Jungs, stoppt die ungefragte Filmerei
Du kennst die Situation: Du stehst an einem Apéro, beim Betriebsfest oder einer Geburtstagsparty, nuckelst an einem Bier oder auch an einer Schorle, plauderst ein bisschen in der friedlichen Runde, da drängt sich irgendein Vogel dazwischen und hält dir ein Handy ins Gesicht: «Komm! Sag was Witziges! Los! Toggweiläää!»
«Ja, ja, ich dich auch.»
Dann hast du jetzt halt meine rote Rübe auf deinem Speicherkärtchen – und später auf deiner Harddisk zuhause, und in der Cloud, und im WhatsApp-Chat, und vielleicht wird sie sogar «Content» in deinen beknackten Social-Media-Kanälen. Bravo! Bestes Leben!
Mal abgesehen davon, dass die Filmerei aufdringlich und übergriffig ist – sie trägt auch nicht zur Atmosphäre der Veranstaltung bei. Im Gegenteil. Noch nie wurde eine Ballade romantischer, nur weil die Leute am Konzert ihre Phones in die Höhe streckten. Noch nie spielte eine Mannschaft besser, nur weil die Fans ständig filmten. Es ist eine Krux: Smartphone-Filmer ernten Früchte, die unter ihresgleichen nie wachsen würden.
Anyway. Für mich als alten Mann ist die Situation lästig – aber lästig ist noch vieles. Kein Grund, gleich den Schwedenkuss auszupacken.
Eine komplett andere Dimension der Belästigung ist die Filmerei aber für Frauen. Sie werden viel öfter und weit gezielter fotografiert und gefilmt. Manchmal heimlich, manchmal sehr offensichtlich. «Sobald jemand auf dem Tisch tanzt, werden die Handys gezückt», bestätigen mir diverse Kolleginnen. Ähnliche Storys höre ich von meiner Teenager-Tochter. Und es sind immer Männer.
Deshalb, liebe Jungs: Stoppt die dumme Filmerei. Es gibt dafür diverse Gründe. Hier kommen drei:
Es ist verboten
Egal, ob im öffentlichen oder privaten Raum. Wer eine Person fotografiert oder filmt – und diese dabei ins Zentrum der Aufnahme rückt –, braucht zwingend die Einwilligung dieser Person. So sind die Regeln in der Schweiz.
Den Ursprung dafür, dass viele junge Schweizer glauben, sie dürften einfach drauflosfilmen, vermute ich in den USA. Dort gibt es das Recht am eigenen Bild nicht. Dort darf überall gefilmt werden, wo «keine explizite Privatsphäre zu erwarten ist»: also im öffentlichen Raum – ausser in Toiletten.
Deshalb dürfen sich AmerikanerInnen und Amerikaner gegenseitig das Telefon ins Gesicht halten, so viel sie wollen. Deshalb wimmelt es in den sogenannten sozialen Medien nur so von Aufnahmen von Privatpersonen, die sich verprügeln, beschimpfen oder wie Zombies in den Ghettos rumstehen. Solche Aufnahmen sind in der Schweiz verboten.
Natürlich, so ein Verbot hat bei manch einem Jugendlichen nicht viel mehr Wert als eine Rote Karte bei der FIFA. Und deshalb folgt hier Grund zwei.
Es ist unanständig
Wir würden uns in einer Männlichkeitskrise befinden, heisst es. Attribute und Einstellungen, die früher als klassisch männlich galten, seien plötzlich verpönt. Ich glaube, die Heulsusen machen es sich da etwas zu einfach.
Weisst du, was maximal männlich ist – was schon, seit ich denken kann, immer männlich war? Anstand. Und warum ist Anstand männlich? Anstand benötigt Souveränität, Kontrolle und Selbstbeherrschung – es ist die Kulmination anderer männlicher Attribute. Nicht immer gleich dem ersten Impuls nachgeben, sich unter Kontrolle haben, nicht gleich zum Handy greifen, wenn eine Frau es wagt, das Leben zu geniessen.
Geniess stattdessen mit. Geniess es, dass es einem Menschen möglich ist, sich frei zu fühlen – trotz, vielleicht aber auch wegen deiner Anwesenheit. Es gibt keine wertvolleren Momente. Es gibt kein schöneres Geschenk, als jemandem Freiheit zu ermöglichen. Zerstör das nicht – und Anstand hilft dabei.
Wer ist der Hohenpriester der Unanständigkeit? Donald Trump. Willst du wie Donald Trump sein? Eben. Ich nehme an, lieber wärst du The Rock – und das bringt uns zum letzten Punkt.
The Rock würde auch nicht filmen
Würde The Rock zum Handy greifen, wenn eine junge Frau auf dem Tisch tanzt? Nein. Würde Robert de Niro nach dem Handy greifen, wenn eine junge Frau auf dem Tisch tanzt? Nein. Dasselbe gilt für Nico Hischier, Roger Federer, Kendrick Lamar, Timothée Chalamet, Barack Obama, James May – egal, wer dein Held ist und aus welcher Generation er stammt: Kein Mann mit Klasse filmt ungefragt drauflos.
Ein Satz, den noch keine Frau dieser Welt jemals sagte: «Da erwischte ich ihn, wie er mich heimlich filmte, und dann war's um mich geschehen.» Nein, nie. Du willst punkten? Dann lass das Telefon stecken.
Sei nicht cringe, sei kein creep – oder welches Wort für abstossende Menschen gerade aktuell ist. Du willst moggen wie The Rock? Das wird schwierig. Du wirst nie wie The Rock sein – und nur sehr wenig mit ihm gemeinsam haben. Aber eine wichtige Eigenschaft kannst du mit ihm teilen: nicht gleich drauflos filmen. Du schaffst das.
PS: Liebe Eltern! Sagt's euren Buben, ob gross oder klein. Klärt sie auf. Redet mit ihnen. Was ich so höre, ist's bitter nötig.
