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Interview

Covid-Pflegerin am Unispital: «Die Patienten möchten einfach wieder atmen können»

Babette Stolz pflegt Coronapatienten am Universitätsspital Zürich. Und sieht, wie auch jüngere Menschen nie mehr aus der Intensivstation zurückkehren.
20.11.2021, 14:01
Sabine Kuster / ch media

Zwei dünne Trainerjacken hat sie sich übergezogen und sitzt gelassen lächelnd in der Kälte auf einer Parkbank neben dem Unispital Zürich. Sie habe es lieber kühl als heiss, sagt Babette Stolz (31), lieber so im Schutzanzug wie zur Zeit als im Sommer.

Babette Stolz arbeitet seit sechs Jahren am Universitätsspital Zürich und pflegt seit beinahe zwei Jahren Coronapatienten.
Babette Stolz arbeitet seit sechs Jahren am Universitätsspital Zürich und pflegt seit beinahe zwei Jahren Coronapatienten.bild: ch media

Seit sechs Jahren pflegt sie Patientinnen und Patienten mit einer ansteckenden Krankheit auf der Infektiologie, seit bald zwei Jahren auch Coronapatienten. Sie sieht nicht niedergekämpft aus. Täuscht das?

Wie geht es Ihnen?
Babette Stolz: Gut. Nur etwas müde, das ist der Frühdienst, der um 7 Uhr beginnt, und die mangelnde Sonne.

Wie war das Arbeiten in den letzten zwei Jahren?
Manchmal war die Arbeitslast hoch, alles ist sehr flexibel geworden. Ständig kommen neue Informationen. Wir müssen uns viel besser schützen als bei anderen Infektionskrankheiten. Selbst bei Tuberkulosepatienten tragen wir zwar die FFP2-Maske, aber nicht den Kittel und die Schutzbrille. Aber ich habe mich daran gewöhnt.

«In der ersten Welle hatten wir wenig zu tun, aber die Leute glaubten, wir wären überlastet. Später war es genau umgekehrt.»

Wollten Sie nie die Abteilung wechseln?
Nein, ich wollte im Team bleiben. Gerade im letzten Herbst. Ich fand es eine spannende Erfahrung für das Team und mit den anderen, die neu dazu kamen.

Was waren Frustmomente?
Die Wahrnehmung der Öffentlichkeit war oft weit entfernt von der Realität im Spital. In der ersten Welle hatten wir wenig zu tun, aber die Leute glaubten, wir wären überlastet. Später war es genau umgekehrt.

Was dachten Sie, als die Impfung kam?
Ich war beeindruckt, wie schnell es gehen kann, wenn man Ressourcen bündelt. Anfangs hatte ich aber auch ein paar Bedenken und habe mir Zeit genommen, darüber nachzudenken. Dann habe ich mich aber für die Impfung entschieden.

Gibt es noch ungeimpfte Kolleginnen?
Ja, aber wenige.

Dachten Sie im Frühling, nun sei die Pandemie bald überstanden?
Nein, damals nicht. Aber Anfang 2020 haben wir das gedacht, weil wir uns früher mal auf eine Ebola-Epidemie vorbereitet hatten und die dann doch nicht gekommen ist. Bei Corona dachten wir deshalb zuerst auch, das gehe in zwei Wochen wieder vorüber. Später hofften wir mit den Impfungen auf eine Besserung. Aber nun dauert es halt noch.

«In der Welle nach den Sommerferien dachte ich manchmal schon: Wäre dieser oder jene hier, wenn sie sich hätten impfen lassen?»

Die 5. Welle kommt.
Ich glaube und hoffe, dass es nicht ganz so schlimm wird wie im letzten Jahr. Wir sehen auch, dass die Patienten, die geimpft sind und zu uns auf die Station kommen, einen viel leichteren Verlauf haben als die ungeimpften. Die Geimpften werden eher wegen Komplikationen im Zusammenhang mit dem Virus, wie Blutgerinnsel eingeliefert; nicht primär wegen der Atembeschwerden.

Was denken Sie über die ungeimpften Patienten?
Ich denke mir nicht viel.

Ehrlich?
Ich finde ... als Pflegerin kenne ich deren Geschichte ja gar nicht. Manchmal finde ich im Gespräch was raus. Aber wir behandeln sowieso Leute aus verschiedensten Gruppen, mit unterschiedlichen Lebensentscheidungen. In der Welle nach den Sommerferien dachte ich manchmal schon: Wäre dieser oder jene hier, wenn sie sich hätten impfen lassen? Aber sie sind da und dann schaue ich, dass es ihnen gut geht.

Das führt bei Ihnen nicht zu Frust und Unverständnis?
Frust nicht. Unverständnis ist schon auch da. Aber viele Covid-Patienten sind danach recht einsichtig und wollen sich nachher meist noch zusätzlich impfen lassen. Die Patienten, die gegen die ganzen Massnahmen sind, sagen eher nicht so viel. Sie merken selber, dass es ihnen schlechter geht, als sie sich das vorgestellt haben. Sie sind einfach froh, dass wir uns um sie kümmern.

