Street-Parade-Chef: «Ich hatte seit 30 Jahren keine Sommerferien mehr»
Wie viel Geld nimmt die Street Parade jeweils ein?
Wir müssen abzüglich der Einnahmen durch Sponsoring und der Vermietung von Plätzen für Take-away-Stände am Tag der Street Parade 3.5 Millionen Franken umsetzen.
Sieht die Stadt Zürich das auch so?
Ich glaube schon, dass die Stadt Zürich solche Veranstaltungen noch will. Sie stellt Bedingungen, die auch legitim sind. Aber ja: Es gibt einfach Dinge, die wir nicht erfüllen können. Ich war kürzlich am Tomorrowland, da liegt keinerlei Abfall am Boden. Alle recyceln ihren Abfall schön brav. Es würde auch bei uns funktionieren, könnten wir einen Zaun um das Festgelände aufstellen. Weil wir das aber nicht können, sieht es bei uns eben aus, wie es aussieht.
Wie steht es ums Thema Drogen beim Street-Parade-Chef?
Natürlich habe ich als Jugendlicher auch mal gekifft. Wir sassen drei- bis viermal pro Woche im Proberaum und dann hast du halt in der Pause mal einen Joint geraucht. Bei der Hauptprobe für unser erstes Konzert bekam ich allerdings nach etwa vierzig Minuten starkes Seitenstechen, weil mir die Kondition fehlte. Ich bemerkte: Ich kann nicht einmal ein ganzes Konzert durchspielen ohne Pause. Zudem pfiff mir nach dem Kiffen immer die Lunge. Ich überlegte mir, wie ich in den verbleibenden Wochen bis zum Konzert fitter werden könnte – und hörte mit dem Kiffen auf.
Der Rockmusik haben Sie abgeschworen?
Im Juni sind wir jeweils am Greenfield-Festival engagiert und zwei Wochen später am Truckerfestival. Da läuft beim Auf- und Abbau und allem Drumherum vier Wochen lang nur Rock. Dann habe ich für ein Jahr wieder mal alle Songs gehört. (lacht) Zum Arbeiten und Tanzen eignet sich elektronische Musik einfach besser.
Wieso das?
Es ist eine Aufgabe, die dich ziemlich «schleift». Wir machen das ja als Verein, es ist nicht mein Hauptjob. Bevor ich die Street Parade übernahm, verantwortete ich an der Street Parade zehn Jahre ein Love-Mobile. Sprich: Ich hatte seit etwa 30 Jahren keine Sommerferien mehr.
Haben Sie's nicht langsam gesehen?
Es gibt Licht und Schatten. Die Veranstaltung zu prägen und eine Erlebniswelt für unsere Besuchenden zu kreieren, das macht natürlich grosse Freude. Gleichzeitig bedeutet es aber jedes Jahr mehr Druck und mehr Ansprüche seitens der Behörden, aber auch des Publikums. Früher haben wir das Bier ungekühlt verkauft, heute ist das undenkbar. Damit ist aber auch der Aufwand gestiegen. Es «gnüegelet» dann jeweils schon. Es ist kein einfaches Los mehr, diese Veranstaltung zu verantworten.
Die Lage werde laufend analysiert, sagte Judith Hödl, Kommunikationsleiterin der Stadtpolizei Zürich, gegenüber der «SRF»-Tagesschau . Die Ereignisse am CSD werde man in die Lagebeurteilung einfliessen lassen und entsprechende Massnahmen treffen.
Die Street Parade verfügt schon seit Längerem über ein umfassendes Sicherheitskonzept. Dieses sieht gemäss «NZZ » unter anderem Fahrzeugsperren und ein Crowd-Management vor. (sho)
Wie lange wollen Sie noch Organisator bleiben?
Ich habe 2008 übernommen und mein Vorgänger Martin Schorno hat mich noch acht Jahre begleitet, ehe er mir die Verantwortung ganz übergeben wollte. Wenn ich dann endlich mal die Person eingearbeitet habe, die den Biss hat, um zu übernehmen, werde ich wohl 60-jährig sein. Das würde bedingen, dass ich jetzt aber schon diese Person gefunden habe. Doch das ist nicht der Fall.
Sucht der Verein also schon eine Nachfolge?
Wir versuchen immer wieder, Leute, die Potenzial haben, in die Verantwortung zu nehmen. Das bedeutet aber, breite Schultern und Nerven wie Stahl zu haben. Entweder du bist robust oder du zerbrichst daran. Bis anhin haben alle potenziellen Nachfolger vorher aufgegeben.
Wie schaffen Sie es, die Nerven zu behalten?
Ich schimpfe auf TeleZüri. (lacht)
Sie sprechen Ihren Auftritt letztes Jahr im Livestream zur Street Parade an, als Sie sich wegen des vielen Abfalls aufregten.
