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Tellspiele Interlaken: Ein Nationalheld kämpft ums Überleben

Tellspiele Interlaken 2026
Quo vadis, Tell? Probenfoto der aktuellen Aufführung in Interlaken.Bild: ho
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Tellspiele Interlaken: Ein Nationalheld kämpft ums Überleben

Einst waren die Tellspiele Interlaken ein Selbstläufer. Heute müssen sie ums Publikum kämpfen. Die neue Inszenierung gefällt, dennoch ist fraglich, ob der Turnaround gelingt.
28.07.2026, 19:4728.07.2026, 19:47

Der Apfel fällt direkt beim Stamm. Genauer bei der Linde, neben der der kleine Walterli Tell darauf wartet, dass Vater Wilhelm ihm auf Befehl des grausamen Landvogts Gessler mit der Armbrust das Obst vom Kopf schiesst. Natürlich geht es gut, wie es immer gut geht, wenn «Wilhelm Tell» des deutschen Dramatikers Friedrich Schiller gezeigt wird.

Am letzten Samstag war es auf der imposanten Freilichtbühne der Tellspiele Interlaken wieder so weit. «Tell unser Held» feierte Premiere. Der Titel deutet an, dass in der Inszenierung von Regisseur Urs Häberli einiges anders ist. Schillers sperriges Theater wurde auf zwei Stunden «eingedampft» und mit Musikeinlagen aufgepeppt.

Das Premierenpublikum verfolgt am Donnerstag, 26. Juni 2003, in Interlaken, die erste oeffentliche Premierenvorstellung der Tell Freilichtspiele 2003. Die diesjaehrigen Tellspiele, sie finden seit 191 ...
Premiere vor vollem Haus: Das Bild stammt von 2003, die Aufführung am letzten Samstag war nicht ausverkauft.Bild: KEYSTONE

Die Waldstätter sprechen Dialekt, das Bühnendeutsch ist den Habsburgern vorbehalten. Vor allem aber ist Tell, nachdem er sich an Gessler gerächt hat, kein strahlender, sondern ein gebrochener Held. Tell sei ein Eigenbrötler gewesen («Der Starke ist am mächtigsten allein»), der eigentlich nur nach Hause wollte, sagte Regisseur Häberli der «Berner Zeitung».

Seit 2012 geht es bergab

Der Titel «Tell unser Held» wirkt bewusst ambivalent. Erkennbar ist das Bemühen, den Schweizer Nationalhelden zu entstauben und einem heutigen Publikum zugänglich zu machen. Denn die Tellspiele Interlaken, die im Berner Oberland erstmals 1912 aufgeführt wurden, haben ein Problem: Aus einem Selbstläufer ist ein Sanierungsfall geworden.

In ihren besten Zeiten kamen jährlich rund 40'000 Besucherinnen und Besucher. Sie füllten die 2200 Plätze auf der wuchtigen Betontribüne fast von allein. Darunter waren viele Schulklassen. Letztmals richtig rund lief es beim 100-Jahr-Jubiläum 2012. Seither aber geht es bergab. Das führt beim Tellspielverein zu einer notorisch angespannten Finanzlage.

Wechsel auf Mundart

Für dieses Jahr wurde bereits wieder ein Defizit von 60'000 Franken budgetiert. Man sieht dies der Inszenierung an. Zwar gibt es bekannte Elemente wie den Alpabzug mit den Simmentaler Kühen und die Reiterei hoch zu Pferd. Aber früher wirkte alles irgendwie aufwendiger (der Autor hat die Tellspiele vor mehr als 30 Jahren schon einmal besucht).

Die Zuschauer verfolgen von der Freilicht-Tribuene eine Szene, in der Wilhelm Tell und sein Sohn Walter vor einer grossen Heerschar der feindlichen Obrigkeit vorgefuehrt werden, aufgenommen 1941/42 an ...
Eine Aufführung aus den 1940er-Jahren: Damals waren die Tellspiele ein Selbstläufer.Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Man kann dem Verein nicht vorwerfen, er habe sich nicht mit aller Kraft gegen den Niedergang gestemmt. 2016 kam es zum Tabubruch: Erstmals wurde der «Tell» nicht in Schillerdeutsch aufgeführt, sondern in Mundart. Traditionalisten waren not amused, und der Besucherschwund hielt an. Dann kamen die Pandemie und zwei Jahre ohne Tellspiele.

Reinfall mit Touri-Tell

Nach dem Neustart versuchte man, Touristen mit einem 45-minütigen Highspeed-Tell anzulocken. Trotz grossen Werbeaufwands war es ein Reinfall. «Die Best-of-Vorführungen waren so schlecht besucht, dass die Bühne jeweils besser besetzt war als die Tribüne», schrieb die NZZ. Der Rest der Welt interessiert sich nicht für unseren Nationalhelden.

