Die A13 ist neben der Gotthardstrecke die wichtigste Verbindung von der Deutschschweiz in den Süden. Nun, kurz vor Beginn der Sommerferien, wenn viele Familien mit dem Auto ins Tessin oder nach Italien wollen, ist die Verkehrsachse über den San Bernardino unterbrochen.
Die Autobahn ist zwischen Thusis und Soazza gesperrt. Grund dafür ist ein zerstörter Strassenabschnitt direkt neben der Autobahnbrücke Buffalora bei Soazza. In der Nacht vom Freitag auf den Samstag vor einer Woche trat der Fluss Moesa über die Ufer, flutete alle vier Spuren und unterspülte die Autobahn. SVP-Bundesrat Albert Rösti sprach am Mittwoch an einer Medienkonferenz von «grossem Glück, dass nicht Autos betroffen waren oder im schlimmsten Fall ein Car mit 50 Personen».
Im Gegensatz zu den drei Bewohner von Sorte, die etwa sechs Kilometer Luftlinie weiter oben im Tal durch einen anderen Murgang in der gleichen Nacht ihr Leben verloren oder noch immer vermisst werden, ging die Flutung der A13 glimpflich aus. Doch auch hier stellt sich die Frage: Wie konnte es so weit kommen?
Gemäss Bundesrat Rösti kam die Katastrophe unerwartet. «Leider müssen wir immer wieder feststellen, dass die Natur nicht beherrschbar ist und auch in diesem Fall die Risiken im Vorfeld nicht genügend abgeschätzt werden konnten», sagte er. Auf Nachfrage dieser Zeitung bestätigte das zuständige Bundesamt für Strassen ASTRA: «Gemäss unserer Gefahrenhinweiskarte besteht im am letzten Freitag zerstörten Streckenabschnitt der A13 kein unmittelbares Risiko, das präventive Schutzmassnahmen bedingt hätte.»
Dabei ist es gar noch nicht so lange her, seit der betroffene Strassenabschnitt zuletzt aus Sicherheitsgründen gesperrt wurde. In der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 2019 wurde die Strasse vorsorglich für einige Stunden geschlossen. Grund war schon damals das Wasser aus dem Fluss Moesa, das der Autobahn gefährlich nahe kam.
Sowohl im Juni 2019 als auch letzte Woche löste ein Bach aus dem Tal Val d'Orbel, der an dieser Stelle in die Moesa mündet, die damals gefährliche und heute katastrophale Situation aus. Starke Regenfälle liessen das Wasser in dem sonst ruhigen Gewässer zu einem Wildbach anschwellen. Der Wildbach führte derart viel Gestein mit sich, dass Experten von einem Murgang sprechen.
Danach bewertete der Bund das Risiko neu. Ein bestehender Damm wurde verstärkt und zusätzlich ein zweiter Damm zum Schutz der Autobahn errichtet. Diese Massnahmen konnte die Überflutung der Autobahn letzte Woche aber nicht verhindern. Gemäss ASTRA haben sie aber dazu beigetragen, dass die nahe Autobahnbrücke Buffalora kaum Schaden nahm und darum die Strasse bald wieder befahrbar sei.
Ein Blick auf das Kartenmaterial des Bundesamts für Landestopografie zeigt, dass Murgänge aus dem Val d'Orbel keine Ausnahmeerscheinungen sind. CH Media hat zusammen mit Andreas Zischg eine Laserscanningkarte, die jede Furche im Gelände genau nachzeichnet, sowie historische Luftaufnahmen analysiert. Zischg ist Professor für Geografie an der Universität Bern und Co-Leiter des Mobiliar Lab für Naturrisiken. Er sagt: «In diesem Gebiet sind in der Vergangenheit schon viele Murgänge niedergegangen. Dass die Moesa überhaupt an dieser Stelle in Flussrichtung nach rechts fliesst, ist Ablagerungen aus früheren Murgängen geschuldet.»