Genau. Ich bin gegen aussen recht souverän, würde ich sagen. Dass ich letztes Jahr die Fassung verloren habe, hat mir schon zu denken gegeben. Das darf nicht passieren, du darfst in der Öffentlichkeit nicht austicken. Der Vorfall zeigt, dass der Druck bei mir inzwischen so gross ist, dass es mir in gewissen Situationen den Deckel lupft. Das ist nicht gesund.
Wie haben Sie es bisher geschafft, so souverän zu bleiben?
Im Herbst und Winter musst du dann halt ein wenig durchschnaufen. Aber es ist schon so: Die Street Parade ist schlank organisiert, der organisatorische und wirtschaftliche Druck ruht auf ganz wenigen Schultern. Eigentlich bräuchte es eine grosse professionelle Struktur. Manche Open Airs in der Schweiz haben 20 bis 40 Festangestellte, um ein dreitägiges Festival auf die Beine zu stellen. Wir machen das zu viert im Vorstand in der Freizeit.
Muss die nicht-profitorientierte Street Parade kommerzieller werden?
Das wollen wir nicht. Der Verein versteht die Street Parade immer noch als Demo und nicht als Kommerzveranstaltung. Aber ich gebe zu: Die Logos der Partner werden immer grösser. (lacht) Sie müssen immer mehr bringen, weil alles immer teurer wird. Eine Herausforderung bleibt, dass viele Firmen in den Sommerferien kein Budget haben.
Sie wollen nicht mehr Kommerz. Aber Hand aufs Herz: Das Publikum denkt bei der Street Parade kaum noch an eine Demo.
Dann machen wir etwas falsch. Aber es stimmt: Gemäss unseren Umfragen weiss nicht einmal jeder fünfte Besuchende, dass es eine Demo ist. Für uns ist das kein Grund, Kommerz zu machen. Es ist unser Job, allen anderen zu vermitteln, dass wir für gewisse Ideale auf die Strasse gehen.
Wie schaffen Sie das?
Wir müssen für alle einen geilen Veranstaltungsort schaffen und den Leuten unser Motto erklären. Schon heute gibt es jeweils am Abend eine Zeremonie, die auf allen Love-Mobiles und Bühnen übertragen wird und bei der wir rüberbringen, was wir hier machen. Diese Zeremonien gehen jeweils ziemlich viral.
Themenwechsel: 2023 gaben die Veranstalter des Züri Fäscht bekannt, dass sie es wegen der gestiegenen Auflagen nicht mehr durchführen werden. Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Verständnis. Sie hatten ähnliche Bedingungen wie wir, nur erhielten sie städtische Subventionen. Man darf aber nicht vergessen: Die Bewilligung für eine solche Veranstaltung wird an eine Privatperson ausgestellt – sämtliche Risiken inklusive. Mittlerweile sind Ansprüche da, die du kaum mehr beeinflussen kannst. Trotzdem musst du die volle Verantwortung übernehmen.
Wie meinen Sie das?
Ich kann keine Türkontrollen durchführen. Ich kann nur für gute Stimmung sorgen und hoffen, dass niemand hässig wird. Passiert doch etwas, musst du fähig sein, alle rechtlichen Folgen selbst zu berappen, sonst hast du ohnehin schon verloren. Wenn du anfängst, dir solche Gedanken zu machen, hörst du direkt auf, dann findet nichts mehr auf öffentlichem Gelände statt.
Wieso gehen Sie dieses Risiko ein?
Es bleibt mir ja nichts anderes übrig. Finde mal jemanden, der nichts zu verlieren hat. Als Veranstalter musst du das ausblenden. Die Leidenschaft, den Menschen etwas Tolles zu bieten, muss grösser sein als die Paranoia vor den Gefahren.
Nach dem Aus des Züri Fäscht verbleibt die Street Parade als schweizweit einzige Veranstaltung dieser Grösse. Macht Ihnen das Angst?
Nein, ich sehe es mehr als Aufgabe, auch anderen Veranstaltern aufzuzeigen, dass es noch geht. Das wäre ja schlimm, wenn es in der Schweiz nicht mehr möglich wäre, grosse Veranstaltungen durchzuführen.
Sieht die Stadt Zürich das auch so?
Ich glaube schon, dass die Stadt Zürich solche Veranstaltungen noch will. Sie stellt Bedingungen, die auch legitim sind. Aber ja: Es gibt einfach Dinge, die wir nicht erfüllen können. Ich war kürzlich am Tomorrowland, da liegt keinerlei Abfall am Boden. Alle recyceln ihren Abfall schön brav. Es würde auch bei uns funktionieren, könnten wir einen Zaun um das Festgelände aufstellen. Weil wir das aber nicht können, sieht es bei uns eben aus, wie es aussieht.