Ihre Arbeitsmotivation ist unverändert hoch.
Es war nicht immer so, aber jetzt, wo man in der Freizeit auch wieder herausgehen und Leute treffen kann, ist es viel besser. Vor einem Jahr konnte ich meine Eltern in Hamburg gar nicht mehr besuchen an Weihnachten. Da ging ich nur auf die Arbeit und wieder heim.

«Ich habe noch nie so tiefe Sauerstoffsättigungswerte im Blut gesehen wie bei den Coronapatienten. Viele merken es nicht mal, aber für das Gehirn und das Herz ist es gefährlich.»

Wie war das Arbeiten da?
Von Oktober bis Dezember war es schon ziemlich schlimm. Wir hatten viele Todesfälle. Es war belastend und befremdlich, dass wir die Leichen zur Sicherheit in Body-Bags legen mussten. Zum Glück ging dieser Kelch an mir vorüber.

Haben Sie besondere Geschichten erlebt?
Ja, einige. Zum Beispiel lag ein Ehepaar in einem Zimmer, beide mit Corona. Der Mann verstarb und wir bekamen die traurige Reaktion seiner dementen Frau voll mit. Das hat uns sehr bewegt. Wir betreuen die Patienten oft lange und wenn dann deren Partner stirbt, geht einem das ans Herz. Dann hat sich auch noch ein Patient auf der Abteilung das Leben genommen. Aus Angst vor einem schlimmen Verlauf, weil er die Geschichten aus den Medien kannte. Das war sehr hart für uns.

Die Intensivstation macht vielen Angst. Wie reagieren Patienten, wenn sie verlegt werden müssen?
Die meisten sind zu dem Zeitpunkt schon so geschwächt, dass sie nicht viel sagen. Sie möchten einfach wieder ­atmen können. Es muss schlimm sein, nicht genug Luft zu kriegen. Ich habe noch nie so tiefe Sauerstoffsättigungswerte im Blut gesehen wie bei den Coronapatienten. Viele merken es nicht mal, aber für das Gehirn und das Herz ist es gefährlich. Manche kriegen deswegen einen Herzinfarkt.

Trifft es auch jüngere Personen?
Manchmal schon. Wir hatten einen Mann Anfang 30, bei dem wir uns überlegten, ob er auf die Intensivstation muss, weil es ihm schlecht ging. Wir hatten auch schwangere Frauen, die stark erkrankten. Und manchmal müssen Jüngere ohne Vorerkrankungen auf die Intensivstation und kommen nicht mehr zurück.

Wie alt sind die?
Um die 50 herum, solche, die mitten im Leben standen und dann sterben oder kaum mehr von der Beatmungsstation loskommen. Zum Glück können die Angehörigen die Patienten nun häufiger besuchen.

In Schutzkleidung nehme ich an. Stinkt einem das eigentlich, dieses ständige An- und Ausziehen?
Naja, wenn man gerade zwei Stunden in einem Zimmer war, rauskommt und dann klingelt's schon wieder, dann sagt man schon: Ist doof.

Haben Sie Angst, sich anzustecken?
Als ich zum ersten Mal in einem Zimmer mit Coronapatienten war, war ich sehr nervös und musste tief durchatmen.

Obwohl Sie sonst auch mit infektiösen Patienten zu tun haben?
Ja, aber das war eine ganz neue Krankheit und ich hatte die Schreckensmeldungen aus den Medien im Kopf. Ich vertraute dann darauf, dass die Massnahmen, die wir im Spital ergreifen, funktionieren. Das tun sie bis jetzt auch, ich habe mich jedenfalls nicht angesteckt. Ich halte mich immer an die Regeln, auch in brenzligen Situationen. Wenn ich zum Beispiel sehe, dass im Zimmer jemand aufsteht, der sturzgefährdet ist. Da musste ich mir sagen: Erst anziehen, dann rein und in der Zwischenzeit hoffen, dass die Person nicht umfällt.

Haben Sie Ihre Auffrischimpfung schon erhalten?
Nein, im Unispital werden zuerst die älteren Angestellten geboostert, «off label».

Die Mitte-Politikerin Ruth Humbel fordert, dass man über eine Triage nachdenken soll. Wie stehen Sie zu dieser Idee?
Ich bin froh, dass ich die Entscheidung nicht treffen muss. Aber ich finde, die Politik sollte eher dafür sorgen, dass sich die Bedingungen in den Spitälern ändern. Es gibt Personalmangel und es kündigen viele, weil sie nicht glücklich sind im Beruf.

Was ist schön geblieben an Ihrer Arbeit?
Die Teamarbeit. Wir haben uns immer zusammengerauft und einander mehr geholfen als sonst. Ausserdem ist es schön zu sehen, wenn ein Patient wieder gesund ist. Sie sind auch oft sehr dankbar. Wir erhalten viele Dankeskarten, auf denen steht: Die Pflege war da und hat uns geholfen. (aargauerzeitung.ch)

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