verzweiflung geteilt. Viele mussten erfahren, dass ihre Liebsten nicht mehr gerettet werden konnten.

Italian ambassador Gian Lorenzo Cornado talks to the media outside a reception centre near the sealed off Le Constellation bar in Crans-Montana, Swiss Alps, Switzerland, Saturday, Jan. 3, 2026, where  ...
Die schwerste Probe seiner Karriere: der italienische Botschafter Gian Lorenzo Cornado in Crans-Montana.Bild: keystone

Sind alle verletzten Staatsangehörigen repatriiert worden?
Elf Italienerinnen und Italiener befinden sich im Niguarda-Spital in Mailand, das auf Brandverletzungen spezialisiert ist. Zwei Verletzte befinden sich in Zürich, einer in Lausanne. Die zwei Patienten in Zürich möchten zurückkehren, sind aber noch nicht transportfähig. Der Patient in Lausanne möchte dort behandelt werden.

Was hat Sie in den letzten Tagen emotional am meisten berührt?
Die Umarmungen mit den Familienangehörigen in Sion vom letzten Montag, als italienische Militärflugzeuge mit der Tricolore-Flagge die Todesopfer in Särgen in ihre Heimat überbrachten.

Die Schweiz gilt als sicheres Land, in dem Gesetze und Normen eingehalten werden. Hat die Tragödie von Crans-Montana dieses Bild zerstört?
Nein, in keiner Weise. Die Schweiz ist ein sicheres, modernes und fortschrittliches Land. Das Problem sind nicht fehlende Regeln, sondern dass die Betreiber des «Le Constellation» sie offensichtlich nicht eingehalten haben. Man trägt keine Personen auf den Schultern durch eine Bar mit funken­sprühenden Flaschen und einer leicht entzündbaren Decke. Mit gesundem Menschenverstand und Prävention hätte man diese Tragödie vermeiden können. Dann würden die jungen Menschen in Crans-Montana jetzt Ski fahren, anstatt im Sarg oder im Spital zu liegen.

Nicolas Féraud, der Gemeindepräsident, hat eingeräumt, dass die Bar seit 2019 nicht mehr kontrolliert wurde. Italienische Medienvertreter haben ihn nach dem Rücktritt gefragt. Würden Sie dies begrüssen?
Dass Journalisten diese Frage stellen, gehört zu ihrem Beruf. Als Diplomat ist es meine Pflicht, mich nicht in die inneren Angelegenheiten der Schweiz einzumischen. Meine Kritik richtet sich an die Betreiber der Bar. Die Decke war brennbar. Feuerlöscher waren nicht verfügbar. Der Notausgang war unbenutzbar oder zumindest schlecht signalisiert. Die Treppe zur Eingangstür war eng. Es gab offenbar weder einen Evakuationsplan noch genügend Sicherheitspersonal. Einige Barbesucher glaubten, die brennende Decke sei Teil des Spektakels.

KEYPIX - Nicolas Feraud, Mayor of Crans-Montana speaks at a press conference of the Crans-Montana Municipal Council following the tragic events of New Year's Eve in Crans-Montana, Switzerland, Tu ...
Der Gemeindepräsident von Crans Montana, Nicolas Féraud.Bild: keystone

Erwarten Sie eine Entschuldigung der Schweiz?
Ich habe grösstes Vertrauen in die Behörden auf Stufe Bund, Kantone und Gemeinden. Ich habe keine Zweifel, dass die Staatsanwaltschaft alles unternimmt, um den Fall aufzuklären. Die Schweiz und Italien sind miteinander befreundet und eng verbunden. Ich verlange keine Entschuldigung. Es ist eine Untersuchung im Gang, welche die Fakten klären und die Verantwortlichkeiten feststellen wird.

Sollte der Bund einen Spezialfonds für unbürokratische Soforthilfe für die Opfer und deren Angehörige einrichten?
Das ist eine Angelegenheit der Schweiz, dazu äussere ich mich nicht. Ich kümmere mich um die italienischen Opfer. Wir übernehmen die Kosten für ihren Transport und ihre Behandlung. Ich möchte an dieser Stelle auch den Angehörigen der 21 Schweizer Opfer mein herzliches Beileid aussprechen und den Verletzten gute Besserung wünschen.

Italienische Fernsehjournalisten wurden offenbar von Bekannten der Betreiber bedrängt und bedroht, als sie dessen Restaurant in einem Nachbardorf recherchierten. Aussenminister Antonio Tajani hat Sie gebeten, bei den Schweizer Behörden zu intervenieren, damit die Medien ihre Arbeit ausführen können. Welche Antworten haben Sie erhalten?
Die Walliser Kantonspolizei hat den Vorfall als gravierend eingestuft. Sie hat mir versichert, dass sie Massnahmen ergriffen habe, damit die Presse ungehindert arbeiten kann. Zudem rät sie Journalisten, sofort die Polizei mit der Notfallnummer 117 zu alarmieren, wenn sie bedrängt werden.

epa12621757 Italy's Minister for Foreign Affairs Antonio Tajani talks to the media during a visit to the area where a fire of unidentified origin broke out at the 'Le Constellation' bar ...
Der italienische Aussenminister Antonio Tajani.Bild: keystone

Gegen die Betreiber läuft ein Strafverfahren, sie sitzen aber nicht in Untersuchungshaft. Irritiert Sie das?
Es liegt nicht an mir, darüber ein Urteil zu fällen. Ich respektiere die Schweizer Strafprozessordnung und die Entscheidungen der Justiz. In Italien wären die Voraussetzungen gegeben, um Untersuchungshaft als vorbeugende Massnahme gegenüber Ausländern anzuordnen, die unter Verdacht stehen, ein gravierendes Delikt wie fahrlässige Tötung begangen zu haben. In einem solchen Fall wäre die Fluchtgefahr grösser.

Gian Lorenzo Cornado (66) ist seit 2023 italienischer Botschafter in der Schweiz. (aargauerzeitung.ch)

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47 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Hierundjetzt
08.01.2026 09:48registriert Mai 2015
Sehr wohlwohlende Interviewantworten.

Italien hilft uns Schweizer vielfach aus der Patsche wenn mein Land oder Schweizer massive Probleme haben. (Ebenso Frankreich und Deutschland)

Siehe explizit Fall Kolumbien.

Den ja, wir sind einfach ein Leichtgewicht in der Welt. Ein schönes, ehrliches. Aber ein machtpolitisches Leichtgewicht

Halten wir grosse Sorge zu unseren Nachbarbeziehungen. Ohne… wirds schwierig für uns alle
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Rikki-Tiki-Tavi
08.01.2026 10:14registriert April 2020
Wow. Überlegte Worte, der Mann scheint einerseits Empathie für die Hinterbliebenen und Opfer zu empfinden, bleibt dabei aber hochgradig professionell als Diplomat. Hut ab. Welch Kontrastprogramm zu den bisher aufgetretenen Behördenvertreter aus der Gemeinde und dem Kanton, sowie des deutschsprachigen Bundesrats Jans, der eine ganz jämmerliche Figur abgegeben hat.
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Glen_Miller
08.01.2026 09:58registriert Januar 2020
Grazie Signore Cornado für diese Antworten.
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