War ein solcher Zaun je ernsthaft ein Thema?
Das würde gar nicht gehen. Erstens ist das Seebecken öffentlicher Grund. Zweitens sind wir eine Demo, die unter anderem für Freiheit einsteht. Es kann also nicht sein, dass wir einen Zaun drumherum bauen und selektionieren. Bei uns sind alle willkommen.
Letztes Jahr kritisierten Sie vor laufender Kamera, dass die Detailhändler zwar für die Street Parade ihr Sortiment aufstockten und abkassierten, für die Stadtreinigung jedoch keine Verantwortung übernehmen wollten...
(unterbricht): Dass die Detailhändler damit Umsatz machen, stört mich gar nicht. Im Gegenteil: Hoffentlich profitieren ganz viele Leute in der Stadt Zürich von dieser Veranstaltung. Das Problem ist, dass wir uns mit dem ganzen Abfall alleine gefühlt haben. Wir können die Menge nicht beeinflussen. Darum braucht es die Mithilfe aller.
Inzwischen gab es Gespräche zwischen Ihnen, den Detailhändlern und der Stadt. Was kam dabei heraus?
Die Gespräche laufen noch, aber wir verstehen uns. Mehr kann ich dazu nicht sagen.
«Petrus ist ein Raver», heisst es jedes Jahr wieder, wenn an der Street Parade die Sonne scheint. Tatsächlich spielt das Wetter fast immer mit. Was würde eine Street Parade mit Regen für die Vereinskasse bedeuten?
Kommt auf die Zeit an. Zwischen 19 und 22 Uhr, also der Zeit mit dem grössten Besucheraufkommen, wäre es eine Katastrophe. Zuletzt gab es das 2006 – in dem Jahr, als auch der damalige Organisator zurücktrat, weil der Verein pleiteging.
Die Veranstaltung ist also maximal wetterabhängig.
Mittlerweile haben wir das Ersparte, das in der Pandemie weggeschmolzen ist, wieder zurücklegen können. Angesichts der Teuerung, insbesondere in den Bereichen Personal, Technik, Transport und Energie, bräuchten wir aber mehr Rücklagen, um ein Regenjahr abfedern zu können. Bei einem Totalausfall wie 2006 wäre der Verein auch heute pleite.
War es schon einmal Thema, die Street Parade an einem anderen Ort als Zürich auszutragen?
Mein Vorgänger hat einst mit Luzern geliebäugelt. Aber ich hoffe nicht, dass das nötig sein wird.
Ist eine zusätzliche Street Parade in einer anderen Stadt eine Option?
Nein, keinesfalls! Unsere grössere Schwester, die deutsche Loveparade, fuhr ja diese Expansionsstrategie und ist damit gescheitert. Das ist nicht im Sinn und Geist unseres Vereins. Man könnte zwar argumentieren: Je mehr Leute für unsere Ideale auf die Strasse gehen, desto besser. Eine Expansion darf aber nie aus der Motivation heraus entstehen, mehr Geld zu machen.
Zu Ihnen: Können Sie sich an Ihre erste Street Parade erinnern?
Das war 1998. Ich arbeitete für eine Plattenfirma, die bei der Unity-Party im Kongresshaus während der Street Parade für die Musik zuständig war. Drei Jahre zuvor hatte ich meiner Freundin noch den Laufpass gegeben, weil sie an die Street Parade ging.
Das müssen Sie erklären.
Vor der Techno-Zeit warst du entweder ein Rocker oder ein Popper. Ich spielte damals professionell Schlagzeug in einer Rockband. Dann kam die elektronische Musik auf. Für die Jugend war sie frisch, für die Clubs praktisch: Sie mussten nicht mehr Bands mitsamt Ton- und Lichttechnikern anstellen, sondern nur einen DJ. Für uns Bands war das jedoch existenzbedrohend.
Sie fühlten sich also von Ihrer Freundin verraten.
Genau! Ich fand: «Du gehst da nicht mit einem Fremden ins Bett!» – im übertragenen Sinne. (lacht)
Wie erlebten Sie Ihre erste Street Parade?
Es ist – bis heute – eine Überforderung deiner Sinne. Innerhalb weniger Stunden erhältst du so viele Eindrücke: all die Besuchenden, viele davon ausgeflippt gekleidet, die Dekorationen, die verschiedenen Musikstile, von denen du zuvor vielleicht noch nie gehört hast. Es ist ein Erlebniscrash. Und es ist eine unglaubliche Energie. Diese Energie zu spüren, ist mir schon eingefahren. Als Schlagzeuger hat mich zudem fasziniert, wie gut die elektronisch generierten Schlagzeugklänge klingen.
Haben Sie sich je mit Ihrer Freundin versöhnt?
