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Klimawandel, Corona und jetzt noch Krieg: So wird die Jugend davon beeinflusst

Die Jugend wächst plötzlich in einer bewegten Zeit auf. Zuerst war da eine neue Sorge um die Umwelt, dann fror die Pandemie das soziale Leben ein, und nun fallen Bomben in Europa. Es sind Erfahrungen, die Jugendliche ein Leben lang prägen können. Eine Analyse – und was die Jugend selbst dazu sagt.
20.03.2022, 07:10
Raffael Schuppisser und Andreas Maurer / ch media

Zu Tausenden gingen sie auf die Strassen. In Bern, Berlin, Wien skandierten Jugendliche: «Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft raubt!» Aus der Angst vor einer Klimakatastrophe wuchs die grösste Jugendbewegung seit den 1968er-Revolten. Ihr Gesicht, Greta Thunberg, das Mädchen mit den langen Zöpfen, wurde sogar mit Jeanne d'Arc verglichen.

Die Klimabewegung lockte viele Jugendliche auf die Strasse – wie hier bei einem Protest in Lausanne im Jahr 2020.
Die Klimabewegung lockte viele Jugendliche auf die Strasse – wie hier bei einem Protest in Lausanne im Jahr 2020.Bild: keystone

Als die Protestbewegung so richtig Fahrt aufgenommen hatte, wurde sie jäh gestoppt: von der Coronapandemie, der «grössten globalen Krise seit dem Zweiten Weltkrieg». Als das wurden die Folgen der Pandemie von Historikern und Politikern bezeichnet. Schulen wurden geschlossen, die Kontakte auf ein Minimum beschränkt, an Partys war nicht zu denken. Für viele Jugendliche fühlte sich das an, als hätte man ihnen zwei Jahre ihrer Zukunft geraubt.

Kaum waren die Masken in den Klassenzimmern gefallen und eine gewisse Normalität in die Jugendlokale zurückgekehrt, marschierten russische Truppen in die Ukraine ein. Ein territorialer Angriffskrieg auf einen souveränen Staat in Europa - das gab es seit über 75 Jahren nicht mehr. Seit der Kubakrise 1962 stand die Welt nicht mehr so nahe an einem möglichen Atomkrieg. US-Präsident Joe Biden spricht davon, dass es nun darum gehe, den Dritten Weltkrieg zu vermeiden.

Jede zweite Schülerin hat emotionale Probleme entwickelt

Noch vor kurzem hiess es, die Jugend wachse in einer sorgenfreien Zeit auf und beschäftige sich deshalb vor allem mit sich selbst, mit Instagram und Youtube. Und nun ist sie plötzlich mit Problemen von historischen Dimensionen konfrontiert. Klimabewegung, Coronakrise und Krieg: Was macht das mit der heranwachsenden Generation?

Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften hat die Jugend während der Pandemie dreimal nach ihrem Wohlbefinden befragt. In Onlinebefragungen gaben Schülerinnen und Schüler aus Zürich mit einem Durchschnittsalter von 15 Jahren zum Beispiel an, wie folgende Aussage auf sie zutrifft: «Ich bin oft unglücklich oder niedergeschlagen; ich muss häufig weinen.» Die Studie ist nicht repräsentativ, gibt aber Hinweise auf Trends.

Ein Resultat: Je länger die Pandemie andauerte, desto häufiger berichteten Jugendliche von emotionalen Problemen; von Selbstzweifeln, Ängsten und depressiven Symptomen. Jede zweite Schülerin ist davon gemäss der jüngsten Befragung von Januar 2022 betroffen. Ihre männlichen Kollegen fühlten sich ebenfalls vermehrt mit Problemen konfrontiert, aber in geringerem Ausmass.

Die Geschlechterunterschiede sind typisch und werden mit der unterschiedlichen Erziehung erklärt. Mädchen lernen, Probleme emotional zu verarbeiten. Buben reagieren eher aggressiv.

Bei beiden Geschlechtern verschlechterten sich auch weitere Indikatoren im Verlauf der Pandemie. Zukunftsängste nahmen zu und die Lebenszufriedenheit ging zurück.

