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«Freiheitstrychler» sind nicht der Grund für die tiefe Impfquote in der Schweiz.
«Freiheitstrychler» sind nicht der Grund für die tiefe Impfquote in der Schweiz.Bild: keystone
Analyse

Darum haben deutschsprachige Länder ein Problem mit der Covid-Impfung

Die Schweiz, Deutschland und Österreich haben im Vergleich zum Rest Westeuropas sehr tiefe Impfquoten. Das hat unter anderem mit dem Nationalsozialismus zu tun.
18.11.2021, 09:0720.11.2021, 08:45

Angefangen hat alles mit einem Artikel der «Financial Times». Darin illustrierte die renommierte britische Tageszeitung, dass die drei (grösstenteils) deutschsprachigen Länder Deutschland, Österreich und die Schweiz den mit Abstand höchsten Anteil an ungeimpften Personen in ganz Westeuropa haben.

Damit hat die «Financial Times» einen wunden Punkt getroffen. Auf Twitter wurde die Impfquoten-Grafik zehntausendfach geliket und kontrovers diskutiert. Dabei stellte man sich vor allem die Frage:

Warum?

Eine gute Frage. Leider gibt es darauf keine gute Antwort. Die Journalisten der «Financial Times» bringen rechtspopulistische Coronaskepsis und esoterische Impfkritik ins Spiel. Doch das sind höchstens Symptome einer ganzen Kette vorangehender Probleme.

Zudem wurde Kritik laut, dass der Artikel aufschlussreichere Erkenntnisse über selektive Wahrnehmung und willkürliche Datenerhebung enthält, als über die tatsächliche Fragestellung der tiefen Impfquote. Erweitert man den Datensatz der Quoten-Grafik um die erste Reihe an Ländern weiter östlich (Ungarn, Tschechien, Slowenien, Polen, Slowakei), so stehen die deutschsprachigen Länder plötzlich im Mittelfeld.

Das macht es schwer, diese lose zusammengeschusterte Anklage zu untersuchen. Ganz zu schweigen davon, eine kohärente Antwort zu finden. Nichtsdestotrotz stösst man bei genauerer Betrachtung auf einige interessante Muster.

Warum sind die Impfquoten im deutschsprachigen Raum also so tief? Ein (nicht abschliessender) Erklärungsversuch.

Wo liegt die Wurzel des Problems?

Der Fisch stinkt vom Kopf, sagt der Volksmund. Um ein so komplexes Phänomen ganzheitlich betrachten zu können, muss dieser also erst einmal gefunden werden. Doch wo liegt der Kopf einer länderübergreifenden, scheinbar sprachlich induzierten Impfskepsis?

Die plausibelste Antwort dürfte im Bereich Public Health liegen. Ein Anglizismus mit Gründen – doch dazu später mehr. Zuerst: Was heisst und was soll Public Health?

Lose übersetzt bedeutet Public Health «öffentliche Gesundheitspflege». Sie beschäftigt sich mit der Gesundheit aller Menschen und hat zum Ziel, diese zu erhalten, zu verbessern und zu stärken. Dies geschieht zum Beispiel durch Prävention vor Krankheiten und Förderung der körperlichen und psychischen Gesundheit.

Die deutschsprachigen Länder haben einen verkümmerten Trizeps

Public Health stellt das Gegenstück zur Individualmedizin dar, bei der es darum geht, Krankheiten beim Einzelnen zu behandeln. Sie sind jedoch keine Konkurrenten, sondern sollten einander ergänzen.

Es ist wie beim Fitnesstraining: Die Muskeln unserer Gliedmassen bestehen aus Agonisten und Antagonisten, Beuger und Strecker, Bizeps und Trizeps, um ein Beispiel zu nennen. Um optimal zu funktionieren, muss man beides trainieren. Kräftigt man immerzu nur den Bizeps, entstehen mit der Zeit muskuläre Dysbalancen. Der Trizeps verkümmert. Die Folge: Verletzungen und Funktionsstörungen.

