Die Tragödie von Crans-Montana ramponiert das Image der Schweiz
Am Freitag steht die Schweiz für kurze Zeit still. Für 14 Uhr hat der Bundesrat eine Schweigeminute angeordnet, landesweit läuten die Kirchenglocken. Anlass ist der nationale Trauertag für die Opfer der Brandkatastrophe in Crans-Montana in der Neujahrsnacht. Es findet eine Gedenkfeier statt, die aus logistischen Gründen nach Martigny verlegt wurde.
Teilnehmen werden auch ausländische Staatsgäste, darunter die Präsidenten Frankreichs und Italiens. Die beiden Nachbarländer beklagen nach der Schweiz die meisten Toten und Verletzten. Dort wird intensiv über die Tragödie berichtet. Der Tenor ist weitgehend identisch: Wie konnte das in der vermeintlich sicheren und perfekt organisierten Schweiz passieren?
Oder anders formuliert: Wenn es wie letztes Jahr in einem Nachtclub in Nordmazedonien brennt und die Zahl der Todesopfer noch höher ist als im Wallis, zuckt die Welt mit den Schultern. Der Balkan halt. Über das Inferno in der Bar «Le Constellation» aber berichten auch Medien in Deutschland, Grossbritannien oder den USA mit grosser Ausführlichkeit.
Schweiz im Scheinwerferlicht
Bis zu Donald Trumps Attacke auf Venezuela war es in diesen Ländern das Top-Thema. Die Schweiz, die in der Regel selten in den Weltmedien auftaucht, steht für einmal im grellen Scheinwerferlicht. Und das Bild, das sich bietet, ist nicht vorteilhaft. Im Fall Crans-Montana gehe es «längst auch um den Ruf der Schweiz», kommentierte deshalb die NZZ.
Die Ermittlungen stehen am Anfang, es gilt die Unschuldsvermutung. Gleichzeitig werden immer mehr Details bekannt, die für alle in die Katastrophe Involvierten unvorteilhaft sind. Das gilt für das Betreiber-Ehepaar aus Korsika genauso wie die Gemeinde. Eine Medienkonferenz der Behörden am Dienstag geriet zu einem ziemlichen Debakel.
Versagen der Gemeinde
So musste Gemeindepräsident Nicolas Féraud einräumen, dass die Brandschutzkontrollen im Tourismus-Hotspot mangelhaft sind. «Le Constellation» wurde letztmals 2019 überprüft. Crans-Montana wolle «die Verantwortung tragen», sagte Féraud. Gleichzeitig verweigerte er eine Entschuldigung, worüber sich besonders italienische Medienvertreter empörten.
Vollends für Unverständnis sorgte die Bemerkung, die Gemeinde sei «als Geschädigte am meisten betroffen». Das war selbst für Schweizer Medien, die sich bislang vorab auf die Barbetreiber «eingeschossen» hatten, zu viel des Schlechten. Von einem Versagen der Behörden war unisono die Rede, der «Tages-Anzeiger» forderte Férauds Rücktritt.
Kritik an Staatsanwaltschaft
Ein Genfer Opferanwalt kündigte auf SRF eine Staatshaftungsklage gegen die Gemeinde Crans-Montana an, was für diese sehr teuer werden könnte. Auch die personell eher schwach dotierte Walliser Staatsanwaltschaft steht in der Kritik. Opferanwälte beschweren sich, dass sie nicht an den Zeugeneinvernahmen teilnehmen dürfen, wie es vorgeschrieben wäre.
Bereits steht die Forderung nach der Einsetzung eines externen Ermittlers im Raum. Die Pariser Staatsanwaltschaft, die auch für Ereignisse von nationaler Bedeutung zuständig ist, hat eine eigene Untersuchung eröffnet. In Frankreich traut man der Schweiz und dem Wallis offenbar nicht zu, dass sie die Tragödie lücken- und vor allem vorbehaltlos aufklären.
Der Walliser Klüngel
Gerade der Bergkanton geniesst nicht den besten Ruf. Das zeigt ein Artikel in der NZZ. Er steckt leider hinter einer Paywall, denn eine derart schonungslose Abrechnung mit dem Walliser Klüngel hat man selten gelesen. Die vielen Katastrophen, die der Kanton erlebt hat, hätten ihn nicht demütig, sondern eher grössenwahnsinnig gemacht.
