«Diese Jugendproteste sind sehr egozentrisch»: Experte rügt die Gen Z
In zahlreichen Ländern wird derzeit demonstriert, auch in der Schweiz. Erleben wir eine weltweite Revolte der jungen Generation?
Was wir sehen, ist zunächst einmal eine Art gegenseitige Animation: Proteste in einem Land können junge Menschen in anderen Ländern dazu anregen, ebenfalls auf die Strasse zu gehen. Eine weitere Gemeinsamkeit ist der Wunsch nach Fortschritt. Es herrscht das Gefühl, dass die Dinge stagnieren, dass man seinen Lebensstandard nicht mehr halten kann und gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Fortschritt ausbleibt. Wie sich dieses Gefühl ausdrückt, ist allerdings von Land zu Land sehr unterschiedlich.
Wo liegen die Unterschiede?
In Deutschland und der Schweiz sehen wir eher eine egozentrische Perspektive. In Serbien oder Madagaskar ging es viel stärker darum, dass es allen besser gehen soll. Wenn man sich Länder wie die Schweiz oder Deutschland genauer anschaut, lautet der Wunsch eher: Mir soll es besser gehen. Das ist ein grosser Unterschied.
Warum konnten die Proteste etwa in Madagaskar oder Serbien so viel bewirken?
Wenn wir Länder wie Madagaskar, Serbien oder Nepal betrachten, sehen wir junge Menschen, die extrem hungrig nach Veränderung sind. Bei uns sind doch viele Kinder und Jugendliche mittlerweile eher gesättigt. Es dominiert die Sorge: Vielleicht kann ich den Lebensstandard meiner Eltern künftig nicht mehr halten. In Madagaskar oder Nepal sagen junge Menschen dagegen: «So kann es nicht weitergehen. Wir müssen das Land als Ganzes verändern.» Deshalb war der Protest dort viel stärker auf die Gemeinschaft ausgerichtet.
Die Not verbindet also.
Ja, aber nicht nur. Besonders spannend fand ich Madagaskar. Ich habe dort mit obdachlosen Jugendlichen gesprochen, aber auch mit jungen Menschen aus wohlhabenden Verhältnissen. Sie haben zusammengehalten. Arm und Reich haben gemeinsam gekämpft. Sie wollten Strom für alle, fliessendes Wasser für alle und mehr Chancen.
Gibt es bei diesen Protesten eine gemeinsame politische Richtung?
Nein. In Albanien haben uns Protestierende etwa gesagt: «Wir sind weder ausschliesslich links noch rechts, wir sind in erster Linie patriotisch. Es geht uns um Albanien, um unseren Nationalstolz, um unser Land.» Sie wollten die Regierung von Edi Rama stürzen – und die Opposition gleich mit. Ihre Begründung: Beide seien korrupt. Das ist mit der Situation in Deutschland kaum vergleichbar.
In Frankreich hingegen kommen die Proteste von links.
Ja, zumindest stärker als in Albanien, aber auch hier mischt die Rechte irgendwie mit. Zudem ist auf beiden Seiten die Bereitschaft zur Eskalation grösser. In Gesprächen sagten uns junge Menschen in Paris: «Ich finde es gar nicht schlecht, dass hier einmal etwas brennt. Anders bewegt sich nichts. Wir sind das Land der Revolution. Eine normale Demonstration funktioniert bei uns gar nicht mehr.» Selbst Jugendliche, die mit den Protesten gar nichts zu tun hatten, hielten solche Eskalationen für kaum verwerflich.
Und in Deutschland und der Schweiz?
Hier ist es wiederum anders. Junge Menschen haben eher das Gefühl: «Wir demonstrieren friedlich für unsere Anliegen.» Später kommen dann Links- oder Rechtsextreme dazu – ich sage einmal: Chaoten –, die teilweise gar nicht verstanden haben, worum es bei der Demonstration eigentlich geht. Und die produzieren dann die Bilder, über die gesprochen wird.
Das schadet den Protestierenden und ihren Forderungen.