«Vor allem in der Schweiz sind medizinische Sichtweisen, die sich mit dem Kollektiv beschäftigen, seit Jahrzehnten unterentwickelt», sagt Thomas Steffen, Kantonsarzt von Basel-Stadt. Ganz im Gegensatz zur Individualmedizin. «Wir sind weltweit führend, wenn es darum geht, Krankheiten beim Einzelnen zu behandeln.»

Bei einer Pandemie stehe jedoch medizinisch das kollektive Handeln im Vordergrund – «doch dafür haben wir die Strukturen nicht», sagt Steffen.

Die deutschsprachigen Länder haben einen verkümmerten Trizeps.

Von Nazis und medizinischen Polizisten

Dabei hätte alles ganz anders kommen können. Public Health gilt gemeinhin als eine deutsche Erfindung. Der Arzt Johann Peter Frank veröffentlichte 1779 das erste Buch seines Hauptwerkes «System einer vollständigen medicinischen Polizey», das mit etwas Kreativität mit «Staatliches Gesundheitswesen» übersetzt werden kann.

Frank war der Ansicht, dass viele und gesunde Bürgerinnen und Bürger eine Grundbedingung für einen starken Staat sind. Dementsprechend sollte Gesundheit auch eine Aufgabe des Staates sein. Für seine Idee von Volks­gesundheit wollte er das Verhalten eben jenes Volkes bis in intimste Details geregelt und nötigenfalls verboten wissen. Zum Beispiel wer heiraten darf. Oder wann man das Brunnenwasser abschöpfen darf.

Johann Peter Frank.
Johann Peter Frank.bild: wikimedia

Er setzte sich aber auch für mehr Hygiene in Spitälern, mehr Grün in Städten, mehr Sport in Schulen und mehr Pausen bei der Arbeit ein. Johann Peter Frank legte damit den Grundstein für Public Health.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand sich die Sozialhygiene, wie man sie damals nannte, auf einem Höhepunkt im deutschsprachigen Raum. Man war weltweit führend in statistischer und sozialer Medizin.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, fanden sie Gefallen an der regulatorischen, restriktiven und interventionistischen Natur der Präventionspolitik. So implementierten sie zum Beispiel Rauchverbote und starteten Nichtraucherkampagnen. Das Rauchen wurde in der nationalsozialistischen Propaganda als «für die Rasse schädliche, dekadente Mode des politischen Liberalismus» gebrandmarkt.

Wie die Formulierung bereits andeutet, wurde die Sozialhygiene in der Hitler-Ära von der Rassenhygiene instrumentalisiert. Ein Stigma, das bis heute Auswirkungen auf den deutschsprachigen Gesundheitsbereich hat.

Der medizinische Schmetterlingseffekt

Das zeigt sich schon daran, dass man im Deutschen nach wie vor von «Public Health» spricht. Begriffe wie «Volksgesundheit» weisen eine schier untrennbare Konnotation zu der Nazizeit auf. Die Wunden scheinen so tief, dass es in Deutschland zum Beispiel keinen einzigen Arzt mit dem Titel «Prävention und Public Health» gibt. In 40 anderen Ländern Europas hingegen schon.

Der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen trägt genau diesen Titel. Doch das sei nur ein schwacher Trost, wie er findet. «Die DACH-Länder sind im Bereich Public Health 20, 30, vielleicht 40 Jahre im Rückstand». Im Resten Westeuropas habe sich in der Nachkriegszeit der Public-Health-Sektor sehr gut entwickelt, da «lateinische und angelsächsische Gesellschaften ein solches Trauma nie erlebt haben».

Die Folgen dieses Rückstands sind mannigfaltig und kaum zu beweisen, da sie – ganz im Sinne des Schmetterlingseffektes – seltsame Blüten trieb.

