Schweiz
ÖV

SBB-Chef Andreas Meyer tritt ab: Die aktuelle Situation ist ein Albtraum

SBB-Chef Meyer tritt ab: «Die aktuelle Situation ist ein Albtraum»

31.03.2020, 09:0731.03.2020, 10:48

Mitten in der Corona-Krise hat SBB-Chef Andreas Meyer seinen letzten Arbeitstag. Die aktuelle Situation mit gesundheitlichen Bedrohungen, Unsicherheit und weitgehendem Lockdown auch im öffentlichen Verkehr sei ein «Albtraum», sagte Meyer im Interview mit dem «Blick».

Die SBB hätten Nachfragerückgänge von 80 bis 90 Prozent. «Selbst in Hauptverkehrszeiten trifft man in manchen Wagen nur eine oder zwei Personen an.»

Andreas Meyer, CEO SBB, informiert ueber die neusten Entwicklungen aus der Sicht des oeffentlichen Verkehrs in der Krise um die Pandemie des Coronavirus, am Donnerstag, 19. Maerz 2020 in Bern. (KEYSTO ...
Andreas Meyer stand 13 Jahre an der Spitze der SBB.Bild: KEYSTONE

Als Reaktion auf die Corona-Krise wurde das Angebot im öffentlichen Verkehr stark heruntergefahren. Ob es eine weitere Reduktion geben wird, ist laut Meyer noch unklar «Wir werden die Situation genau beobachten und haben vorbehaltene Entscheide getroffen. Sollte ein weiterer Schritt nötig sein, müssten wir die Fernverkehrslinien weiter ausdünnen.»

>> Liveticker: Die Coronavirus-Situation in der Schweiz

Das Angebot sei derzeit um rund 25 Prozent reduziert. «Unter eine Schwelle von rund 50 Prozent können wir im Personen- und Güterverkehr nicht gehen. Weil viele Verbindungen nicht mehr funktionieren würden und die Landesversorgung damit nicht mehr sichergestellt werden könnte.»

Gemischte Bilanz

Einige Zeit in Anspruch nehmen werde die Wiederaufnahme von Streckenabschnitten, die wegen der Corona-Krise vorübergehend eingestellt wurden, gab Meyer im Interview mit der Westschweizer Tageszeitung «Le Temps» zu bedenken. Er hoffe aber, den Zeitplan einhalten zu können für die Eröffnung des Ceneri-Basistunnels und die Einführung der Bombardier-Doppelstockzüge noch dieses Jahr.

Zugute hält er sich die Steigerung des Reiseverkehrs, den Ausbau des Immobiliensektors und die Sanierung der SBB-Cargo-Pensionskasse. Verbesserungswürdig sei allerdings die Pünktlichkeit der Züge, gab Meyer zu. Die Probleme in diesem Bereich seien klar lokalisiert und deren Lösung auf gutem Weg.

Auswirkungen auf Mobilitätsverhalten

Meyer ist überzeugt, dass die aktuelle Situation Auswirkungen auf das Arbeits-, Lern- und Mobilitätsverhalten haben wird. «Sobald wir uns wieder frei bewegen können, wird es insbesondere im Freizeitbereich einen Nachholbedarf geben.»

Er hoffe, dass viele Menschen jetzt merkten, wie viele gute Möglichkeiten es gebe, die stark belasteten Züge zu Stosszeiten zu meiden. «Man kann zum Beispiel eine oder zwei Stunden später zur Arbeit fahren. Oder eine Hochschule sagt, dass sie gewisse Angebote von nun an digital anbiete.»

Ein grosses Fragezeichen sei die wirtschaftliche Entwicklung, sagte Meyer. «Es wird nach der Solidarität für das Überleben auch noch einen Pakt zwischen Unternehmen, Mitarbeitenden und dem Staat brauchen, um Arbeitsplätze zu retten und Lieferketten sicherzustellen. Eine Herkulesaufgabe.»

Der Dienstag ist Andreas Meyers letzter Arbeitstag. Am Mittwoch übernimmt sein Nachfolger, der Freiburger Vincent Ducrot, den Chefsessel bei den SBB. (sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
24 Bilder aus der guten alten SBB-Zeit
1 / 25
24 Bilder aus der guten alten SBB-Zeit
Am 1. Januar 1902 wurden die SBB gegründet. An diesem Tag fuhr auch der erste SBB-Zug, der eigenhändig von der SBB-Generaldirektion geführt wurde. Bis dahin wurde der Betrieb zwar im Auftrag der Bundes, aber noch in der Organisation der Privatbahnen geführt. Sukzessive wurden von 1901 bis 1909 die fünf grössten Privatbahnen verstaatlicht und in die SBB überführt. Die Männer tragen schicke Doppelreiher und posieren vor dem allerersten SBB-Zug. Er ist gerade im Bahnhof Bern eingetroffen. ... Mehr lesen
quelle: foto service sbb / str
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Roger Moore war auch ein Schweizer Werbe-Star
Video: srf
Das könnte dich auch noch interessieren:
Wohnbedingungen von ukrainischen Pensionierten: «Das ist eines Rechtsstaats unwürdig»
Pensionierte Ukrainerinnen und Ukrainer können in der Schweiz in einer Unterkunft stecken bleiben, die nicht altersgerecht ist. Das hat die watson-Recherche aufgedeckt. Die Suche nach Verantwortlichen gestaltet sich jedoch schwierig.
Die watson-Recherche hat gezeigt: Pensionierte Ukrainerinnen und Ukrainer mit Schutzstatus S müssen zu beengten, nicht altersgerechten Bedingungen leben. Und das voraussichtlich bis auf unbestimmte Zeit. Aufgrund ihres Alters werden sie ihren Lebensunterhalt nie selbst bestreiten und deshalb auch nie ihre Wohngemeinde selbst bestimmen dürfen. Das Budget, das sie von der Sozialhilfe für Wohnkosten zugesprochen bekommen, ist indes zu tief, um je eine Mietwohnung auf dem regulären Wohnungsmarkt finden zu können.
Zur Story