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Die Schweiz-Besuche der Mafiabosse: Wo der 'Ndrangheta-Clan sich hierzulande breitmacht

Die Bosse des 'Ndrangheta-Clans der Anello-Fruci aus Kalabrien reisten immer wieder persönlich in die Schweiz, um hier ihre schmutzigen Geschäfte abzuwickeln.
27.10.2021, 18:04
Henry Habegger / ch media
Ein Polizist der Kantonspolizei Tessin bei einer Strassensperre in Bellinzona.
Ein Polizist der Kantonspolizei Tessin bei einer Strassensperre in Bellinzona.Bild: Keystone

Am Donnerstag, 17. November 2016, nahm der Clan-Chef Rocco Anello (damals 55) zusammen mit seiner Frau Angela Bartucca (damals 46) eine Schweiz-Reise in Angriff. Er sass am Steuer eines Audi A5 Sportback, der auf seinen Sohn eingetragen war. Die erste Etappe endete am Abend des Tages in San Zeno beim Gardasee, wo seine Nichte und sein Neffe lebten: die Kinder seiner Schwester Maria, die in der Schweiz residierte.

Der Boss des 'Ndrangheta-Clans der Anello-Fruci, der seit den Achtzigerjahren mit Drogengeschäften reich wurde, war auf dem Weg in die Schweiz. Seine Reise, eine von vielen seit den Achtzigerjahren, wird in Akten zur Anti-Mafia-Operation «Imponimento» beschrieben, die italienische und Schweizer Ermittler gemeinsam führten. Bis im Juli 2020, als die Behörden in Italien und der Schweiz gleichzeitig zuschlugen und über 70 Personen festnahmen.

Mafia-Fahrt über Mailand ins Tessin nach Lugano

Am nächsten Morgen, 18. November, ging die Mafia-Fahrt weiter nach Mailand. Dort suchte das Paar ein Restaurant auf, das laut Ermittlern vom Bruder eines Vertrauensmanns des Bosses betrieben wurde. Das Lokal an der Piazza Bernini hatte auch schon als Ort von «Friedensgesprächen» gedient, als es zu Unstimmigkeiten zwischen Anello und anderen Mafia-Gruppen gekommen war.

Gegen Abend brach das Paar auf, die Reise führte jetzt weiter von Mailand in die Schweiz. Um 19.55 Uhr, das zeigten die Überwachungsgeräte der Ermittler, traf der Clan-Boss samt Gattin in Grancia unterhalb von Lugano ein, am Wohnort des Gemeindearbeiters M.* Auch er stammt aus Filadelfia in Kalabrien, seine Frau ist eine gebürtige Fruci. Man heiratet in diesen Kreisen unter sich.

Gemeindearbeiter als enger Vertrauter des Bosses

M. und sein jüngerer Bruder, der im Aargau lebte, waren laut den Ermittlern langjährige Vertrauensmänner des Clan-Bosses, die sich bei uns installiert hatten. Sie waren vor gut 30 Jahren in die Schweiz ausgewandert, M. zunächst nach Hedingen ZH.

Wegen eines Rückenleidens, sagen Bekannte von ihm, beziehe der Mann eine IV-Rente. Den beiden M. wird von den Behörden unter anderem zur Last gelegt, sie hätten den Clan mit Waffen aus der Schweiz beliefert, seine Investitionen beaufsichtigt, aber auch Einnahmen nach Italien gebracht. Die Waffen, so vermuten die Ermittler, wurden mitunter mit Drogen bezahlt.

'Ndrangheta-Boss Rocco Anello
'Ndrangheta-Boss Rocco AnelloBild: Guardia Di Finanza / Aargauer Zeitung

M., der im Sommer 2021 in Auslieferungshaft nach Italien genommen wurde und sich für unschuldig erklärt, trat zudem, glauben die Ermittler, in Italien als Strohmann für den Clan-Boss Rocco Anello auf. Dieser konnte als bekannter Pate selbst keine Liegenschaften besitzen, weil die italienischen Behörden sofort alles konfiszierten, was ihm gehörte.

Im November 2016, als Anello den Stopp im Tessin einlegte, soll er von M. eine Unterschrift für den Kauf einer Liegenschaft benötigt haben. Boss Anello hielt sich etwa zwei Stunden beim Vertrauten in der Südschweiz auf, und um 22 Uhr ging die Reise weiter Richtung Gotthard. Zweieinhalb Stunden später traf das Paar an der Kirchbühlstrasse 4 in Muri AG ein. Das war die Adresse des Restaurants Bella Vista von Wirt G., der sich gerne im Ferrari zeigte und laut Undercover-Agenten der Bundespolizei verschiedene Waffen hortete.

