Im Migros-Onlineshop fehlen plötzlich Produkte – das steckt dahinter
«Es ist sehr mühsam, und zwar seit mehreren Wochen», sagt Regula Steiner*. Die Mutter von zwei kleinen Kindern erledigt die grösseren Einkäufe für ihre Familie gerne online bei der Migros. «Das spart uns Zeit.» Doch in letzter Zeit hat dies vor allem Nerven gekostet. «Immer wieder heisst es im Warenkorb, dass mehrere Produkte nicht verfügbar sind», sagt Steiner, die im Norden des Kantons Zürich lebt.
Mit diesem Frust ist sie nicht allein. Auch Sabrina Tuchschmid*, die in der Stadt Zürich lebt, ist genervt. «Von Bio-Gurken bis zum Waschmittel, ständig fehlt etwas im Onlineshop.» Screenshots der beiden Migros-Kundinnen und aktuelle Stichproben bestätigen die Probleme. Betroffen ist ein Potpourri an Produkten wie Molfina-Tampons, Picknick-Eier, Salatspinat, WC-Papier, Bio-Datteltomaten, Perwoll-Feinwaschmittel oder Blévita-Cracker.
Der Eindruck täuscht nicht. Die Migros habe die Sortimentsbreite im Onlineshop «in einzelnen Bereichen gezielt reduziert», bestätigt Sprecher Andy Zesiger. Das hängt mit dem neuen Verteilzentrum in Regensdorf ZH zusammen. Es ersetzt die Standorte in Pratteln BL und Bremgarten AG und wurde Ende Mai eröffnet. Derzeit würden die Prozesse «kontrolliert hochgefahren», so Zesiger. In diesem Zusammenhang seien einzelne Produkte nicht verfügbar.
Migros spricht von branchenüblichem Vorgang
Anlaufphasen seien bei einem Wechsel auf eine neue, deutlich grössere und teilautomatisierte Infrastruktur anspruchsvoll, sagt Zesiger. Der Start des neuen Zentrums verlaufe aber bisher wie geplant.
Einschränkungen im Sortiment seien für die Kundinnen und Kunden und für die Migros zwar unbefriedigend, aber «ein branchenüblicher Vorgang bei der Inbetriebnahme eines komplexen neuen Logistikstandorts». Die Migros bedauere die Unannehmlichkeiten.
Mit der Reduktion des Sortiments vermeide die Migros in ihrem Online-Shop Überlastungen im Betrieb. Negative Auswirkungen auf den Bestelleingang verzeichne die Migros nicht, im Gegenteil. Durch die höhere Kapazität und die verbesserte Verfügbarkeit von Lieferterminen am nächsten Tag registriere sie sogar ein Wachstum.
Coop überholte Migros im Internet
Im Jahr 2025 überholte Coop mit seinem Online-Lieferdienst in Sachen Umsatz erstmals die Migros, wie Zahlen des Beratungsunternehmens Carpathia zeigen. Mit dem Bau des neuen Verteilzentrums in Regensdorf will die Migros wieder Boden gutmachen. Dank ihm soll ein um 60 Prozent grösseres Sortiment angeboten werden können, die Lieferungen sollen schneller werden und es soll mehr Lieferslots geben.
«Perspektivisch» schaffe das neue Verteilzentrum zudem die Voraussetzungen für engere Zeitfenster und die Lieferung am gleichen Tag im Grossraum Zürich. Damit hinkt die Migros der Hauptkonkurrenz allerdings weiter hinterher. Coop bietet Lieferungen am gleichen Tag am Abend bereits seit längerem grossflächig an. In den meisten Regionen müssen Bestellungen dafür bis 7.30 oder 9.30 Uhr aufgegeben werden, in der Stadt Zürich bis 14 Uhr. Zudem können Kundinnen und Kunden bei Coop bereits heute relativ genaue Bestellfenster auswählen. Im Gegensatz zur Migros setzt Coop in den meisten Regionen auf einen eigenen Lieferdienst und nicht auf eine Zusammenarbeit mit der Post.
Migros und Coop haben in den vergangenen Jahren im Onlineshop zwar stark zugelegt – Migros auf 362 Millionen Franken Umsatz im Jahr 2025, Coop auf 375 Millionen Franken. Im Vergleich zum Supermarktgeschäft, in dem beide etwa zwölf Milliarden Franken umsetzen, bleibt der Onlinehandel aber klein. Zudem ist umstritten, ob die Händler damit überhaupt Geld verdienen. Für sich allein genommen dürfte das Geschäft defizitär sein. «Es kommt darauf an, wie man rechnet», sagte Coop-Chef Philipp Wyss vor gut einem Jahr im Interview mit «Schweiz heute». Es gehe um das Kundensegment, und es seien die besten Kundinnen und Kunden, die teilweise auch online bestellten.
Aldi stellt Lieferdienst ein
In den vergangenen Jahren haben mehrere Anbieter die Segel gestrichen. Der Hofladen-Lieferdienst Farmy ging im Mai konkurs. In den Jahren zuvor hatten der Genfer Lieferdienst Smood, der Kioskbetreiber Valora, die Migros-Tochter Migrolino und die Migros-Regionalgenossenschaft Aare eigene Projekte eingestellt.
Aldi strich vor knapp drei Jahren das Liefergebiet des eigenen Lieferdienstes zusammen. Wie die «Sonntagszeitung» nun berichtete, wird Aldi Now per Ende August ganz eingestellt. Nur im Grossraum Zürich liefert Aldi vorerst noch Lebensmittel aus. Laut der Zeitung ist das Ende des Dienstes aber auch dort besiegelt.
Soweit wird es bei der Migros nicht kommen. Zur Profitabilität ihres Lieferdienstes und zur Umsatzentwicklung äussert sie sich zwar nicht. Der Dienst entwickle sich aber «positiv», sagt Sprecher Andy Zesiger. Ziel sei es, die Sortimentseinschränkungen in den nächsten Monaten aufzuheben.
Bis dahin profitiert die Konkurrenz. «Ich kaufe inzwischen vermehrt bei ‹Coop at home› ein», sagt Regula Steiner. Und Sabrina Tuchschmid weicht auf den Supermarkt in ihrem Quartier aus, um Lücken zu füllen. Es ist einer von Coop.
* Namen geändert (schweizheute.ch)

