wechselnd bewölkt
DE | FR
Schweiz
Interview

Interview mit Sozialwerk Pfarrer Sieber zu Obdachlosen in Zürich

Foto Manuel Geisser 16.09. 2023 Zuerich , SCHWEIZ , Armut Mann auf einer Sitzbank *** Photo Manuel Geisser 16 09 2023 Zuerich , SWITZERLAND , Poverty man on a bench
Armut in Zürich. (Symbolbild)Bild: www.imago-images.de
Interview

«Etwa 30 Prozent mehr»: Die Situation der Obdachlosen in Zürich

Es ist kalt. Nachts sinken die Temperaturen schon mal unter null und doch verbringen Menschen in der reichen Schweiz die Nacht draussen. Laut den Sozialwerken Pfarrer Sieber sind es derzeit mehr als sonst.
30.11.2023, 11:5230.11.2023, 15:54
Mehr «Schweiz»

Die Notschlafstellen in Zürich sind praktisch voll, denn immer mehr Menschen leben auf der Strasse. Doch warum ist das so? Wer sind diese Menschen? Und vor welchen Herausforderungen stehen Obdachlose in der reichen Schweiz?

watson hat mit Walter von Arburg, Sprecher der Stiftung Sozialwerk Pfarrer Sieber, gesprochen:

Walter von Arburg Sprecher Sozialwerk Pfarrer Sieber
Walter von Arburg.Bild: zvg

Es leben in Zürich zurzeit aussergewöhnlich viele Menschen auf der Strasse. Woran liegt das?
Walter von Arburg:
Wir können auch nur mutmassen. Seit rund einem Jahr beobachten wir einen auffälligen Anstieg: Diesen Sommer waren es ca. 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Gestiegene Lebenshaltungskosten könnten ein Grund sein, aber dazu fehlen Erhebungen, wir sind uns nicht sicher. Es gibt sowohl mehr ältere als auch mehr junge Obdachlose. Wir sprechen aber nicht nur von Obdachlosen.

Sondern?
Bei uns melden sich auch vermehrt Leute, die völlig vereinsamt sind. Sie leben nicht auf der Strasse, aber leiden sehr unter ihrer Einsamkeit. Vereinsamung ist eine Krankheit, das muss man ganz klar sagen.

Sie haben mehr junge Obdachlose erwähnt. Werden diese in der aktuellen Situation in ihrem Jugendangebot «Nemo» untergebracht?
Es ist wichtig, zu unterscheiden. Der «Pfuusbus» und das «Iglu», beides Notschlafstellen für Erwachsene, sind von November bis April offen, «Nemo» das ganze Jahr. Im «Nemo» bieten wir sichere Schlafplätze für 16- bis ca. 23-Jährige.

Wer landet denn im «Nemo»?
Das sind meistens junge Menschen aus sehr schwierigen familiären Verhältnissen. Viele haben Gewalt erlebt. Sie sind tendenziell in ihrer Entwicklung weniger weit als Gleichaltrige und brauchen besonderen Schutz, den sie im «Nemo» bekommen.

Und wie steht es um die Auslastung?
Im «Nemo» sind alle Plätze belegt. Eigentlich ist es auf zehn Plätze ausgelegt, im Moment sind sogar zwölf Personen dort, die meisten minderjährig. Es ist wichtig, dass sie dort sein können. Aufgrund der oft sehr schwierigen Umstände können wir sie nicht in den anderen Notschlafstellen unterbringen. Es kam sogar schon vor, dass wir niemand mehr aufnehmen konnten, weil alles voll war.

Zurück zur allgemeinen Situation: Was ist, wenn es in den Notschlafstellen keinen Platz mehr gibt?
Das «Iglu» und der «Pfuusbus» sind seit Mitte November geöffnet und schon jetzt stellen wir eine aussergewöhnlich hohe Auslastung fest, dabei stehen wir erst am Anfang der Saison. Die Atmosphäre ist schwierig. Manchmal müssen wir auch jemanden vor die Tür setzen, etwa im Fall von Gewaltanwendung. Dann sagen wir: Hey, beruhige dich erst mal, dann kannst du in ein paar Tagen wieder kommen.

Was machen Sie mit Personen, die keinen Platz mehr finden?
Wir sind gut vernetzt mit allen staatlichen und privaten Anbietern von Notschlafstellen. Wenn es bei uns keinen Platz mehr gibt, können wir die Obdachlosen vermitteln. Das funktioniert sehr gut.

Im SRF sagten Sie, viele Obdachlose hätten psychische Probleme. Können Sie das erläutern?
Das ist wirklich auffällig. Wir beobachten das seit Corona – in dem Zusammenhang gab es ja gesamtgesellschaftlich mehr psychische Erkrankungen. Aber bei uns hält der Trend an, auch wenn sich die Corona-Situation beruhigt hat. Das belastet alle: Im Pfuusbus äussert sich dies etwa darin, dass psychisch Erkrankte nachts herumschreien und sich die anderen beklagen, sie könnten nicht schlafen.

