Glaziologe: «Einer der grössten Fels-Eis-Stürze der Welt»
Christian Huggel von der Universität Zürich arbeitet im Auftrag der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) an einem internationalen Projekt zur Entwicklung eines Frühwarnsystems in der Himalaya-Region. Mit einem internationalen Forscherteam hat er die Katastrophe in Nepal analysiert.
Was kann man über das Ausmass sagen?
Christian Huggel: Es ist eine riesige Katastrophe. Auslöser war ein Felssturz, der einen Gletscher mitgerissen hat. Deshalb spricht man von einer Fels-Eis-Lawine. Es handelt sich historisch betrachtet um einen der grössten Fels-Eis-Stürze, die weltweit je beobachtet wurden. Das Eis ist aufgeschmolzen und hat die enorme Sturzflut ausgelöst, welche das Tal bis über 100 Kilometer verwüstet hat.
Weiss man etwas über die Zahl der Todesopfer?
Wir sind eine Gruppe internationaler Wissenschafter und Wissenschaftlerinnen, welche die Fels-Eis-Lawine von der ersten Stunde an analysiert hat. Schnell war uns klar, dass es sehr viele Tote geben würde. Leider hat die Fels-Eis-Lawine jetzt schon über 1000 Leben gekostet. Auch der Infrastrukturschaden ist riesig, was für ein armes Land wie Nepal fatal ist. Es wurden auch viele Wasserkraftwerke zerstört, was in den Medien noch gar nicht erwähnt wurde. Ungefähr zehn Prozent der Energieproduktion des Landes wurden wahrscheinlich zerstört.
Wie kann man das mit dem Bergsturz in Blatten vergleichen?
Wir rechnen Fels- und Eismassen zusammen, weil der Gletscher das Eis mitgerissen hat. Wir gehen von 100 bis 200 Millionen Kubikmetern aus. Bei Blatten stürzten etwa 10 Millionen Kubikmeter ins Tal. Das ist eine vorläufige Beurteilung, weil wir erst Satellitenbilder haben, aber noch keine Bilder aus Helikoptern. Der Felssturz in Nepal war so gewaltig, dass er eine Erschütterung der Magnitude 5,2 ausgelöst hat.
Wird noch mehr Fels und Eis ins Tal stürzen?
Das ist im Prinzip möglich. Nach meiner Einschätzung aber eher nicht. Ein sehr grosser Teil ist bereits abgebrochen. Es kann sein, dass noch kleinere Volumen ins Tal stürzen, aber sicher nicht in grossem Ausmass.
Gab es zuvor Anzeichen für den Felssturz?
Wenn der Fels unter dem Gletscher anreisst, sieht man das nur sehr begrenzt auf der Gletscheroberfläche. Am Ort des Abbruchs hat es eine geologische Bruchlinie. Im Prinzip könnte man in einem solchen Fall auf Satellitenbildern zuvor einige Gletscherspalten sehen. Aber der Himalaya ist riesig. In dieser Region gibt es Tausende solcher kleiner Gletscher. Da einen Bergsturz vorauszusagen, ist eine riesige Herausforderung, trotz der Satellitendaten. Besser ist es, Frühwarnsysteme so zu konzipieren, dass die Flut weiter unten im Tal aufgefangen werden kann.
Gibt es vergleichbare Beispiele, zum Beispiel jener in Kedarnath in Indien, wo im Jahr 2013 6000 Menschen starben?
Kedarnath war definitiv ein anderer Fall. Das war ein Gletschersee-Ausbruch. Vergleichbar ist der aktuelle Fall mit jenem in Chamoli im Februar 2021 in Indien, wo es Hunderte Tote gab und kein Frühwarnsystem.
Welchen Zusammenhang gibt es zwischen diesem Fels-Eis-Sturz und dem Klimawandel?
In der Schweiz sehen wir eine sehr starke Zunahme von solchen Felsstürzen im 21. Jahrhundert im Vergleich mit dem 20. Jahrhundert. Das sehen wir auch international. Um diesen aktuellen Fall in dieser Hinsicht zu beurteilen, braucht es aber noch mehr Informationen. Was man sagen kann, ist, dass der Felssturz auf 5000 Meter Höhe stattgefunden hat. Das ist an der unteren Grenze des Permafrosts, was typisch ist für Felsstürze. Die heissen Jahre könnten dazu geführt haben, dass der Permafrost stärker aufgetaut und vom Gletscher deswegen mehr Wasser in den Fels eingedrungen ist. Das könnte den Fels destabilisiert haben. Das sind Erfahrungen aus anderen Ereignissen. Um Aussagen für diesen Fall zu machen, ist es aber wie zuvor erwähnt noch zu früh.
Was machen Sie im Auftrag der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) in dieser Region?
Verschiedene Schweizer Institutionen wie die Universitäten Zürich und Genf arbeiten dort. Mit dem Ziel, das Risikomanagement im ganzen Himalaya zu verbessern. Konkret arbeiten wir im Mount-Everest-Gebiet, um das Risikomanagement dort zu verstärken und dabei Frühwarnsysteme zu entwickeln. Dies zusammen mit den Behörden in Nepal, also in einer jungen Demokratie, die noch unruhig ist. Deshalb ist die Unterstützung wichtig. Solche Ereignisse sind erschütternd. In den letzten Jahren wurden viele Dörfer einfach ausgelöscht. Die Zahl dieser Katastrophen muss man minimieren. (schweizheute.ch)

