Schweiz
Migration

Maghreb-Experte Beat Stauffer: «Gefängnisse schrecken sie nicht ab»

Ein unbegleiteter minderjaehriger Asylsuchender (UMA) sitzt am Handy, im Transitzentrum fuer Asylsuchende "Landhaus", am Freitag, 1. April 2016, in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Asylsuchende aus dem Maghreb sind in der Schweiz oft auffällig. Ein Problem: Schweizer Gefängnisse wirken auf sie kaum abschreckend.Bild: KEYSTONE

«Schweizer Gefängnisse schrecken sie nicht ab»: Experte über Maghreb-Asylsuchende

80 Prozent der Asylsuchenden aus Tunesien, Marokko und Algerien werden einer Straftat beschuldigt. Ein Experte erklärt, warum das so ist.
24.08.2026, 05:43

Seit der «Blick» eine interne Auswertung des Staatssekretariats für Migration veröffentlicht hat, aus der hervorgeht, dass 80 Prozent der Asylsuchenden aus den Maghreb-Staaten mindestens einer Straftat beschuldigt werden, fragt sich die Öffentlichkeit: Warum verhalten sich Asylsuchende aus Marokko, Tunesien und Algerien so auffällig? Und welche Lösungen schlagen Experten vor?

Beat Stauffer
Beat Stauffer ist Experte für den Maghreb.Bild: zvg

Ein solcher Experte ist Beat Stauffer. Er hat zwei Bücher über den Maghreb geschrieben – und jetzt den Zeitungen von Tamedia ein Interview gegeben. Darin spricht er über …

  • ...die Gründe, warum Asylsuchende aus dem Maghreb so oft kriminell werden:
    «Es handelt sich um irreguläre Wirtschaftsmigranten, denen es im Grunde völlig egal ist, was im Asylverfahren passiert. Für Personen, die ernsthaft auf einen positiven Asylentscheid hoffen, wäre es kontraproduktiv und irrational, während der Wartezeit so häufig Straftaten zu begehen.»
  • ...die Frage, ob es sich dabei um ein kulturelles Phänomen handelt:
    «Nur zu einem geringen Teil. Eigentlich stehen junge Maghrebiner Europa kulturell näher als beispielsweise Asylsuchende aus Eritrea, Somalia oder Afghanistan. Die maghrebinische Kultur ist noch immer sehr stark von der französischen, der spanischen und der italienischen Kolonialzeit geprägt. Zudem ist die Auslegung des Islam im Maghreb – extremistische Minderheiten einmal ausgenommen – viel liberaler als etwa in Saudi-Arabien oder Afghanistan. Es gibt dort keine Steinigungen oder schweren Körperstrafen.»
  • ...welche Menschen aus dem Maghreb in die Schweiz kommen:
    «Wir haben es mit einem massiven Unterschichts- und Verwahrlosungsproblem zu tun. Diese jungen Männer, die sogenannten Harraga, stammen sehr häufig aus zerrütteten Familien, wachsen in beengten, ärmlichen Verhältnissen bei alleinerziehenden Müttern oder als Strassenkinder auf. Sie haben früh Gewalt und Verwahrlosung erlebt. Das Vertrauen in den eigenen Staat haben sie verloren, genauso wie die Hoffnung, dass sich für die junge Generation jemals etwas verbessern könnte.»
  • ...warum der Schweizer Rechtsstaat Mühe mit Ihnen bekundet:
    «Der Abschreckungseffekt eines Schweizer Gefängnisses ist im Vergleich zu einem nordafrikanischen praktisch null. Ich habe kürzlich von einem unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden aus dem Maghreb gehört, der nach einer Straftat kurz im Gefängnis landete. Er wollte danach nicht mehr ins Asylzentrum zurückkehren, weil er die Haftanstalt gar nicht so schlimm fand: Einzel- oder Zweibettzellen, Fernseher, Sportgeräte, eine ordentliche Dusche und anständige Mahlzeiten.»
  • ...warum es schwierig ist, sie rückzuführen:
    «Eine Rückkehr ohne Geld und Papiere ist für diese Männer eine immense Schande vor ihren Familien. Doch die Rückführungen scheitern oft an der Identifikation. Viele Migranten geben falsche Namen oder Geburtsorte an. Dann sagen beispielsweise die marokkanischen Konsularbehörden: Beweisen Sie uns erst einmal, dass das kein Algerier ist. Die Migranten wissen genau, wie schwer arabische Namen zu transkribieren und zu verifizieren sind. Deshalb kann allein die Papierbeschaffung ein Jahr oder länger dauern.»
  • ...welche Lösungen er sieht:
    «Einfache und schnelle Lösungen sind illusorisch. In Tunesien hat allein in den letzten 15 Jahren eine Million junge Menschen die Schule abgebrochen. In Marokko gibt es zwei bis zweieinhalb Millionen junge Leute zwischen 15 und 30 Jahren ohne Ausbildung, ohne Job und faktisch ohne Perspektive. Der einzige Ausweg besteht für uns darin, die Zusammenarbeit mit den Maghrebstaaten zu vertiefen. Wir müssten dort massiv investieren, etwa in Heime für Strassenkinder. Oder in Berufsausbildungen nach Schweizer Vorbild, um den Hunderttausenden von Schulabbrechern eine echte Perspektive zu bieten. Und das Wichtigste: Wir müssen legale Wege der Arbeitsmigration schaffen.»

(her)

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    267 Kommentare
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    Die beliebtesten Kommentare
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    Judge Dredd
    24.08.2026 06:28registriert April 2016
    „Der einzige Ausweg besteht darin, massiv in diese Länder zu investieren…“ und in Marokko bauen sie derweil für eine halbe Milliarde das grösste Fussballstadion der Welt. Das Marokkanische Königshaus ist eines der reichsten Weltweit mit mehreren Milliarden vermögen. Es ist wohl nicht so, dass kein Geld vorhanden wäre, es ist aber schlecht verteilt.
    Wenn man in diese Länder investiert, besteht auch immer die Gefahr, dass ein hoher Anteil der Investition nicht dort ankommt, wo es angedacht ist. Zudem währen Ergebnisse in Jahren oder Jahrzenten zu erwarten.

    Es braucht auch andere Lösungen.
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    Intensiv Elefant
    24.08.2026 07:06registriert März 2026
    „Wir müssten dort massiv investieren, etwa in Heime für Strassenkinder. Oder in Berufsausbildungen nach Schweizer Vorbild, um den Hunderttausenden von Schulabbrechern eine echte Perspektive zu bieten. Und das Wichtigste: Wir müssen legale Wege der Arbeitsmigration schaffen.“

    Nein, das müssen wir alles nicht!

    Der gute Mann arbeitet wohl für ein NGO oder plant eines zu Gründen. Das Geld welches die Schweiz dort „investieren“ würde, würde ein paar Wenige reich machen und hätte keinen positiven Effekt.

    Fragt den König von Marokko nach Hilfe, dem geht es anscheinend finanziell ganz ok.
    22027
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    Dr. Atomi
    24.08.2026 06:39registriert Juli 2024
    "Thurgauer Zeitung"

    Aussage Polizeikommandant Thomas Frey:
    "Ein Algerier hat innert sieben Stunden sieben Delikte begangen"

    80% begehen eine Straftat, das ist ein ziemlich starkes kriminalitätsproblem und muss unbedingt angegangen werden.
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