Sie ist ein Riesenfan von DJ Hell. Vor etwa fünf Jahren engagierten wir ihn für die Street Parade und ich bedankte mich bei ihr dafür, dass ich mich ihretwegen mit elektronischer Musik auseinandersetzen musste. Und dass mein Weg, den ich machen durfte, teilweise auch ihr zu verdanken ist.
Wie steht es ums Thema Drogen beim Street-Parade-Chef?
Natürlich habe ich als Jugendlicher auch mal gekifft. Wir sassen drei- bis viermal pro Woche im Proberaum und dann hast du halt in der Pause mal einen Joint geraucht. Bei der Hauptprobe für unser erstes Konzert bekam ich allerdings nach etwa vierzig Minuten starkes Seitenstechen, weil mir die Kondition fehlte. Ich bemerkte: Ich kann nicht einmal ein ganzes Konzert durchspielen ohne Pause. Zudem pfiff mir nach dem Kiffen immer die Lunge. Ich überlegte mir, wie ich in den verbleibenden Wochen bis zum Konzert fitter werden könnte – und hörte mit dem Kiffen auf.
Im Zusammenhang mit der Street Parade waren Drogen kein Thema mehr bei Ihnen?
Nein! Soll jeder machen, was er will. Meine Meinung ist: Wenn du dein Bewusstsein verändern musst, damit du dein Umfeld geil findest, solltest du eigentlich dein Umfeld wechseln und nicht deinen Zustand.
Das Gleiche lässt sich aber auch über den Alkohol sagen, den Sie an der Street Parade verkaufen.
Ja, ja! Es betrifft auch Alkohol. Ich trinke gelegentlich auch gerne ein Glas oder drei. Aber ich trinke nie so viel, dass ich nicht mehr weiss, was ich mache. Ich trank das vergangene Halbjahr keinen Tropfen Alkohol, auch während eines Party-Weekends auf Ibiza. Es geht auch alkoholfrei – und mit Spass.
Was macht der Street-Parade-Chef, wenn er nicht mit der Street Parade beschäftigt ist?
Nach der Street Parade wird aufgeräumt und dann bereits alles aufgebaut für das Openair Gampel. Nach Gampel gibt es dann hoffentlich kurz Ferien. Im Oktober ist das Oktoberfest in Uster und Ende Oktober haben wir zwei Veranstaltungen in der Festhalle Bern. Im November und Dezember laufen die Vorbereitungen für den Zürcher Silvesterzauber.
...und in der Freizeit?
Ich bin selbstständigerwerbend, da gibt's keine Freizeit.
Aber Sie erwähnten Ferien.
Das ist neu. Seit ich selbstständig bin, also seit 2004, hatte ich nie mehr als zehn Tage Ferien pro Jahr. Von 2014 bis etwa 2020 hatte ich sogar nicht einen Tag Ferien! Da waren die Finanzen derart klamm, dass ich keine Leute mehr einstellen konnte und alles selbst machen musste. Heute versuche ich, alle zwei Jahre im Herbst vier bis fünf Wochen Ferien zu machen und zu reisen.
Wohin geht's dieses Jahr?
Dieses Jahr werde ich spontan schauen, wohin es mich zieht. 2027 würde ich gerne quer durch die Sahara reisen.
Welche Musik läuft bei Ihnen privat?
Schon elektronische Musik.
Der Rockmusik haben Sie abgeschworen?
Im Juni sind wir jeweils am Greenfield-Festival engagiert und zwei Wochen später am Truckerfestival. Da läuft beim Auf- und Abbau und allem Drumherum vier Wochen lang nur Rock. Dann habe ich für ein Jahr wieder mal alle Songs gehört. (lacht) Zum Arbeiten und Tanzen eignet sich elektronische Musik einfach besser.
Welches Vermächtnis hinterlassen Sie dereinst als Street-Parade-Chef?
Es ging mir nie um mich. Meine Aufgabe ist es, Entscheidungen so zu treffen, dass die Street Parade stattfinden kann, sowohl kurzfristig als auch in zehn Jahren noch. Ich muss schauen, dass ich den Bogen nicht überspanne und die Veranstaltung für alle Anspruchsgruppen – Anwohnende, Teilnehmende, Politik – vertretbar ist.
Worauf sind Sie stolz?
Ich bin stolz darauf, dass die Veranstaltung noch immer zeitgemäss und attraktiv ist und wir jedes Jahr etwas Neues bieten können. Wir haben auch im Sicherheitsbereich viel erreicht. Wenn man das erste Sicherheitskonzept aus den 90er-Jahren anschaut... (lacht)
Ja?
Das war eine Zeichnung auf einem A4-Blatt, darauf ein Love-Mobile und ein Pfeil mit der Aufschrift: «Da gehen die Leute raus.» Heute ist das Sicherheitskonzept ein dickes Handbuch. (schweizheute.ch)