Die «Gesundheits-Taliban» sind Opfer einer politischen Ideologie

Die Schweiz hat beispielsweise bis heute kein nationales Präventionsgesetz. Ein entsprechender Entwurf wurde 2012 nach jahrelangem Ringen vom Parlament beerdigt. Ein Kolumnist der «NZZ am Sonntag» warnte anno 2005 von den «Präventionsfanatikern» beim Bundesamt für Gesundheit, die kurz vor dem «Endsieg» stünden (man beachte das NS-Vokabular).* Der Gewerbeverband sprach 2008 von einer Offensive der «Gesundheits-Taliban».

«Mit der Ablehnung des Präventionsgesetzes hat man die Chance verpasst, eine kollektive Sicht, eine zusätzliche Leistungsfähigkeit im System, zu kreieren», sagt Thomas Steffen. Public Health hätte einen Rahmen erhalten können, leider sei die Diskussion jedoch zu sehr politisiert worden. «Dabei geht es nicht um Politik, sondern um ein wichtiges Instrumentarium, um das Gesundheitswesen effizienter und leistungsfähiger zu machen und letztlich auch für Krisen wie die Covid-Pandemie vorzubereiten.»

Ausser dem Epidemiengesetz gibt es bis heute fast keine gesetzlichen Strukturen, die der Schweiz aus gesamt-medizinischer Sicht als Instrumente dienen. Es gibt keine Institution, die sich schwergewichtig mit Epidemien auseinandersetzt. Bis vor Corona hätten einige Kantone zudem lediglich einen Teilzeit-Kantonsarzt gehabt, wie Steffen erzählt. «Das mag reichen, um einzelne Fälle zu bearbeiten. Wenn das System aber in ein grosses, kollektives Ereignis kommt, dann gerät es ins Schwanken».

Zwischenfazit: Was hat das alles mit Impfquoten zu tun?

Zeit für ein Zwischenfazit. Der stinkende Fischkopf, der verkümmerte Trizeps, es scheint der Public-Health-Bereich zu sein. Notorisch unterentwickelt wegen eines schwer anhaftenden Nazi-Stigmas. Träge im Fortschritt dank neoliberalen Ideologien (das Individuum ist durch sein Verhalten für seine Gesundheit verantwortlich).

Schön und gut – doch was hat dies mit der Impfquote zu tun?

Nichts direkt, vieles verdeckt.

Direkt verantwortlich ist letztlich die Politik und die Entscheidungen, die die Politik getroffen hat. Die Interessen, denen die Politik mehr Gewicht verliehen hat. Die politischen Strukturen, die die Entscheidungsfindung beeinflusst haben.

Indirekt hätten viele der konkreten Einflussfaktoren durch einen starken Public-Health-Sektor abgefedert werden können. Dass dieser fehlt, ist hingegen ein optimaler Nährboden für Chaos.

Impfen ist und bleibt Eigenverantwortung

Ein eindrückliches Beispiel dafür ist die Art und Weise, wie verschiedene Länder ihre Impfung bewerben, beziehungsweise über diese sprechen.

Nehmen wir Alain Berset: «Ab dem Moment, wo alle Impfwilligen geimpft sind, ist das Ziel nicht mehr, die Impfunwilligen zu schützen», sagt der Gesundheitsminister immer wieder. Oder anders gesagt: Impfen ist Sache der Eigenverantwortung. Gesundheit ist Sache der Eigenverantwortung. Die Individualmedizin lässt grüssen.

Alain Berset.
Alain Berset.Bild: keystone

«Man hat in der Schweiz sehr neutral kommuniziert und die Impfung nie optimal beworben», sagte die Kommunikations­wissenschaftlerin Suzanne Suggs der «Republik».

Das gilt nicht nur für die Schweiz, sondern für den gesamten DACH-Raum. In anderen Ländern sieht das hingegen ganz anders aus: Impfkampagnen wurden viel aggressiver beworben, zum Teil wurde das «Opt-out»-Modell angewendet. Anstatt sich für einen Impftermin bemühen zu müssen, muss man schauen, ihn wieder loszuwerden. Denn jeder bekommt automatisch einen Termin zugeschickt.