Studienautor und Soziologe Dirk Baier geht davon aus, dass diese Momentaufnahmen für die «Generation Corona» prägend sein werden. Solche kollektiven Erfahrungen, die plötzlich alle mit unvorhersehbaren Ereignissen konfrontierten, seien für das gesamte Leben von Bedeutung. Von einem Moment auf den anderen war Corona da und wirkte sich auf alle Lebensbereiche aus. Negative Folgen würden Jugendliche, die ein Familienmitglied durch Corona verloren oder eine starke Niedergeschlagenheit bis hin zu einer Depression entwickelten, wohl bis ins Erwachsenenalter spüren, sagt Baier.

Und nun kommt noch ein Krieg hinzu, der sich über soziale Medien quasi in Echtzeit verfolgen lässt. Eine weitere einschneidende Erfahrung.

In der Jugendphase dominiert normalerweise das Gefühl, das Leben beginne erst und biete unzählige Möglichkeiten. Man schmiedet Pläne und malt sich die Zukunft aus. Der Eindruck der Unendlichkeit des Lebens entsteht. Der Krieg macht nun aber mit einem Schlag die Endlichkeit bewusst. Baier sagt: «Jugendliche sind daher aus meiner Sicht die Altersgruppe, die der Krieg psychisch am meisten trifft.»

Grossereignisse wirken sich auf die ganze Gesellschaft aus. Die jüngste Generation wird aber jeweils am stärksten geprägt, weil ihre individuelle Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist.

Die Jugend zeigte sich früher besorgt über die Ukraine-Krise

Für die Generation Z, die 12-bis 27-Jährigen, ist der Krieg in der Ukraine der erste, den sie bewusst miterleben. Wie alle nehmen sie ihn durch die geografische Nähe und die Furcht vor einer möglichen Eskalation über die Ukraine hinaus intensiver wahr als die Kriege in Syrien oder Jemen. Hinzu kommt die mediale Vermittlung.

Demonstration in Lausanne am 3. März 2022.
Demonstration in Lausanne am 3. März 2022.Bild: keystone

Die Generation Z nimm den Krieg in der Ukraine anders wahr als die älteren Generationen, weil sie sich vor allem über soziale Medien informiert. Das belegen zwei Umfragen, welche das Institut für Generationenforschung in Augsburg gemacht hat. Befragt wurden jeweils über 1350 Personen aus allen Generationen in der Schweiz, Deutschland und Österreich.

Vor dem Kriegsausbruch hatten sich die 12- bis 26-Jährigen am meisten Gedanken über den Ukraine-Konflikt gemacht. 96 Prozent hatten gemäss der Umfrage grosse Bedenken. Bei den älteren Generationen war dieser Anteil kleiner und lag bei 73 Prozent oder noch tiefer.

Die Jugend war näher an den Ereignissen dran, weil sie andere Medien konsumiert. Studienleiter Rüdiger Mass sagt: «Auf Tiktok wurde sehr unmittelbar von einem bevorstehenden Krieg berichtet.» Wohingegen sich die älteren Generationen eher in analytischen Texten zu einem möglichen Krieg informiert haben. «Die Jugend war hier den älteren Generationen einen emotionalen Schritt voraus», sagt der Psychologe.

Nach Kriegsausbruch wurde die Umfrage wiederholt. Nun finden in allen Generationen mindestens 89 Prozent der Befragten den Konflikt «sehr bedenklich». Es hat eine Angleichung zwischen den Altersgruppen stattgefunden.

Es gibt aber weiterhin Unterschiede: Die grössten Bedenken haben die Babyboomer, die über 57-Jährigen also, sowie die jüngste Generation. Maas erklärt: «Die Generation Z hat noch keine Vorstellung von einem so nahegelegenen Krieg, was besorgniserregende Fantasien weckt. Die Babyboomer hingegen fühlen sich an die Bedrohung des Kalten Krieges zurückerinnert, was alte Erinnerungen wieder reaktiviert.»

Politisch wie die 68er-Bewegung – nur braver und angepasster

Nun könnte der Ukraine-Krieg für die Generation Z ähnlich prägend werden wie für die Babyboomer der Kalte Krieg. Und so wie die Babyboomer nicht zu einer Generation von Verängstigten wurden, so wird auch die Jugend von heute kaum zu einer Gemeinschaft von Depressiven.