Da frage ich: Welchen Forderungen genau? Dass junge Menschen demonstrieren, auf die Strasse gehen und ihre Meinung kundtun, finde ich grossartig. Das ist Teil des demokratischen Diskurses. Von mir aus dürfen sie auch Widerstand erzeugen. Das sind legitime demokratische Mittel. Aber die Erwartung, ich gehe am Nachmittag demonstrieren und deshalb muss ich beispielsweise keine Wehrpflicht akzeptieren – das finde ich Wahnsinn. In Deutschland wird teilweise auf einem sehr hohen Niveau viel eingefordert. Das sehe ich auch in der Schweiz, dort allerdings etwas abgeschwächter.
Die Juso verspürt Aufwind und hat eine Demonstration für den 20. November angekündigt.
Wenn wir es tatsächlich mit einer völlig frustrierten Jugend zu tun hätten, wie viele sagen, frage ich mich: Warum kündigt man eine Demonstration mehrere Wochen vorher an, trifft sich dann und packt in einen Forderungskatalog alles hinein, was einen stört – von maroden Schulen bis zur Wehrpflicht? Je mehr Forderungen ich hineinpacke, desto diffuser wird der Protest. Und desto geringer wird der konkrete Handlungsdruck auf diejenigen, die etwas verändern könnten.
Wie wäre es wirksamer?
Wenige, klare Forderungen stellen und den Druck gezielt erhöhen. So haben wir es beispielsweise in Serbien gesehen. Und man muss unterscheiden: Marode Schulen anzuprangern, finde ich gut, weil es dabei um das Gemeinwohl geht. Zu sagen: «Ich will nicht zur Bundeswehr» oder «Ich will mir ein Haus leisten können» sind für mich dagegen sehr persönliche Forderungen.
Sie sehen also eine stärkere Anspruchshaltung?
Ja. Dieses passive Jammern! Problematisch finde ich auch, wenn Experten sagen: «Man muss endlich auf die Jugend eingehen. Sie sind demografisch in der Minderheit, sie haben keine andere Möglichkeit.» Solche Aussagen suggerieren jungen Menschen, dass sie ein besonderes Recht darauf hätten, dass ihre Forderungen erfüllt werden. Ihnen wird gesagt: «Ihr habt ein Recht darauf, dass sich die Gesellschaft um euch kümmert.» Dadurch entsteht aber kaum die Reibung, die eigentlich nötig wäre, damit sich etwas bewegt. Stattdessen entstehen Passivität und eine Steigerung der Forderungen.
Wenn man keine klaren Forderungen hat, warum dann überhaupt demonstrieren?
Ich sehe bei vielen jungen Menschen Ängste vor einer Zukunft, auf die sie sich nicht vorbereitet fühlen. Man kommt in ein Alter, in dem man plötzlich selbst Verantwortung übernehmen muss. Das trauen sich viele nicht zu. Und wenn sie gleichzeitig von allen Seiten hören, dass wir ihnen noch mehr zuhören müssen, verringern wir damit auch ihren eigenen Handlungs- und Gestaltungsraum und verstärken das Gefühl der Zukunftsangst. In der Folge sind dann die anderen schuld: die Regierung oder wer auch immer.
Vor wenigen Jahren dominierte Fridays for Future den Jugendprotest. Gibt es eine Verbindung zu den heutigen Bewegungen?
Nein. Das ist etwas ganz anderes. Fridays for Future ist vorbei, jetzt sehen wir neue Protestbewegungen. Die Bewegung war stark auf das Gemeinwohl ausgerichtet: Es ging um das Klima und die Zukunft des Planeten. Die heutigen Proteste sind viel egozentrischer und stärker gegen die jeweilige Regierung gerichtet.
Sind sie damit eher mit der 68er-Bewegung vergleichbar?
Zum Teil. Die 68er waren allerdings von Anfang an wesentlich klarer politisch ausgerichtet. Sie rebellierten gegen das Establishment, gegen Traditionen und überkommene Vorstellungen – und damit auch gegen die eigene Elterngeneration. Heute sehe ich dagegen häufig Eltern, die das gut finden, was ihre Kinder auf der Strasse machen. Wenn aber fast alle grundsätzlich Verständnis zeigen, entsteht weniger Reibung – und damit möglicherweise auch weniger Dynamik.