Warum kommen diese Personen denn zu Ihnen und sind nicht etwa in psychiatrischer Behandlung?
Die Psychiatrien sind noch immer überlastet. Viele Erkrankte warten lange auf einen Platz. Wer zu uns kommt, ist oft aus dem System gefallen: Sei es, weil sie nicht therapiert werden wollen oder Termine nicht einhielten. Wir sind letztlich auch eine Auffangstelle für viele Unbehandelte. Ohne stabilisierendes soziales Umfeld nehmen sie auch ihre Medikamente nicht mehr regelmässig. Gewisse verkaufen sie auch, etwa weil sie glauben, sie seien geheilt, hätten keine Probleme mehr. Die Wirkung lässt dann bald nach und das führt nicht selten zu einem Absturz. Das sind zumindest unsere Beobachtungen.

Heute kommt der Schnee. Hat das einen Einfluss auf die Situation?
Die Kälte allein ist weniger das Problem, zu schaffen macht vor allem die Luftfeuchtigkeit. 5 °C und Nässe sind sehr unangenehm, viel mehr als trockene −5 °C. Wir rechnen nicht damit, dass der Schnee gross etwas an der Situation ändert. Wir haben eine Patrouille, die jeweils die bekannten Schlafplätze in Zürich besucht. Einzelne ziehen es vor, auch bei diesen Temperaturen draussen zu schlafen. Wenn nötig, verteilen wir warme Schlafsäcke, machen aber immer auf die verschiedenen Angebote der Notschlafstellen aufmerksam. Wir fahren Obdachlose auch dorthin, wenn das gewünscht wird.

Wie kann man Ihre Arbeit unterstützen?
Neben den Schlafplätzen bieten wir wenn nötig auch Schlafsäcke und Kleider an. Wir setzen auf Militärschlafsäcke, die erfüllen die Anforderungen am besten. Weiter verteilen wir Jeans, Pullover und Handschuhe. Wir haben zu wenig Männerkleider – etwa 80 % der Obdachlosen sind Männer. Am besten unterstützt man uns mit Geldspenden. So können wir auch für medizinische Behandlungen aufkommen und jemandem etwa den Zahnarztbesuch oder spezielle Schuhe bezahlen.

Wie sieht es mit Freiwilligen aus?
Die suchen wir immer. Wir haben tendenziell zu wenig – zu Beginn der Saison sieht es gut aus, doch nach den Tagen um Weihnachten und Neujahr fallen immer wieder Freiwillige aus, sei es krankheitsbedingt oder weil sie einfach nicht mehr können. Die Arbeit bei uns ist nicht ohne, macht aber glücklich, das hören wir immer wieder.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
«Kämpft weiter, ich hab‘s heiter»
1 / 20
«Kämpft weiter, ich hab‘s heiter»
Pfarrer Ernst Sieber hat sich ein Leben lang um Menschen in Not gekümmert.
quelle: keystone / str
Auf Facebook teilenAuf X teilen
40 Obdachlose jede Nacht im «Pfuusbus»
Video: srf
Das könnte dich auch noch interessieren:
77 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Franz Rosenkohl (1)
30.11.2023 13:09registriert Oktober 2017
Grossen Respsekt, an alle Freiwilligen und Spendern welche die Augen nicht vor der Realität verschliessen.
1281
Melden
Zum Kommentar
avatar
Fight4urRight2beHighasaKite
30.11.2023 13:19registriert Oktober 2022
Soll kein Hate sein, nicht mal Kritik, gönnt euch die Zeit im Wellness. Der Kontrast zwischen vermehrter Obdachlosigkeit in Zürich und Zürcher Angestellten auf der Sonnenseite des Lebens stimmt nur nachdenklich. Zwei gegensätzliche Lebensrealitäten - Die einen brauchen auf dem Weg nach oben eine Pause vom Hamsterrad, die anderen sind längst ausgestiegen und gescheitert. Auf den ersten Blick mag der Obdachlose oft selbst Schuld sein, er steht sich auch tatsächlich gerne mal selbst im Weg. Schaut man genauer hin zeigen sich traurigste Biographien und sowas formt nun mal schwierige Menschen.
Bild
9410
Melden
Zum Kommentar
avatar
The Box
30.11.2023 12:42registriert Juli 2015
Die momentane Situation ist auch zum Schreien.
799
Melden
Zum Kommentar
77
SP und Grüne reichen Initiative für einen Klimafonds ein

Mit Mitteln aus einem Klimafonds sollen künftig mehr Solarpanels gebaut, Gebäudesanierungen vorangetrieben, der ÖV ausgebaut und der Erhalt von Lebensräumen und der Artenvielfalt gefördert werden. SP und Grüne haben eine entsprechende Volksinitiative eingereicht.

Zur Story