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Eine Spitalbehandlung wegen Covid-19 ist teuer.
Eine Spitalbehandlung wegen Covid-19 ist teuer.Bild: keystone

Bei Ungeimpften Spitalkosten eintreiben: Was gegen den Vorschlag spricht

Künftig zahlen Ungeimpfte in Singapur die Behandlungskosten bei einer Covid-Infektion selbst. Auch ein Schweizer Ökonom denkt laut über eine teilweise Abwälzung der Kosten nach. Ein Medizinethiker findet: Es braucht dringend eine Lösung, aber sie sieht nicht so aus.
15.11.2021, 05:2816.11.2021, 08:40

Wer sich impfen lassen kann, aber nicht will, soll die Behandlungskosten bei einer Covid-Infektion selber zahlen. Was hierzulande bisher klar verneint wurde, setzt Singapur nun um. Auch in der Schweiz schlägt ein Wirtschaftsprofessor vor, dass Ungeimpfte wenigstens einen Teil der Spitalkosten selber zahlen müssen. Politisch ist das Thema ein heisses Eisen. Die Regierung will die Leute zum Impfen motivieren, nur wie?

«Medizinische Fragen muss man strikt von der Schuldfrage trennen.»
Mathias Wirth, Medizinethiker

Menschen möglicherweise zu ruinieren, indem sie horrende Spitalkosten selber zahlen, sei nicht der Weg, findet Medizinethiker Mathias Wirth von der Universität Bern. «Medizinische Fragen muss man strikt von der Schuldfrage trennen.» Klar gäbe es Menschen, die sich aus unverständlichen Gründen nicht impfen liessen, so Wirth. «Aber wie unterscheidet man diese Gruppe von jenen, die sich aus panischer Angst nicht impfen lassen? Oder jenen, die von Demagogen verführt oder von ihren sozialen Kreisen enorm beeinflusst werden?» Diese Personen wären auf eine ganz andere Art schuldig. Aber das zu prüfen, sei unmöglich.

Das Déjà-vu

Gleichzeitig ist die Lage brisant. Die Spitäler sehen sich erneut mit steigenden Fallzahlen konfrontiert und ihr Personal läuft auf dem Zahnfleisch. Anfangs Oktober waren die Schweizer Intensivstationen (IPS) zu 77 Prozent mit ungeimpften Covid-Patienten belegt. Diese Personen wurden alle positiv auf das Coronavirus getestet, lagen aber nicht in jedem Fall wegen der Infektion auf der IPS, sondern auch aus anderen Gründen. Das erklärt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mit Verweis auf die Zahlen des Spital-Überwachungsprogramms.

Ob selbstverschuldet oder nicht: Eine Spitalbehandlung wegen Covid-19 ist teuer. Laut dem Krankenversicherer CSS kostet die Akutpflege von Corona-Patienten im Durchschnitt rund CHF 20'300.00. Etwas weniger als die Hälfte, 45 Prozent, zahlt die Versicherung. Der Rest übernimmt der Kanton, sprich, die Allgemeinheit. Rehabilitation und der Erwerbsausfall sind da noch nicht mit einberechnet.

Mit dem Déjà-vu von früheren Corona-Wellen wächst das Unverständnis für Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen. So in Deutschland: Dort fordern bereits ranghohe Mediziner und Medizinerinnen öffentlich das Verursacherprinzip. Jürgen Zastrow, leitender Impfarzt in Köln, sagte gegenüber dem deutschen Sender WDR: «Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die sich für bestimmte Risiken entscheiden, diese Risiken dann auch zu tragen haben.» Die Entscheidung gegen die Covid-Impfung sei ja kein Risiko, das aus Krankheit entsteht, sondern aus persönlichen Lebensentscheidungen. Der Hannover Immunologe Reinhold Förster gibt Zastrow recht. Er sagt: «Der Vorschlag wird mit Sicherheit sehr kontrovers diskutiert, aber im Prinzip geht er schon in die richtige Richtung.»

Singapur beschliesst drakonische Linie

In Singapur ist die Zeit für Diskussionen bereits abgelaufen. Ab dem 8. Dezember übernimmt der Staat die Spital- und Behandlungskosten von ungeimpften Corona-Patienten nicht mehr. «Ungeimpfte Personen stellen derzeit die deutliche Mehrheit der intensivstationären Pflegebedürftigen und tragen überproportional zur Belastung unserer Gesundheitsressourcen bei», steht in der Stellungnahme, die das Singapurer Gesundheitsministerium anfangs Woche publiziert hat.