Die 68er protestierten in einer Zeit wachsenden Wohlstands. Heute fürchten viele Junge sozialen Abstieg. Verändert das den Protest?
Heute wird stärker aus einer Angst heraus protestiert, die einen selbst betrifft. Es ist weniger eine kollektive Angst als die persönliche Angst, den eigenen Wohlstand nicht halten zu können. Das zeigt sich etwa beim Thema Wohneigentum.
Ist die Sorge um Wohneigentum nicht berechtigt?
Natürlich kann ich das nachvollziehen. Gleichzeitig wird der Staat dabei teilweise zu stark als Dienstleister betrachtet: Der Staat ist schuld daran, dass ich mir bestimmte Dinge nicht mehr leisten kann, also muss er das Problem für mich lösen. Da stellt sich aber die Frage: Was genau soll der Staat für wen machen? So einfach funktioniert es nicht.
Die Generation Z ist neidisch auf die Boomer?
Zumindest werden hier immer wieder Äpfel mit Birnen verglichen. Was oft verkannt wird: Die Generation Z hat auch Formen von Wohlstand, die die Boomer nicht hatten. Ein Smartphone für 1000 Franken, regelmässig auswärts essen gehen, durch die Welt reisen oder zeitweise von Bali aus arbeiten – vieles davon wird heute selbstverständlich mitgenommen. Viele Boomer haben für ihr Haus aber auf sehr vieles verzichtet, sind jahrelang nicht in den Urlaub gefahren, haben in einer damals unattraktiven Gegend gebaut und einen grossen Teil selbst renoviert.
Welche Rolle spielen soziale Medien bei den Protesten?
Einerseits werden sie natürlich zur Mobilisierung genutzt. Andererseits radikalisieren sie die Proteste. Wenn ich die Proteste in Frankreich in meinem Feed sehe, bekomme ich fast ausschliesslich Bilder von Zerstörung. Friedliche Demonstrationen sehe ich kaum, und das, obwohl sie mit Abstand die Mehrheit sind. Das verändert natürlich die eigene Wahrnehmung. Noch entscheidender ist aber: Über soziale Medien wird das Gefühl von Ungerechtigkeit sehr stark verbreitet. Was kaum verbreitet wird, ist die Botschaft: «Du kannst selbst etwas gestalten.» Stattdessen entsteht schnell der Eindruck: Die anderen sind schuld daran, dass es mir nicht gut geht.
Weil man permanent sieht, was andere haben?
Einerseits sehe ich Menschen, denen es scheinbar besser geht. Andererseits sehe ich Influencer, die mir erklären, wie ungerecht alles ist. Dann kommen kurze Ausschnitte aus Talkshows hinzu, in denen auch ältere Menschen sagen: «Die Jungen können sich heute kein Haus mehr leisten.» So entsteht der Eindruck: Es muss wirklich ungerecht sein – sogar die Älteren sagen es. Deshalb bin ich kein grosser Fan davon, wenn ältere Menschen ständig betonen, wie unfair alles gegenüber den Jungen sei. Damit verstärkt man dieses Gefühl immer weiter und hilft niemandem. Besser wäre es, Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, statt subjektive Ungerechtigkeitsgefühle gebetsmühlenartig zu wiederholen.
Was wäre die bessere Botschaft?
Dass junge Menschen Handlungskompetenz haben. Deshalb finde ich es im ersten Schritt grossartig, wenn sie demonstrieren. Sie werden aktiv, gehen auf die Strasse und artikulieren ihre Interessen. Problematisch wird es im zweiten Schritt, wenn die Haltung lautet: «Wir haben demonstriert, jetzt haben wir unseren Teil getan. Nun ist die Regierung dran.» Demonstrieren allein kann nicht das Ende der eigenen Verantwortung sein. So einfach funktioniert es nicht. (schweizheute.ch)
