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Im Sommer 2018 mussten viele Bauern wie hier in Stettfurt (TG) ihre Felder bewässern.
Im Sommer 2018 mussten viele Bauern wie hier in Stettfurt (TG) ihre Felder bewässern.Bild: KEYSTONE

«Früher hofften wir auf Sonne, heute auf Regen»: So stresst der Klimawandel die Bauern

Die Trockenheit im letzten Sommer hat vielen Bauern die Augen geöffnet: Der Klimawandel ist eine Realität und trifft sie direkt. Allerdings sind sie nicht nur Opfer, sondern auch «Täter».
12.07.2019, 05:26

Ist so ein sonniger und warmer Sommer nicht etwas Schönes? Man geht nach Feierabend rasch in die Badi, grilliert auf der Terrasse oder dem Balkon und erfreut sich der langen, milden Abende. Das Zauberwort heisst Mediterranisierung, sie macht sich nördlich der Alpen zunehmend breit.

Einem Berufszweig jedoch treibt diese Entwicklung die Sorgenfalten auf die Stirn. Denn es ist noch nicht lange her, da hofften die Bauern im Sommer auf sonnige und trockene Tage, um Gras zu mähen und die Ernte einzubringen. Heute ist es genau umgekehrt: «Wir warten auf eine Periode mit viel Regen», sagte Ruedi Bigler, Bauer in Moosseedorf (BE).

Markus Ritter referiert in Moosseedorf über den Klimawandel. Neben ihm Bauer Ruedi Bigler.
Markus Ritter referiert in Moosseedorf über den Klimawandel. Neben ihm Bauer Ruedi Bigler.Bild: KEYSTONE

Der Schweizerische Bauernverband hat am Donnerstag auf seinen Hof geladen, um über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft zu informieren. Die sind eindeutig: «Der letzte Sommer mit wochenlang ausbleibenden Niederschlägen ist uns Bauern immer noch in den Knochen», sagte der St. Galler CVP-Nationalrat und Verbandspräsident Markus Ritter.

2018 war ein Schlüsseljahr

Für Ruedi Bigler bedeutete dies, dass er zu wenig Futter für seine Tiere produzieren konnte. Das habe auch für die anderen Bauern gegolten, weshalb es schwierig gewesen sei, welches zu beschaffen. Viele Bauern hatten auch Probleme mit der Bewässerung. Dies führe zu Verteilkämpfen «um das plötzlich rare Nass im Wasserschloss Europas», so Markus Ritter.

Er bezeichnete 2018 als «Schlüsseljahr». Es hat vielen Bauern die Augen geöffnet. Eine Umfrage des Bauernverbands ergab, dass rund 34 Prozent der Betriebe in den letzten Jahren von Wasserknappheit betroffen waren. Im Gegensatz zu gewissen Akademikern, Politikern oder Journalisten rechtslastiger Publikationen spüren sie den Klimawandel direkt.

Und dieses Jahr geht es im gleichen Stil weiter, wenn auch weniger extrem. Der Sommer 2019 ist bislang ebenfalls geprägt durch lange, trockene Phasen, unterbrochen von vereinzelten Regentagen. Wenn das Wetter aber mal zuschlägt, dann gleich richtig, in Form von Hagel, starken Stürmen oder massiven Überschwemmungen wie im neuenburgischen Val de Ruz im Juni.

Video: srf

Für Ruedi Bigler in Moosseedorf bedeutet dies Anpassungen. Er führt einen diversifizierten Betrieb mit Kühen und Schweinen, Raps, Getreide und Mais. Nun setzt er neben den traditionellen Kulturen auf Pflanzen, die mit weniger Wasser auskommen, etwa Luzerne oder spezielle Maissorten. Hinzu kommt eine wassersparende Bodenbearbeitung.

Strom aus Biogas

«Wir machen nicht erst seit den Demonstrationen etwas gegen den Klimawandel», betonte Bigler. Mit der Abwärme seiner Milchkühlungsanlage heizt er im Winter sein Büro. Besonders stolz ist er auf eine Biogasanlage, die seit einem halben Jahr in Betrieb ist und Strom für 550 Haushalte produziert. Damit lassen sich jährlich 500 Tonnen CO2 einsparen.

Allerdings hat das Thema «Klimawandel und Landwirtschaft» eine Kehrseite: Die Bauern sind nicht nur Opfer, sondern auch «Täter». Sie tragen «rund 13 Prozent zu den Emissionen von Treibhausgasen in der Schweiz bei», sagte Markus Rufer. Er ist Präsident von Agrocleantech, einer Beratungsagentur der Landwirtschaft für Energien und Klimaschutz.

Furzende und leidende Kühe

Fast die Hälfte entfällt auf die Nutztierhaltung in Form von Methan. Oder auf «Fürze und Rülpser», wie es Bauernpräsident Ritter deutsch und deutlich formulierte. Es gebe Möglichkeiten, die Emissionen zu reduzieren, etwa durch Futterzusätze für Kühe, sagte Markus Rufer. Die Höhe dieses Effekts schwanke aber von Tier zu Tier stark, räumte er ein.