Viel wahrscheinlicher ist, dass die Coronakrise und der Krieg die bereits mit den Klimaprotesten begonnene Politisierung der Jugend verstärken werden. Das zeigt sich nun in Solidaritätsbekundungen in europäischen Grossstädten. Mittelfristig könnte die Klimabewegung davon profitieren. Demonstrationen gegen den Krieg und fürs Klima lassen sich verbinden. Schliesslich hindert die Abhängigkeit von Russlands Öl und Erdgas den Westen daran, sich wirtschaftlich gänzlich von Putin abzukoppeln.

Jugendliche am Klimastreik am 17. Januar 2020.
Jugendliche am Klimastreik am 17. Januar 2020. Bild: KEYSTONE

Hier zeigen sich Parallelen zur 68er-Bewegung, mit der die Klimajugend gerne verglichen wird. Auch sie kombinierte unterschiedliche Themen. «Make Love Not War», lautete ein Protestslogan der Bewegung, die gleichzeitig für die freie Liebe sowie gegen den Vietnamkrieg demonstrierte.

Es gibt allerdings auch einen Unterschied: Während die 68er mit ihren Überzeugungen gegen die ältere Generation aufbegehrten, deckt sich die Meinung der Klimajugendlichen weitgehend mit jener ihrer Eltern und Lehrer.

«Heute sind die Eltern der Jugendlichen ihre Berater und besten Freunde, sie können mit ihnen über alles reden. Abgrenzung ist den Jugendlichen weniger wichtig», sagt Psychologe Maas. Eine Tendenz, die nun durch den Ukraine-Krieg zunehmen dürfte. Schliesslich spricht sich der Westen über alle Generationen hinweg vereint gegen den Krieg aus.

Der Weg aus der Krise kann in eine bessere Zukunft führen

Der Basler Soziologe Ueli Mäder, der während der 68er-Proteste noch selber auf die Strasse gegangen ist und «Hoch, die internationale Solidarität» geschrien hat wie alle seine Kolleginnen und Kollegen, sagt, die heutige Jugend habe eine differenziertere Sicht auf eine komplexer gewordene Welt.

Mit den negativen Ereignissen der Zeit müsse man umgehen lernen. Als Soziologe sieht er darin auch etwas Positives. Die Auseinandersetzung mit Krieg und Katastrophe führe unter ­anderem zu einer gesunden Nachdenklichkeit. Nur so entwickle sich eine ­Gesellschaft weiter.

Mäder sagt: «Die Ängste, die Klimawandel, Coronakrise und Krieg wecken, müssen wir zulassen, um den Weg in eine bessere Zukunft zu finden.» So könne eine ähnliche Aufbruchstimmung wie 1968 entstehen.

Die Sicht der Jugend

Junge Menschen erzählen, wie sie über den Krieg denken

Jil (17), Ennetbaden AG

«Zuerst eine Pandemie, und jetzt spricht man schon von einem Dritten Weltkrieg. Eine ziemlich heftige Zeit, in der ich meine Jugend verbringe. Klar möchte ich dabei möglichst gut über die aktuellen Geschehnisse Bescheid wissen. Doch der Grat aus informiert bleiben und die schrecklichen Bilder und Geschichten nicht zu nahe an sich heranzulassen, ist relativ dünn. Ich frage mich, weshalb eine einzelne Person es so weit bringen konnte. Das macht mich irgendwie traurig und wütend zugleich.»

Manuel (17), Sempach LU

«Der ganze Krieg ist für mich ziemlich surreal. Seit er ausgebrochen ist, informiere ich mich jeden Tag in den Medien und diskutiere mit meiner Familie darüber. Trotzdem realisiere ich gar nicht so richtig, was da abgeht. Ich glaube, die Schweiz alleine kann diesen Krieg nicht beenden. Was wir tun können, ist helfen. Wir können dafür sorgen, dass es den Flüchtlingen, die in die Schweiz kommen, gut geht.»