Der Bundesrat im Skeptiker-Outfit

Die Laissez-faire-Attitüde macht sich nicht nur bei der Kommunikation bemerkbar, sondern auch bei der konkreten Strategie, wie man die Impfquote erhöhen will. In Frankreich und Italien wurde der Druck auf die Ungeimpften bereits vor Monaten erhöht, indem sie zum Beispiel nicht mehr in Restaurants gelassen wurden.

Hierzulande foutiert sich die Exekutive darum, solche Massnahmen auch nur in den Mund zu nehmen. Auf die Frage von watson, ob der Bund oder ein Kanton ein Impfobligatorium erwäge, sagte Virginie Masserey am Point de Presse von dieser Woche knapp: «Darüber diskutieren wir aktuell nicht.»

Derweil behauptet in Österreich der frühere Innenminister Herbert Kickl von der FPÖ, dass die Impfkampagne schuld sei an der vierten Welle. Die AfD in Deutschland betreibt mit Massnahmenskepsis Oppositionspolitik, SVP-Bundesrat Ueli Maurer lässt sich mit einem «Freiheitstrychler»-Pulli ablichten.

Maurer im Trychler-Pulli.
Maurer im Trychler-Pulli.Bild: twitter

In den Fängen eines politischen Stockholm-Syndroms

Doch woher kommt diese Skepsis überhaupt? Ist es das «faustische» Wesen der deutschen Kultur – immer dagegen sein? Oder ein Nachhall des romantischen deutschen Erbes? Oder die Birkenstock-Natursehnsucht der Anthroposophen?

Darüber lässt sich höchstens spekulieren. Klar ist: Im Föderalismus ist es seit Jahrzehnten Usus, gegen die Politikerinnen in der Hauptstadt zu sein. Der Rechtspopulismus hat es sich in jüngsten Jahren zur Aufgabe gemacht, diese Skepsis zu bewirtschaften, welche in Coronazeiten einen neuen Höchststand erreicht hat. Das ist interessant, war zumindest «Medizinkritik» vor 40 Jahren noch ein linkes Thema.

Rechts oder links – es spielt letztlich keine Rolle. Man hat den Mut nicht zusammengebracht, dezidiert gegen Fake-News und Freiheitsschreier vorzugehen. Oder mit mehr Druck für die Impfung zu plädieren. Vielleicht aus einer Art politischem Stockholm-Syndrom: In Bern, Berlin und Wien glaubt man mittlerweile selbst an die Geschichten des aufmüpfigen Bürgers.

Über den Tellerrand der Individualmedizin schauen

Oder vielleicht, weil die Politik es gar nicht konnte. Weil von Anfang an die Strukturen gefehlt haben, um adäquat auf diese Krise zu reagieren. Weil man sich in Diskussionen über Sinn und Unsinn einer Covid-Taskforce verheddert hat, während man Mühe hatte, die per Fax eintrudelnden Daten richtig zu erheben. Weil es nie einen richtigen Link zwischen Gesundheit und Politik gab. Weil man nicht erkannt hat, dass es nicht um Freiheit geht, sondern darum, effizient ein Naturphänomen zu bekämpfen.

Ob und wie all das eine Erklärung für tiefere Impfquoten darstellt, wird man erst retrospektiv sagen können. Wenn überhaupt.

«Schön wäre es, wenn man die entsprechenden Lektionen daraus ziehen würde und in Zukunft über den Tellerrand der Individualmedizin schaut», sagt Kantonsarzt Thomas Steffen. «Viele medizinische Probleme lassen sich nur lösen, wenn wir erkennen, dass wir nicht 8 Millionen Einzelwesen sind in der Schweiz.»

Das dürfte auch für alle anderen gesellschaftlichen Probleme gelten.

*Der Artikel der «NZZ am Sonntag» ist online nicht aufrufbar. Er erschien als Kolumne von Max Frenkel am 11.12.2005.

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