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Manor zurück in Zürich: Dank dir lernte ich zu shoppen – ein Kommentar

Das Warenhaus VILAN feiert am 4. September 1984 die Eroeffnung seiner Filiale in Zuerich an der Bahnhofstrasse. Hier das Rayon Damenmode mit "Boutique Graffiti" im zweiten Stock des Gebaeude ...
Hart am Wind der Gegenwart: 1984 eröffnete an der Zürcher Bahnhofstrasse die Manor, die damals noch Vilan hiess und eine «Graffiti-Boutique» beinhaltete.Bild: KEYSTONE
Kommentar

Manor, I love you! Dank dir lernte ich (vernünftig) zu shoppen

Ab 2027 wird die Zürcher Bahnhofstrasse endlich wieder Sinn machen. Anekdoten über die Einkaufs-Destination meines Herzens.
09.07.2024, 20:10
Simone Meier
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Als ich einst ein Mädchen auf dem Land war und die Speckbrötli beim Bäcker das Interessanteste waren, was es weit und breit zu kaufen gab, da wusste meine Tante ganz genau, wie sie mir in den Sommerferien eine Riesenfreude bereiten konnte: Wir fuhren für ein paar Tage nach Lugano. Und wir verbrachten dort viel Zeit mit Shoppen.

Das heisst, geshoppt haben wir am Ende fast nichts, aber wir haben uns stundenlang in einem Warenhaus namens Innovazione, wie die Manor im Tessin damals noch hiess (anderswo hiess sie auch Placette oder Vilan), aufgehalten.

Die Innovazione hatte damals Aktionswochen, das heisst, jede Stunde wurde auf einem von mehreren Stockwerken ein neues Sonderangebot per Lautsprecher ausgerufen, und wir folgten einer kleinen Karawane aus Schnäppchenjägerinnen durch das Haus, begutachteten runtergesetzte Ware und ich erstand am Ende für fast kein Geld eine hellblaue Handtasche. Ich hatte sowas noch nie erlebt. Es war mörderisch mondän.

Une partie du logo du magasin Manor photographie, ce jeudi 28 octobre 2010 a Geneve. (KEYSTONE/Martial Trezzini)
Das alte Manor-Logo. Heute gleicht es einem vierblättrigen roten Kleeblatt.Bild: KEYSTONE

Dazwischen gingen wir baden, essen oder Autofahren, meine Tante immer mit schicken, hauchdünnen Wildlederhandschuhen am Steuer. Und das ist meine erste Erinnerung an das Warenhaus mit dem Logo einer sechsblättrigen roten Blume aus Sechsecken.

Später wurde die Manor zum Geschäft, das Menschen mit einem Budget wie meinem ernst nahm. Wenn ich mir als Studentin in Basel etwas gönnen wollte, was feiner war als von der Migros, aber nicht so teuer wie im Globus, ging ich in die Manor an der Clarastrasse. Ich kaufte dort auch meinen ersten richtigen Lippenstift und eine dunkelblaue Swatch mit feinen weissen Punkten. Und dass ein Ort, der praktisches Denken und Alltagstauglichkeit verströmte, englisch ausgesprochen «Mänr» hiess und damit Gutshaus bedeutete, betörte mich vollends.

Wenn ich als junge Journalistin mit meiner Wohngemeinschaft im Sommer nach Locarno ans Filmfestival fuhr und wir dabei in schrottreifen Ferienwohnungen in Ascona logierten, die von einem Vermieter betrieben wurden, der schon am Vormittag seinen Grappa süffelte, kauften wir alles, was wir brauchten, in der Manor Ascona-Delta. Vom vergessenen Frottiertuch über das in der Wohnung dringend benötigte Rüstmesser bis hin zu sämtlichen Lebensmitteln. Was für eine grandiose, riesige, mit regionalen Delikatessen auftrumpfende Food-Abteilung! Bis heute ist sie einzigartig!

Das Warenhaus VILAN feiert am 4. September 1984 die Eroeffnung seiner Filiale in Zuerich an der Bahnhofstrasse. Hier das Rayon der Damenmode mit "Rue de la Mode" im zweiten Stock des Gebaeud ...
Hier die sogenannte «Rue de la mode» im Zürcher Vilan 1984.Bild: KEYSTONE

Als ich mit 28 Jahren nach Zürich zog, war die Manor an der Zürcher Bahnhofstrasse viele Jahre lang meine liebste Shoppinggelegenheit, es gab da restlos alles an Kosmetik, jeden Ferienkoffer, den ich jemals brauchte, alles für den Haushalt und die beste Auswahl an Winterpullis. Vor genau 25 Jahren kaufte ich mir dort einen für meine damaligen Verhältnisse teuren schwarzen Kaschmirschal (90 Franken!) – er lebt bis heute.

Ich liebte es, von der Rolltreppe aus die bunten Glasfenster anzuschauen. Und dass es in der teuersten Strasse der Schweiz ein Geschäft gab, in dem ich unbesorgt einkaufen konnte. Einzig, dass es keine Food-Abteilung gab, habe ich meiner Lieblingsmanor nicht verziehen.

Totalraeumungsverkauf vor der Schliessung des Warenhaus Manor an der Bahnhofstrasse, aufgenommen am Mittwoch, 29. Januar 2020 in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)
Ende Januar 2020: Die letzten Tage der Bahnhofstrassen-Manor. Zum Glück werden sie nach sieben Jahren vorbei sein. Bild: KEYSTONE

Und dann war sie weg. Und die Bahnhofstrasse hatte für mich ihr Herz verloren. Es gab jetzt nur noch Trash und Luxus und nichts dazwischen und die Wege für so vieles wurden immer länger und mündeten immer öfter im Internet.

Doch eines Tages erzählte eine Freundin ein märchenhaftes Gerücht, dem ich lieber keinen Glauben schenken wollte: Verkäuferinnen im Jelmoli, dessen Abwicklung bald bevorsteht, hätten gesagt, die Manor käme zurück. Nicht ins alte Zuhause, da sind jetzt Cadillac und andere Dinge, die im Alltag fast niemand braucht. Sondern 2027 ins Jelmoli-Haus. Eine kurze Strassenüberquerung weiter. In Gedanken habe ich meine neue Manor natürlich bereits eingerichtet. Sie wird himmlisch. Und ins Untergeschoss muss dieses Mal eine Lebensmittelabteilung. Muss! Danke!

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82 Kommentare
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Optimistic Goose
09.07.2024 20:29registriert Januar 2015
Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir stundenlang alleine in der Spielwarenabteilung von Manor sein durften, während Mami und Oma Kleider kaufen gingen. So schön!
Aber echt jetzt, wer sagt denn schon "die Manor"?. Der Manor! Ich gehe noch kurz in DEN Manor. Nicht?
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Molson
09.07.2024 20:36registriert Juni 2014
Geht mal in Genf in den Manor. Ein Traum von Manor Food zuunterst bis zum Mega Manora zuoberst! so macht das Spass 😍
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Nummy33
09.07.2024 20:18registriert April 2022
Manor Food hier bei uns in Lugano: Preise höher als in anderen Läden aber super Qualität👍🏼
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