Livio (13), Lengnau AG

«Wenn ich die Bilder der Zerstörung sehe, werde ich neugierig, aber auch traurig, da ich nicht gedacht hätte, dass es in Europa Krieg geben kann. Am meisten Angst macht mir, dass dieser Krieg unberechenbar ist. Putin selber macht mir auch Angst, da er auch schon mit Atomwaffen gedroht hat. Ich finde, die Schweiz sollte weitere Sanktionen verhängen. Wir sollten Flüchtlinge aufnehmen. Ich hoffe, dass dieser Krieg schnell endet.»

Meret (12), Wohlen AG

«Die Bilder aus der Ukraine machen mich sehr traurig, und ich frage mich jedes Mal, warum niemand aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gelernt hat. Meine Grossmutter ist im Zweiten Weltkrieg aus Deutschland geflohen, und ich kann nur erahnen, wie schlimm dies für sie war. Ich hoffe sehr, dass dieser Albtraum endlich ein Ende hat und so viele Leute wie möglich überleben werden und zurück in ihre Heimat können.»

Lauro-Luca (13), Cazis GR

«Jeder hofft in seinem Innersten, dass es keinen Atomkrieg geben wird. Putin hat es angedroht, aber eine Atombombe hätte auch Auswirkungen auf Russland und andere Teile Osteuropas. Ich befürchte, dass noch weitere Länder hineingezogen werden, zum Beispiel Polen. So könnte sich der Krieg weiter ausbreiten und Putin könnte trotzdem zur Atombombe greifen. Vor diesem Moment fürchte ich mich, auch vor den Auswirkungen auf die Schweiz.»

Olivia (11), Schwändi GL

«Die Schweiz sollte sich mehr einmischen. Ich würde eine Abstimmung organisieren, und dann gemeinsam entscheiden, wie wir helfen wollen. Wahrscheinlich wäre Geld am besten, dann können die Ukrainerinnen selber entscheiden, was sie kaufen wollen. Es müssen mehr Journalisten in der Ukraine sein und berichten, damit wir wissen, was genau passiert, und richtig entscheiden können. Die Journalistinnen aus der ganzen Welt müssen unbedingt in der Ukraine bleiben.»

Jossi (19), Zürich

«Wenn ich am Fernsehen die Ukrainerinnen und Ukrainer sehe, denke ich: Diese Menschen verteidigen auch mich. Denn plötzlich scheint nicht mehr unmöglich, was man nur aus dem Geschichtsunterricht oder von Berichten der Grosseltern kennt: ein grosser Krieg in Europa, verursacht von einem einzigen durchgedrehten Diktator. Und man sieht sich mit der beängstigenden Frage konfrontiert: Was täte ich?»

Levi (12), Baden AG

«Der Präsident der USA spricht von einem möglichen Atomkrieg. Ich denke, dass das wirklich passieren könnte. Anders gesehen würde sich Putin damit selber schaden, weil auch sein Land zerstört würde. Gegen das Coronavirus können wir zusammen ankämpfen, indem wir alle die Massnahmen befolgen. Gegen einen unberechenbaren Diktator geht das nicht. Deshalb macht mir der Krieg mehr Angst als Corona.» (saw/aargauerzeitung.ch)

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16 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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öpfeli
20.03.2022 08:42registriert April 2014
Was meine Generation aufzeigt ist ein wahnsinniges Gefühl von Sicherheit und Freiheit. Diese Gefühle wurde in den letzten Jahren tangiert und einige nahmen dies ja schon fast persönlich und wenige verloren sich (Schwurbler).
So schlimm die Situation ist, vielleicht bringt es eine bodenständigere Generation mit ein wenig Demut ..
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Dr. Haggis
20.03.2022 09:51registriert August 2018
Bei uns in den 1970er Geborenen gab es beim Heranwachsen auch Krisen, Gefahren, Ängste: AIDS, Platzspitz, Tschernobyl…. Jede Generation kennt konkrete und diffuse Sorgen.
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w'ever
20.03.2022 11:20registriert Februar 2016
und die sorgen der jugendlichen (19-22) in meinem betrieb...
sorge um den hohen benzinpreis für den getunten golf, shopping am wochenende im zara und h&m (selbstverständlich mit dem auto in die stadt), kosmetik in deutschland shoppen weil günstiger und influencer gossip.
der krieg und den klimawandel interessiert die null. nachrichten ein fremdwort.
und das von denen gibt es sicher noch mehr.
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