Die Adresse in Muri war auch der Sitz der Firma des jüngeren Bruders von M., einem Spezialisten für Baggerarbeiten, den der Mafiaboss in abgehörten Telefonaten gerne «Bistecca» (Beefsteak) nannte. Am nächsten Morgen gegen halb zehn Uhr vormittags stieg Anello in seinen Audi und fuhr an eine Adresse einige Strassen weiter im Dorf zu einem Landsmann, der dort wohnte. Ein Mann, der als Schlosser arbeitete, unauffällig und unbescholten wie die meisten anderen, von denen hier die Rede ist. Dort blieb das Fahrzeug bis am späten Nachmittag stehen.

Abstecher nach Zug - wohl zwecks Kokaingeschäft

Der Clan-Boss und «Bistecca» hatten einen Abstecher in die Innerschweiz vor. Sie benutzten den Wagen des Baggerunternehmers. Kurz nach Mittag traf das Duo am Lauriedhofweg in Zug ein. Sie unterhielten sich dort nur gerade sieben Minuten lang in einer Wohnung.

Zugegen waren, wie die Ermittlungen der Schweizer Bundespolizei (Fedpol) ergaben, zwei weitere Italiener (beide aus Filadelfia IT) und ein Albaner. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Wohnung, die einer Wohnbaugenossenschaft für das Bundespersonal gehörte, für kriminelle Geschäfte benutzt wurde.

Eine Wohnung am Lauriedhofweg in Zug soll für kriminelle Geschäfte benutzt worden sein.
Eine Wohnung am Lauriedhofweg in Zug soll für kriminelle Geschäfte benutzt worden sein.Bild: Stefan Kaiser

Die Indizien deuten darauf hin, dass der Abstecher im Zusammenhang mit Drogengeschäften stand: Der eine Italiener hatte mehrere Vorstrafen vorab wegen Drogen- und Waffendelikten, begangen in Schwyz und Zug. Schwyz und Zürich haben Haftbefehle gegen ihn erlassen, Zug sucht seinen Aufenthaltsort ausfindig zu machen.

«Bistecca» stand immer wieder mit dem Mann wegen Drogen in Kontakt, so die Ermittler. Teils ging es auch um kleine Mengen im Gramm-Bereich. Beim zweiten Italiener, einem jungen Mann aus Filadelfia IT, könnte es sich um den Ehemann einer aus Fribourg stammenden Verwandten von «Bistecca» handeln. Sein Strafregister ist bisher blütenweiss.

2017 führte die Kapo Zug eine Razzia in der Wohnung durch

Der Albaner, dessen Anwesenheit ebenfalls in der Wohnung festgestellt wurde, kassierte allerdings wenig später, 2017, eine Strafe wegen schwerer Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz. In der fraglichen Wohnung führte die Zuger Kantonspolizei im Rahmen einer grossen Operation gegen Drogenhändler im Jahr 2017 eine Razzia durch. Einen Tag später, am 20. November 2016, trat Mafia-Boss Anello samt Gattin mit seinem Audi A5 die Rückreise nach Italien an. Seine Stationen waren dabei die gleichen wie auf der Hinfahrt.

Die Ehe der Anellos war, übrigens, nicht immer ungetrübt. Gatte Rocco sass immer mal wieder im Gefängnis, und seine um zehn Jahre jüngere Frau Angela nahm sich Anfang der Nullerjahre wiederholt Liebhaber. Von zweien ist die Rede, einer von ihnen war ihr Fahrer. Ihr Ende war brutal. Die beiden jungen Männer, selbst Clan-Mitglieder, verschwanden 2002 und 2006 spurlos.

Sie wurden laut Aussagen von reumütigen Mafiosi umgebracht, ihre Leichen beseitigt. Diese Art Mafia-Mord nennt sich Lupara bianca. Die Ermordeten werden spurlos beseitigt, um Indizien verschwinden zu lassen. Aber auch, um den Hinterbliebenen die Möglichkeit zu nehmen, ihre Angehörigen zu betrauern und zu beerdigen.

Bruder des Bosses, einst unter Mordverdacht, logiert bei Baden

Unter Verdacht, zumindest einen der Morde begangen zu haben, stand Tommaso Anello, der um drei Jahre jüngere Bruder des Bosses Rocco. Bewiesen werden konnte das allerdings nicht. Aber auch dieser berüchtigte Anello reiste gerne in die Schweiz, um hier nach dem Rechten zu sehen, wie die Ermittler dokumentieren.

