Italienischer Botschafter: «Schwerste Bewährungsprobe in meiner Karriere»
Gian Lorenzo Cornado, Italien beklagt sechs Todesopfer. 14 zum Teil minderjährige Personen haben beim Brand in Crans-Montana schwere Verletzungen erlitten. Was bedeutet diese Tragödie für Sie als Botschafter?
Es ist die schwerste Bewährungsprobe in meiner Karriere, sowohl in professioneller als auch in menschlicher Hinsicht. Meine erste Aufgabe war es sicherzustellen, dass alle italienischen Staatsbürger medizinisch versorgt werden. Zudem kümmerte ich mich in Crans-Montana um die aus Italien angereisten Angehörigen. Ich habe mit ihnen die Gefühle von Schmerz, Bestürzung und Verzweiflung geteilt. Viele mussten erfahren, dass ihre Liebsten nicht mehr gerettet werden konnten.
Sind alle verletzten Staatsangehörigen repatriiert worden?
Elf Italienerinnen und Italiener befinden sich im Niguarda-Spital in Mailand, das auf Brandverletzungen spezialisiert ist. Zwei Verletzte befinden sich in Zürich, einer in Lausanne. Die zwei Patienten in Zürich möchten zurückkehren, sind aber noch nicht transportfähig. Der Patient in Lausanne möchte dort behandelt werden.
Was hat Sie in den letzten Tagen emotional am meisten berührt?
Die Umarmungen mit den Familienangehörigen in Sion vom letzten Montag, als italienische Militärflugzeuge mit der Tricolore-Flagge die Todesopfer in Särgen in ihre Heimat überbrachten.
Die Schweiz gilt als sicheres Land, in dem Gesetze und Normen eingehalten werden. Hat die Tragödie von Crans-Montana dieses Bild zerstört?
Nein, in keiner Weise. Die Schweiz ist ein sicheres, modernes und fortschrittliches Land. Das Problem sind nicht fehlende Regeln, sondern dass die Betreiber des «Le Constellation» sie offensichtlich nicht eingehalten haben. Man trägt keine Personen auf den Schultern durch eine Bar mit funkensprühenden Flaschen und einer leicht entzündbaren Decke. Mit gesundem Menschenverstand und Prävention hätte man diese Tragödie vermeiden können. Dann würden die jungen Menschen in Crans-Montana jetzt Ski fahren, anstatt im Sarg oder im Spital zu liegen.
Nicolas Féraud, der Gemeindepräsident, hat eingeräumt, dass die Bar seit 2019 nicht mehr kontrolliert wurde. Italienische Medienvertreter haben ihn nach dem Rücktritt gefragt. Würden Sie dies begrüssen?
Dass Journalisten diese Frage stellen, gehört zu ihrem Beruf. Als Diplomat ist es meine Pflicht, mich nicht in die inneren Angelegenheiten der Schweiz einzumischen. Meine Kritik richtet sich an die Betreiber der Bar. Die Decke war brennbar. Feuerlöscher waren nicht verfügbar. Der Notausgang war unbenutzbar oder zumindest schlecht signalisiert. Die Treppe zur Eingangstür war eng. Es gab offenbar weder einen Evakuationsplan noch genügend Sicherheitspersonal. Einige Barbesucher glaubten, die brennende Decke sei Teil des Spektakels.
Erwarten Sie eine Entschuldigung der Schweiz?
Ich habe grösstes Vertrauen in die Behörden auf Stufe Bund, Kantone und Gemeinden. Ich habe keine Zweifel, dass die Staatsanwaltschaft alles unternimmt, um den Fall aufzuklären. Die Schweiz und Italien sind miteinander befreundet und eng verbunden. Ich verlange keine Entschuldigung. Es ist eine Untersuchung im Gang, welche die Fakten klären und die Verantwortlichkeiten feststellen wird.
Sollte der Bund einen Spezialfonds für unbürokratische Soforthilfe für die Opfer und deren Angehörige einrichten?
Das ist eine Angelegenheit der Schweiz, dazu äussere ich mich nicht. Ich kümmere mich um die italienischen Opfer. Wir übernehmen die Kosten für ihren Transport und ihre Behandlung. Ich möchte an dieser Stelle auch den Angehörigen der 21 Schweizer Opfer mein herzliches Beileid aussprechen und den Verletzten gute Besserung wünschen.
Italienische Fernsehjournalisten wurden offenbar von Bekannten der Betreiber bedrängt und bedroht, als sie dessen Restaurant in einem Nachbardorf recherchierten. Aussenminister Antonio Tajani hat Sie gebeten, bei den Schweizer Behörden zu intervenieren, damit die Medien ihre Arbeit ausführen können. Welche Antworten haben Sie erhalten?
Die Walliser Kantonspolizei hat den Vorfall als gravierend eingestuft. Sie hat mir versichert, dass sie Massnahmen ergriffen habe, damit die Presse ungehindert arbeiten kann. Zudem rät sie Journalisten, sofort die Polizei mit der Notfallnummer 117 zu alarmieren, wenn sie bedrängt werden.
Gegen die Betreiber läuft ein Strafverfahren, sie sitzen aber nicht in Untersuchungshaft. Irritiert Sie das?
Es liegt nicht an mir, darüber ein Urteil zu fällen. Ich respektiere die Schweizer Strafprozessordnung und die Entscheidungen der Justiz. In Italien wären die Voraussetzungen gegeben, um Untersuchungshaft als vorbeugende Massnahme gegenüber Ausländern anzuordnen, die unter Verdacht stehen, ein gravierendes Delikt wie fahrlässige Tötung begangen zu haben. In einem solchen Fall wäre die Fluchtgefahr grösser.
Gian Lorenzo Cornado (66) ist seit 2023 italienischer Botschafter in der Schweiz. (aargauerzeitung.ch)