Singapurs Gesundheitsminister Ong Ye Kung will mit der neuen Linie «ein wichtiges Signal senden».
Singapurs Gesundheitsminister Ong Ye Kung will mit der neuen Linie «ein wichtiges Signal senden».Bild: Keystone

Zwar beträgt die Durchimpfungsrate in Singapur bereits 85 Prozent und ist damit eine der höchsten weltweit. Doch die Regierung will mehr. «Wir müssen dieses wichtige Signal aussenden, um jeden zu drängen, sich impfen zu lassen, wenn er oder sie dazu berechtigt ist», sagte Gesundheitsminister Ong Ye Kung an einer Pressekonferenz, die auf Yahoo News zu sehen ist. Covid-19-Patienten, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können, würden allerdings nach wie vor vom Staat unterstützt.

Zusatzversicherung für Ungeimpfte

In der Schweiz ist dieses Szenario undenkbar. Es würde dem solidarischen Grundgedanken des Krankenversicherungsgesetzes widersprechen: Jede Person hat Anrecht auf eine Grundversorgung.

Trotzdem sollte man darüber nachdenken, Ungeimpfte zur Kasse zu bitten, findet der Lausanner Wirtschaftsprofessor Marius Brülhart. Er schlägt vor, dass ihnen die Kosten für die Rehabilitation und den Erwerbsausfall zum Teil angelastet werden sollen. Ganz nach dem Beispiel der Unfallversicherung bei Extremsportlerinnen und -sportlern: Wenn jemand Bungee-Jumpen geht, boxt oder Quadrennen fährt, kann die UVG die Leistungen bis zu 50 Prozent kürzen.

Das Gleiche soll bei Ungeimpften möglich sein: «Da geht die Allgemeinheit davon aus, dass der oder die Betroffene bewusst ein Wagnis eingeht», sagt Brülhart gegenüber SRF «News». Der Ökonom schlägt vor: Analog zu den Risikosportlern könnten Ungeimpfte eine Zusatzversicherung abschliessen, die die Behandlung nach einer Covid-Infektion abdecken würden.

Müssten nach dieser Logik auch andere Patientinnen und Patienten mit risikoreichem Verhalten wie Rauchen oder Übergewicht zur Kasse gebeten werden? Nach Brülharts Logik nicht. «Bei Suchtproblematiken ist es anders als beim Impfen. Raucherinnen, Alkoholiker oder Übergewichtige können sich häufig nicht von heute auf morgen entscheiden, aus ihrer Situation herauszukommen.» Bei Ungeimpften sei das anders: «Sich impfen lassen oder eben auch nicht, ist ein freier und bewusster Entscheid.»

Marius Brülhart versteht seine Idee nicht als unmittelbare Forderung an die Politik, sondern als Denkanstoss. Momentan sehe er noch keinen Handlungsbedarf. Trotzdem: «Wenn die Pandemie aber andauert, dann braucht es eine Diskussion über das Verursacherprinzip», sagte er gegenüber «SRF».

Versicherung animiere zum Nicht-Impfen

Medizinethiker Wirth findet Brülharts Vorschlag völlig kontraproduktiv. «Es ist der falsche Ansatz und im Grunde bietet man etwas höchst Unvernünftiges an.» Zwar erhöhe man den Druck, indem ein Teil der Kosten auf die Ungeimpften abgewälzt werde. «Aber wenn man im gleichen Zuge eine Zusatzversicherung anbietet, animiert man die Leute wieder zum Nicht-Impfen», so Wirth.

«Man sollte gerade in Krisen nicht am Grundethos einer Medizin für alle rütteln.»
Mathias Wirth, Medizinethiker

Ausserdem fehlen dem Medizinethiker Erfahrungswerte. «Wir wissen nicht, ob sich tatsächlich mehr Menschen mit einer solchen Praxis impfen lassen oder ob sie nicht einfach in den finanziellen Ruin fallen.» Dass die Lage brisant ist, sieht auch Wirth. Aber weder die Handhabung in Singapur noch der Vorschlag Brülharts seien vernünftig, um die Menschen von der Impfung zu überzeugen. «Man sollte gerade in Krisen wie jetzt nicht am Grundethos einer Medizin für alle rütteln.»

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