Die Tellspiele versuchten es deshalb mit einem weiteren «Tabubruch»: Erstmals sollte ein anderes Stück aufgeführt werden, der Kinderbuchklassiker «Mein Name ist Eugen». Die Idee zerschlug sich nicht nur aus Kostengründen. Der Stoff, der in der Schweiz der 1950er Jahre spielt, passte nicht auf die mittelalterliche Tell-Bühne im Rugenwald.

Bühne als Hypothek

Denn in den guten Zeiten wurde gross angerichtet. Die Häuser und Ställe sind nicht einfach Kulissen, sondern solide Holz- und Steinbauten. Ihr Anblick ist beeindruckend, doch sie sind kostspielig im Unterhalt und stehen buchstäblich quer in der Landschaft. Deshalb wurde mit «Robin Hood» in den letzten zwei Jahren ein anderer populärer Mittelalter-Stoff inszeniert.

Robin Hood Tellspiele Interlaken
In den letzten zwei Jahren wurde «Robin Hood» aufgeführt.Bild: HO

Die Reaktionen auf den «englischen Tell» waren teilweise euphorisch, doch der Publikumsaufmarsch blieb überschaubar. In den beiden Jahren wurden zusammen rund 20'000 Zuschauer gezählt. Nun wird wieder Tell gespielt. Die Premiere am Samstag war gut besucht, doch die auf 1500 Plätze reduzierte Tribüne war nicht ausverkauft.

Gewichtige Konkurrenz

Ein Problem ist die Konkurrenz. Früher hatten die Tellspiele fast ein Alleinstellungsmerkmal. «Heute hat fast jede Gemeinde in der Region ein Freilichttheater», sagt Marie-Louise Lehmann, die seit diesem Frühjahr als Geschäftsführerin tätig ist. Die Thunerseespiele etwa ziehen mit Musicals (2026 steht «Grease» auf dem Programm) das Publikum in Scharen an.

Auf der anderen Seite der grossen Berner Oberländer Seen lockt das Landschaftstheater Ballenberg mit jährlich wechselnden Stücken und prominenten Profi-Schauspielern – dieses Jahr mit Reto Stalder, bekannt als Fabio Testi aus «Der Bestatter». Die Tellspiele Interlaken hingegen sind ein Laientheater. Das ist sympathisch, aber es fehlt der Promi-Bonus.

Noch viele Tickets erhältlich

Der Tellspielverein versucht deshalb, das Areal besser zu nutzen. Kürzlich gastierte erstmals das von Coop gesponserte Open-Air-Kino vor der Tell-Tribüne. Die neue Führung um Geschäftsführerin Marie-Louise Lehmann und Präsidentin Karin Brönimann bezeichnet die aktuelle Saison als Übergangsphase. Ab nächstem Jahr will sie richtig durchstarten.

«Wir wollen neue Ideen umsetzen und die Schulen wieder anschreiben», sagt Lehmann. Ob das klappt? Urs Häberlis Inszenierung gefällt, sie ist ein gelungener Versuch, den Schiller-Stoff zugänglicher zu machen und an die schnelllebige Zeit anzupassen. Doch für die weiteren Vorstellungen bis Anfang September sind noch viele Tickets erhältlich.

Der Tell-Mythos verblasst

Die Thunerseespiele hingegen mussten wegen der enormen Nachfrage für «Grease» die Tribüne auf 2900 Plätze erweitern. Ein banales US-Rockmusical mobilisiert die Leute, unser Nationalheld schwächelt. Vielleicht ist dies das Hauptproblem: Der Mythos Wilhelm Tell, der nach historischen Erkenntnissen nie existiert hat, verblasst zunehmend.

Dies zeigt die 1.-August-Spezialausgabe des Barometers für Zusammenhalt in der Schweiz des Instituts Sotomo für Feldschlösschen. Für eine Mehrheit der Befragten ist nicht 1291, sondern 1848 das Gründungsjahr der Schweiz. Und Wilhelm Tell gilt für die meisten als Sagengestalt oder Schiller-Figur, «und nicht als historischer Freiheitskämpfer».

Erstaunlich daran: In der Deutschschweiz hat der Tell-Mythos stärker an Bedeutung verloren als in der lateinischen Schweiz. Doch von dort werden nur wenige den Weg nach Interlaken finden. «Wir setzen auf Mund-zu-Mund-Propaganda, denn die Leute buchen kurzfristiger», sagt Marie-Louise Lehmann. Tells Kampf ums Überleben ist noch lange nicht gewonnen.

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Tell-Freilichtspiele Interlaken
Bühnenkünstler verdienen kaum genug zum Leben
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