Die heutigen Probleme hätten wohl beim Autobahnbau verhindert werden können. Auf einer Luftaufnahme aus dem Jahr 1962, als Strasse noch nicht gebaut war, zeichnet sich an der Stelle der zerstörten Autobahn eine Ausbuchtung im Gelände ab. «Man sieht deutlich, dass die Stelle früher einmal zum Gewässerraum der Moesa gehörte. Der Fluss kehrte also in sein früheres Bachbett zurück», sagt Hochwasserexperte Zischg.
«Aus heutiger Sicht hätte man damals die Autobahn besser an einem anderen Ort gebaut oder die Brücke über das alte Bachbett verlängert», sagt er. In den 1960er und 1970er Jahren hätten aber noch andere Massstäbe gegolten. «Murgänge wurden erst nach 1987 als Gefahr so richtig erkannt. In diesem Jahr ereigneten sich zahlreiche solcher Erdrutsche. Beim Autobahnbau waren damals andere Dinge wie etwa die Ästhetik des Spurverlaufes wichtig.»
ETH-Professor Robert Boes spricht von einer hydrologischen Gedächtnislücke. «In den drei Jahrzehnten nach dem Weltkrieg gab es nur selten Hochwasser und Flächen wurden bebaut, die zuvor Jahrhunderte lang gemieden wurden.» Boes ist Direktor der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich.
Parallel zum Bau der Autobahn wurde die Moesa entlang der Autobahn und nahe der heutigen Schadenszone kanalisiert. Das ist deutlich auf den historischen Luftaufnahmen zu sehen.
Weil der Fluss sich immer tiefer in sein Bett frass und der Lebensraum von Pflanzen und Fischen durch Kanäle beeinträchtigt wird, liess der Kanton Graubünden den Flusslauf nahe der heutigen Schadensstelle im Jahr 2009 renaturieren. Am linken Ufer wurden 200 Meter Damm entfernt und das Flussbett verbreitert. Das rechte Ufer auf der Seite der Autobahn wurde verstärkt und Blöcke in das Flussbett gelegt.
Die «Weltwoche» schrieb diese Woche in Bezug auf den zerstörten Autobahnabschnitt von einer «hausgemachten Katastrophe» und warf die Frage auf, ob die Renaturierung richtig war. Der Artikel erweckt den Eindruck, dass die Autobahn wohl noch befahrbar wäre, bestünde dort noch ein durchgehender Kanal.
Diese These hält einer genaueren Überprüfung nicht stand. Zwar stimmt es, dass kanalisierte Gewässer schneller fliessen, darum mehr Gesteinsmaterial abtransportieren und so weniger schnell verstopfen. Mit dem Murgang von vergangener Woche wäre aber auch eine kanalisierte Moesa nicht fertig geworden. Darin sind sich die befragten Experten Zischg und Boes einig.
Eine aktuelle Luftaufnahme zeigt: Die Gesteinsmassen aus dem Val d'Orbel wälzten sich über das gesamte Flussbett der Moesa bis kurz vor die Autobahn und blockierten den Wasserlauf komplett, sodass sich das Wasser einen neuen Weg suchte. Er führte über die Autobahn.
ETH-Professor Boes sagt, es sei grundsätzlich ein Problem, dass die Autobahnen in den Alpentälern zu Nahe am Wasser gebaut worden seien. «Es besteht immer die Gefahr, dass sie überschwemmt werden. Weil Extremereignisse zugenommen haben, wird das in Zukunft wohl häufiger vorkommen. Wir müssen uns daran gewöhnen», sagt er.
Nach möglichen konkreten Massnahmen gefragt, wie die A13 im Misox besser zu schützen wäre, denkt Uni-Bern-Professor Zischg darüber nach, ob der 2019 errichtete Damm hätte höher und länger angelegt werden können. «Aber ob das eine Überflutung der Autobahn verhindert oder nur verlagert hätte, ist von der Ferne aus betrachtet unklar.»
Er gibt zu bedenken, dass die Strasse nun voraussichtlich einige Wochen gesperrt sei. Eine Verlängerung der Autobahnbrücke oder andere bauliche Massnahmen erforderten unter Umständen wegen der dafür notwendigen Baustelle eine viel längere Strassensperrung. (bzbasel.ch)
Für die Betroffenen ändert das alles nichts…