Beschuldigter im 'Ndrangheta-Prozess bestreitet Anklage: «Io non sono mafioso»
Der Angeklagte hat im 'Ndrangheta-Prozess am Dienstag vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona bestritten, einer kriminellen Organisation anzugehören. Er gab jedoch zu, mit dem Oberhaupt eines kalabresischen Mafia-Clans befreundet zu sein.
«Io non sono mafioso» – «Ich bin kein Mafioso» – sagte der Angeklagte am Dienstag im zweiten Teil der Befragung vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona. Er habe in seinem Leben von Kindsbeinen an immer gearbeitet, fügte der 59-Jährige an.
Er sei mit dem Clan-Chef in derselben Schule in Kalabrien gewesen. Sie seien «compagni di scuola» – «Schulkameraden» – gewesen, hielt der Angeklagte fest. Laut Anklageschrift der Bundesanwaltschaft übernachtete der Clan-Chef auch mindestens einmal beim Angeklagten im Kanton Aargau. Mit dem Leben des Mannes habe er aber nichts zu tun, das «interessiere» ihn nicht, hielt der Angeklagte fest.
Das Mafia-Oberhaupt wurde im Juni 2024 vom Tribunale di Lamezia Terme zu einer 24-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Der Bruder und Stellvertreter des Mafia-Oberhaupts wurde im selben Prozess zu 30 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
Angeklagter spricht von «Drecks-Kronzeugen»
Die vorsitzende Richterin las auch eine Aufzeichnung vor, in der der 59-Jährige von «pentiti di merda» – von «Drecks-Kronzeugen der Mafia» – sprach. Erst sagte der Angeklagte, er erinnere sich nicht an diese Aussage. Aber die Richterin insistierte, fragte immer wieder: «Warum sagen Sie so etwas?», und las es wieder und wieder vor, bis aus dem Befragten «Die lügen doch!» herausbrach. Rasch schob er nach, dass er einverstanden sei mit den «pentiti», wenn sie die Wahrheit sagten. Und er hätte das damals – als er unwissentlich aufgenommen wurde während des Gesprächs – nicht sagen sollen. «Jeder macht seine Arbeit», versuchte er seine zuvor gemachte Aussage abzumildern.
Auch das Thema Reisen war Gegenstand der Befragung am Dienstag. Wieso er seit 2020 nicht mehr in Deutschland bei seinem Bruder und nicht mehr in Italien gewesen sei, wollte die Richterin wissen. «Dazu gibt es nichts zu sagen», hielt der Mann erst fest. Ob er ein Verfahren der italienischen Justiz fürchte? «Ich weiss nichts von Italien», sagte er knapp.
Ob er das Schicksal seines einstigen Kompagnons kenne, der gemäss Anklageschrift der Logistik- und Waffenhandelspartner des Beschuldigten war? «Jeder hat so seine Dinge, die ihn beschäftigen», antwortete der Mann. Er habe wegen des Prozesses nicht verreisen können.
Sie glaube, er habe Angst vor einer Verhaftung im Ausland, insistierte die Richterin, worauf der Angeklagte, der stark nuschelt, immer wieder neben, statt ins Mikrophon und in starkem Dialekt spricht, offenbar eine entsprechende, für Zuhörende jedoch unverständliche Bemerkung machte, dass die Richterin sagte: «Na, also, ich wusste doch, dass Sie vor einer Verhaftung Angst haben!»
Mann beleidigt seine Mutter – dann droht ihm der Angeklagte
Bei der Befragung vor dem Bundesstrafgericht hat der Angeklagte am zweiten Tag der Befragung auch zugegeben, gewisse Drohungen ausgesprochen zu haben. Er habe aber nie jemanden umgebracht, hielt der Mann fest.
Laut Anklageschrift sagte der 59-Jährige im Februar 2019, dass ein Mann, den er «Lupo» nennt, ihn respektieren müsse. Sonst nehme er ihn und bringe ihn «wie ein Schwein» um.
Nach einer Stellungnahme zu dieser Aussage gefragt, sagte der Angeklagte zuerst, er erinnere sich nicht. Als die vorsitzende Richterin die Stelle wieder und wieder laut vorlas und mehrmals nachhakte, sagte der Angeklagte, der andere habe ihm noch schlimmere Dinge gesagt. Jener Mann habe schlecht über ihn und über seine inzwischen verstorbene Mutter gesprochen.
Aber er habe nie jemanden umgebracht, sagte der 59-Jährige im Verlauf der Befragung am Dienstag. Es könne aber sein, dass er einmal «wütend» geworden sei. Das sei vom «Stress» gekommen.
Beschuldigter soll beim Drogen-Schmuggel und Waffenhandel geholfen haben
Dem 59-jährigen Angeklagten wird vorgeworfen, während fast zwei Jahrzehnten in der Schweiz als logistischer und finanzieller Stützpunkt der kalabresischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta fungiert zu haben. Zwischen 2001 und 2020 habe er als Vermittler bei der illegalen Einfuhr von Kokain und Haschisch aus Italien in die Schweiz und beim Verkauf der Drogen in mehreren Kantonen agiert.
Zudem soll er die Schweiz als Bezugsquelle und Umschlagplatz für Waffen und Munition genutzt haben, wie aus der 74-seitigen Anklageschrift hervorgeht. Diese Waffen seien mitunter für die «Eliminierung» einzelner Mitglieder und für Clan-Fehden innerhalb der 'Ndrangheta benutzt worden.
Zwischen 2003 und 2020 soll der Mann Bargeld in der Höhe von mindestens 1,3 Millionen Franken erwirtschaftet und in Tranchen im Tessin gewechselt und per Flugzeug und Auto nach Italien geschmuggelt haben. Dort sei das Geld direkt in die Kassen der kalabresischen Clan-Führung geflossen, heisst es in der Anklageschrift weiter. In mindestens einem Fall habe der Beschuldigte auch versucht, eine aus der Region Neapel stammende Falschgeldnote in der Schweiz in Umlauf zu bringen.
Ihm werden Beteiligung an oder Unterstützung einer kriminellen Organisation, qualifizierte Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz, Widerhandlung gegen das Waffengesetz, Hehlerei sowie die Einfuhr, der Erwerb und die Lagerung falscher Münzen vorgeworfen. (sda)
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