Entsprechend empfindlich reagiere man auf Kritik von aussen, etwa von den «Grüezini», wie die Deutschschweizer im Wallis nicht etwa liebevoll, sondern abschätzig genannt würden. Dies dürfte der Autor des NZZ-Artikels zu spüren bekommen, der selbst aus dem Wallis stammt und in seinem Heimatkanton nun als Nestbeschmutzer gelten dürfte.
Helvetischer Schlendrian
Und dennoch wäre es falsch, alle Schuld auf die Walliser abzuwälzen. Das zeigt ein weiterer Kommentar in der NZZ, deren Berichterstattung über die Tragödie in Crans-Montana als vorbildlich bezeichnet werden kann. Er zielt auf eine Art «Heiligtum», nämlich die schlanken und bürgernahen Strukturen, deren wir uns gerne und nicht zu Unrecht rühmen:
Unser auf Föderalismus und Mehrparteien-Regierungen basierendes politisches System kann dazu führen, dass sich niemand wirklich verantwortlich fühlt. Schlanke Strukturen beinhalten das Risiko, dass Kontrollen vernachlässigt werden. Und schliesslich geht es um ein besonders gerne betontes Prinzip: die Eigenverantwortung.
Sie wird beschworen, wenn es gilt, staatliche Regulierungen abzuwehren oder abzuschwächen. Das erlebte man etwa während der Corona-Pandemie, mit zweifelhaftem Erfolg, besonders während der zweiten Infektionswelle im Herbst 2020. Denn zu oft gilt die Devise: Eigenverantwortung ist gut, solange sie den Profit nicht beeinträchtigt.
Sparen am falschen Ort
Das trifft speziell auf margenschwache Branchen zu, in denen ein harter Konkurrenzdruck herrscht. Also zum Beispiel die Gastronomie. Die hiesigen Clubs klagen, dass die Leute seit der Pandemie weniger ausgehen und weniger Alkohol konsumieren. Folglich ruft man nach staatlicher Unterstützung. Oder man spart am falschen Ort, etwa beim Brandschutz.
Es werden Schallschutzmatten verwendet, die billig, aber auch leicht entflammbar sind. Es werden zu wenig Feuerlöscher installiert und die Notausgänge verschlossen, damit niemand einfach hinein- oder herausschleichen kann. Es werden mehr Leute eingelassen als erlaubt, und bei Minderjährigen nimmt man es mit den Ausweiskontrollen nicht allzu genau.
Es hapert auch anderswo
Einiges deutet darauf hin, dass dies alles auf «Le Constellation» zutraf. Das schürt die Versuchung, die ganze Schuld auf die aus dem Ausland stammenden Inhaber abzuwälzen. Dabei verdichten sich die Hinweise, dass es mit den notwendigen Kontrollen auch in anderen Kantonen hapert, selbst in jenen mit obligatorischer Gebäudeversicherung.
Die Pläne, die Brandschutzvorschriften in der Schweiz zu lockern und vermehrt die Eigenverantwortung zu betonen, wirken vor diesem Hintergrund einfach grotesk. Der am Montag angeordnete Marschhalt kann nur der Anfang sein. Vielmehr sollte man sich überlegen, ob es nicht sogar weitere Verschärfungen braucht.
Vorbildliche Rettungskräfte
Der Fairness halber muss man betonen, dass in Crans-Montana nicht alles schiefgelaufen ist. Der Einsatz der Rettungskräfte war vorbildlich, das anerkennen selbst ausländische Beobachter. Hier hat die Schweiz ihre Stärken ausgespielt. Und die Spitäler leisten bei der Behandlung der mit schweren Brandverletzungen eingelieferten Opfer Übermenschliches.
Der oft belächelte Bundespräsident Guy Parmelin hat bislang die richtigen Worte gefunden, ebenso der Walliser Regierungspräsident Mathias Reynard. Nun muss das Inferno schonungslos aufgeklärt und juristisch verarbeitet werden, in welcher Form auch immer. Das ist man den Opfern schuldig, aber auch dem Image der Schweiz.
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