Eine dieser Reisen führte Co-Boss Tommaso Anello sowie seinen Sohn und einen weiteren Italiener Anfang Mai 2017 aus Süditalien in die Schweiz. Das Auto, einen weissen VW Polo, hatte der Sohn gemietet. Gegen 15 Uhr am Samstag, 6. Mai, traf das Trio in einem Hotel in der Nähe von Baden AG ein.

Die Schwester der Anello-Brüder, Maria, arbeitete damals im fraglichen Hotel, das von einem Italiener aus dem Anello-Dunstkreis betrieben wurde. Sie war getarnt als Serviertochter und Zimmermädchen. Im Hotel hatte sie, so die Ermittler, Zimmer für ihre Landsleute reserviert. Diese zogen ein und fuhren gegen 17 Uhr mit dem Polo nach Muri AG zum Restaurant Bella Vista.

In diesem Restaurant trafen sich die Mafiabosse mehrmals.
In diesem Restaurant trafen sich die Mafiabosse mehrmals.Bild: Aargauer Zeitung

Es kam in den Folgetagen zu Treffen mit verschiedenen Personen. Unter anderem traf Co-Boss Tommaso Anello den italienischen Wirt des Hotels bei Baden. Er erteilte diesem den Auftrag, einem italienischen Sänger in der Region «eine Botschaft» zukommen zu lassen. Sie lautete:

«Du musst ihm das Geld geben, Punkt, Schluss.»

Der Sänger, dessen Eltern aus Sizilien stammten, schuldete dem Besitzer des Restaurants Bella Vista Geld, so die Ermittlungen der Polizei.

«Bistecca» chauffiert den Mafiaboss nach Mainz DE

Die Reisen der Bosse führten auch ins nördliche Nachbarland. Im Februar 2018 dokumentierte Fedpol einen Abstecher von Rocco Anello nach Mainz (Deutschland). «Bistecca», der Baggerunternehmer, holte seinen langjährigen Vertrauten, den Boss, demnach mit seinem Nissan Navara am Flughafen Kloten ab und fuhr ihn nach Mainz. Ziel war das Wohnhaus eines italienischen Vertrauensmanns, wo man das Mittagessen einnahm.

Am Abend ging das Geburtstagsfest eines Enkels des Vertrauensmanns über die Bühne. Das Fest fand in einem grossen Veranstaltungszentrum statt. Es wurde von einem Türken gemanagt, der eine Tochter des Vertrauensmanns geheiratet hatte. Auch der Türke gilt als Vertrauensmann des Anello-Fruci-Clans in Deutschland. Das Lokal gehörte dem Boss Anello, wie dieser tags darauf auf der Rückfahrt in die Schweiz im verwanzten Auto selbst sagte.

Er regte sich furchtbar darüber auf, dass der italienische Vertrauensmann am Vorabend behauptet hatte, die Hälfte gehöre ihm. «Ich habe ihm das Geld gegeben», ärgerte sich der Boss.

Prozess in Kalabrien läuft, auch Schweiz führt Verfahren

Derzeit läuft in Kalabrien der Prozess gegen 147 mutmassliche Mafiosi, die im Zug der Operation Imponimento verhaftet wurden, darunter mehrere, die in der Schweiz leben. Vermögenswerte von 170 Millionen wurden beschlagnahmt. Die Anklage verlangt insgesamt 630 Jahre Haft für die Beschuldigten.

In der Schweiz selbst kam es zu mehreren Verhaftungen, neun Strafverfahren wurden laut Angaben der Bundesanwaltschaft eröffnet. Bis auf eines laufen die Verfahren noch oder wurden an Italien delegiert. Die Bundesanwaltschaft ermittelt, wie sie sagt, wegen Verdachts der Unterstützung und Beteiligung an einer kriminellen Organisation, wegen des Verdachts der Geldwäscherei, wegen Falschgeld sowie Verstössen gegen Betäubungsmittel- und Waffengesetz.

Der Gemeindearbeiter aus Grancia TI, im Sommer 2021 festgenommen, wehrte sich zuletzt vor Bundesstrafgericht erfolglos gegen seine Auslieferung nach Italien. Der Baggerunternehmer aus Muri AG wurde offenbar im April 2021 nach mehrmonatigen Untersuchungsmassnahmen entlassen. Er hat seine Firma in eine andere Aargauer Gemeinde verlegt. Der Wirt des Restaurants Bella Vista sitzt weiterhin in Italien in Haft, ihm wird der Prozess gemacht. Wie alle anderen bezeichnet er sich als unschuldig. Es gilt in der Tat für alle, die nicht rechtskräftig verurteilt wurden, die Unschuldsvermutung. (bzbasel.ch)

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Mafiaboss steckt hinterm Schrank

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Mafiaboss steckt hinterm Schrank
quelle: epa/ansa/police press office / police press office / handout
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