Die Schweizer Geschichte der Ukraine-Hilfe ist nicht ruhmreich. Wegen ihres strengen Kriegsmaterialgesetzes lieferte die Schweiz statt Waffen Anekdoten.
Schon kurz nach dem Überfall Russlands verstimmte der Bund die deutsche Regierung, weil er ihr untersagte, 12'400 Schuss Gepard-Munition an die Ukraine abzugeben. Denn sie waren in der Schweiz hergestellt worden. Nichts konnte das Bundesgesetz erweichen: Nicht der Verweis, dass der Gepard-Panzer vor allem Zivilisten vor Putins Drohnen schützt. Und auch nicht die geringe Menge. 12'400 Schuss reichen bei einem Gepard für zwanzig Minuten Dauerfeuer.
Auch im Jahr darauf verärgerte die Schweiz ihre Verbündeten. 100 Panzer des Typs Leopard 1 aus Beständen der Ruag sollten in Deutschland restauriert und anschliessend der Ukraine übergeben werden. Im letzten Moment grätschte der Bund dazwischen. Obwohl die Panzer im Lager nur vor sich hin rosten.
Nun hat die Schweiz doch noch einen Weg gefunden, der Ukraine mit schwerem Gerät beizustehen, wie Recherchen der «Schweiz am Wochenende» zeigen. Der Bund hat bei der Firma Global Clearance Solutions (GCS) drei Minenräumroboter bestellt. Die Maschinen werden hinter der Front eingesetzt, zur humanitären Minenräumung. Das bestätigen Bund und das Unternehmen aus Schwyz auf Anfrage.
Die Schweiz bezahlt alles: Produktion, Transport in die Ukraine, Wartung und Ausbildung des Personals. Das Gesamtpaket soll um die fünf Millionen Franken kosten. Beteiligt sind sowohl das Verteidigungs- wie das Aussendepartement mit seiner Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit. Geliefert werden die Maschinen in den kommenden Monaten.
Der erstandene Roboter des Typs GCS-200 sieht aus wie ein tiefergelegter Mähdrescher. Er funktioniert auch ähnlich. Vor dem GCS-200 rotiert ebenfalls eine Art Walze mit Dreschflegeln. Doch statt auf Weizen drischt der Roboter auf den Boden ein. Dadurch detonieren selbst Minen, die über 30 Zentimeter tief vergraben liegen. Die Explosionen müssen Roboterpilotinnen und -piloten nicht fürchten. Die Kettenfahrzeuge werden ferngesteuert.
«Sie dienen zur Vorbereitung des Bodens», schreibt die Schweizerische Stiftung für Minenräumung über solche Geräte. Mehr als 600 Personen suchen für die Organisation in der Ukraine nach Minen. Eine komplette Entminung können die Maschinen jedoch nicht allein durchführen. Minenräumer kontrollieren im Nachgang mit Detektoren, ob sich noch Sprengladungen im Boden finden. Doch solche Roboter beschleunigen die Entminung.
Auch mit Höchstgeschwindigkeit wird es noch Jahre dauern, die Ukraine zu entminen. In ihrem diesjährigen Lagebericht schreibt die Stiftung, dass wohl ein Drittel der Agrarnation vermint ist. Das entspricht einer Fläche etwa viereinhalb mal so gross wie die Schweiz. In keinem Land der Welt lauern mehr Sprengfallen.
Es sind daher nicht die ersten Minenräumroboter, die von der Schwyzer Firma in die Ukraine geliefert werden. Laut Eigenangaben stehen rund 60 ihrer Roboter dort im Einsatz. Viele davon finanziert durch Deutschland, Kanada und die USA.
Es sind auch nicht die ersten Minenräumroboter, die die Schweiz der Ukraine spendet. Letzten Sommer erstand der Bund einen Roboter der Schweizer Stiftung Digger und übergab ihn ukrainischen Behörden.
Aber es sind immerhin die ersten Minenräumroboter, die die Schweiz aus ihrem neuen Budget kauft. Vergangenen Herbst genehmigte der Bund das Hilfspaket von 100 Millionen Franken. Es wurde nur geschnürt, um die Ukraine von Sprengfallen zu befreien. Ein Teil davon erhielt auch die Schweizerische Stiftung für Minenräumung. Sie kaufte ebenfalls einen GCS-200 und war gar schneller als der Bund. Ihr Roboter befindet sich bereits in der Ukraine. Erst diese Woche erhielt die Stiftung vom Bundesrat zudem weitere 30 Millionen Franken.
Dass ausgerechnet jetzt so viel Geld und Maschinen bewegt werden, hängt auch mit einer Veranstaltung zusammen. Nächste Woche findet in Lausanne die «Ukraine Mine Action Conference» statt. Eine Minenräumungskonferenz, organisiert von der Schweiz und der Ukraine. Laut Verteidigungsdepartement wird dann der Kauf der drei Minenräumroboter offiziell verkündet.
Zur Konferenz werden die Bundesräte Viola Amherd und Ignazio Cassis erwartet. Dazu weitere «hochrangige Vertreterinnen und Vertreter» aus Regierungen und verschiedenen Organisationen, wie der Bund festhält.
Mit der Entminung hat die Schweiz endlich einen Kampf der Ukraine entdeckt, den sie voll und ganz unterstützen kann. (aargauerzeitung.ch/lyn)