Der Fermenter der Biogasanlage von Ruedi Bigler.
Der Fermenter der Biogasanlage von Ruedi Bigler.Bild: KEYSTONE

Tiere sind eben keine Maschinen. Auch sie leiden unter der Erwärmung, besonders die Milchkühe. Sie seien «Hochleistungssportler» und hätten deswegen gerne kühle Temperaturen, sagte Bauer Ruedi Bigler. Bei mehr als 30 Grad wie letzte Woche gehen sie tagsüber nicht auf die Weide. Bigler hat eine Art Sprinkleranlage gebaut, um ihnen etwas Kühlung zu verschaffen.

Die «Bauernpartei» SVP

Mit Forderungen an die Politik hielt sich der Bauernverband für einmal zurück. Das Thema ist schwierig, besonders mit Blick auf die «Bauernpartei» SVP, in welcher der Schwyzer Nationalrat und Landwirt Marcel Dettling eine «höhere Macht» für den Hitzesommer 2018 verantwortlich macht und Parteipräsident und ETH-Agronom Albert Rösti findet, man solle sich über das schöne Wetter freuen.

«Wir sind parteipolitisch neutral», antwortete CVP-Nationalrat Markus Ritter auf eine entsprechende Journalistenfrage. Es stehe ihm nicht an, eine Partei zu kritisieren – insbesondere jene, die im Parlament stets und verlässlich für höhere Landwirtschafts-Subventionen stimmt. Entlocken liess sich Ritter einzig, dass es in der SVP «unterschiedliche Meinungen» zum Thema gebe.

«Wo stehen wir in 30 Jahren?»

Konkret erhofft sich der Bauernverband vom Bund günstigere Versicherungslösungen gegen Trockenheit. Solche seien im Ausland üblich, während die Umfrage gezeigt habe, dass sie für viele Schweizer Betriebe zu teuer sei. Hinzu kam einmal mehr die Aufforderung an die Konsumenten, regional und saisonal einzukaufen. Ganz vermeiden liessen sich die Emissionen aber nicht.

«Dem Klima ist es egal, ob im Inland oder Ausland gefurzt wird», hielt Ritter im schriftlichen Text seines Referats fest. Mündlich äusserte er sich dezenter. Zweifel am Klimawandel aber gibt für den Biobauer aus Altstätten nicht: «Mein Vater erzählte mir von den heissen Sommern 1947, 1949 und 1952.» Damals aber sei es weniger warm gewesen als heute: «Das ist ein Grund zur Sorge.»

Es sei bedenklich, wie schnell die Entwicklung verlaufe: «Wenn es so weiter geht wie in den letzten 20 Jahren, fragen wir uns schon, wo wir in 20 bis 30 Jahren stehen werden», meinte Ritter. Sein Fazit ist klar: Der Klimawandel stelle die Bauernfamilien und den Bauernverband vor eine ganze Reihe neuer Aufgaben. «Wir müssen diese angehen, je schneller desto besser.»

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85 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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meliert
12.07.2019 06:39registriert August 2014
Die Bauern müssen wieder Ihren Viehbestand reduzieren und der Landfläche anpassen die sie haben. Lebensmittel sind heutzutage zu billig, werden verschwendet und zu wenig geschätzt. Dadurch muss alles etwas knapper werden und die Preise raufgehen, damit die Bauern ein anständiges Einkommen haben ohne Massenproduktion und ohne Chemie, Soya Import etc. Ich weiss dann kommt die Gefahr der billigen Importe, damit ist jetzt die Politik gefordert. Es gibt viele Menschen, leider noch keine Mehrheit, die eine Richtungsänderung anstreben.
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Lukaz84
12.07.2019 07:35registriert Dezember 2016
"«Wir sind parteipolitisch neutral», antwortete CVP-Nationalrat Markus Ritter auf eine entsprechende Journalistenfrage. Es stehe ihm nicht an, eine Partei zu kritisieren"

Das war ja klar - wer beisst schon gerne die Hand die einen füttert.
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Avalon
12.07.2019 08:27registriert September 2018
Jaja, die Fürze und das Rülpsen der Kühe ... Ich wundere mich schon lange, dass kaum jemand die nicht artgerechte Fütterung der Kühe erwähnt. Man hat sich so an die Silo-Fütterung (Gras- und Maissilage) gewöhnt, welche halt einfach und rasch herzustellen ist, anders als Heu, das mehrere trockene Tage braucht.
Fermentiertes Futter (Silage) führt zu vermehrter Gärung im Darm und entsprechend zu mehr Methan.
Wie bei vielen heutigen Problemen könnte eine Lösung sein, wieder wie früher zu handeln (oder füttern), back to the roots.
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