Streit um russische Millionen in der Schweiz: Putin-Gegner attackiert Bundesanwaltschaft
Bill Browder, 62, ist Menschenrechtsaktivist und engagierter Gegner von Wladimir Putin. Jetzt erhebt er schwere Vorwürfe gegen die Schweizer Bundesanwaltschaft. Trotz neuer Fakten und Beweismittel zu russischen Geldern mutmasslich kriminellen Ursprungs in der Schweiz weigere sich die Behörde, Ermittlungen aufzunehmen. Eine Strafanzeige zu einem dubiosen Geldfluss von acht Millionen Dollar, die Browders Hermitage Capital Management im November 2025 eingereicht hatte, erledigte die Bundesanwaltschaft am 21. April 2026 per Nichtanhandnahme. Sie eröffnete also kein Strafverfahren.
Das will Sir Bill Browder, wie der britische Staatsbürger seit dem Ritterschlag im Jahr 2024 genannt wird, nicht hinnehmen. Mitte Juni reichte Hermitage drei Eingaben ein. Die erste, eine Dienstaufsichtsbeschwerde an Bundesanwalt Stefan Blättler, richtet sich gegen die zuständige Staatsanwältin des Bundes. Hermitage verlangt, dass der Staatsanwältin das Verfahren entzogen wird. Sie habe den Kontakt mit Hermitage verweigert und «wichtige neue Beweismittel» gar nicht erst geprüft.
Die zweite Eingabe ging an die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft, die AB-BA. Hermitage beantragt, dass sie die Verfahrensführung der Bundesanwaltschaft untersucht.
Die dritte Eingabe ist eine fristwahrende Beschwerde beim Bundesstrafgericht in Bellinzona. Hier geht es darum, dass Hermitage die Nichtanhandnahme nicht anfechten konnte.
Dubiose Geldflüsse von Moskau bis Zürich
Im Kern geht es im Streit um acht Millionen Dollar, die laut Hermitage vor rund 15 Jahren auf Konten in der Schweiz flossen. Das Geld soll aus dem Steuerrückerstattungsbetrug von 230 Millionen Dollar stammen, den der für Hermitage tätige Steuerexperte Sergei Magnitsky 2007 in Russland aufgedeckt hatte. Magnitsky sagte gegen die mutmasslichen Täter – korrupte Beamte und kriminelle Geschäftsleute – aus, wurde selbst verhaftet und starb 2009 in russischer Haft. Als Drahtzieher des Betrugs gilt der Geschäftsmann Dmitry Klyuev: Die USA setzten ihn deswegen 2014 als «Mastermind» auf eine Sanktionsliste.
Jetzt also soll ein Teil dieser Beute in Zürich aufgetaucht sein. Die acht Millionen flossen angeblich von einem Klyuev-Vehikel auf Konten von Firmen, hinter denen ein russischer Senator stand: Dmitry Savelyev. Dieser Geldfluss ist auch in früheren Akten der Schweizer Bundesanwaltschaft dokumentiert: «Swissinfo» berichtete vor zwei Jahren darüber.
Savelyev sitzt inzwischen im Gefängnis. Im April 2026 wurde er in Moskau zu zehn Jahren Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er die Tötung eines Geschäftspartners in Auftrag gegeben hatte. Savelyev bestritt die Vorwürfe.
Der Prozess gegen Savelyev ist eines der neuen Elemente, auf die Browder verweist. Weitere neue Fakten stammen aus einem Geldwäschereiverfahren gegen Klyuev, das Ende März 2026 in Paris stattfand. Dort warf die französische Anklage Klyuev vor, zwischen 2008 und 2012 rund 2,1 Millionen Euro aus dem Magnitsky-Komplex in Paris und Courchevel für Kunst, Mode, Schmuck und Aufenthalte ausgegeben zu haben. Auch dieses Geld soll aus dem Steuerbetrug in Moskau stammen und über Konten aus Klyuevs Umfeld geflossen sein.
Auch in diesem Verfahren taucht Savelyev auf, der mittlerweile in mehreren Ländern, darunter der Schweiz, sanktioniert ist. Über Konten aus Klyuevs Umfeld seien rund 127’000 Euro für eine Courchevel-Reise Savelyevs und seiner Gäste bezahlt worden, wie die Rechercheplattform OCCRP berichtete. Die französische Justiz liess Klyuev, der in Russland vermutet wird, im März 2025 mit einem Europäischen Haftbefehl suchen. Das Verfahren fand in seiner Abwesenheit statt.
Browder: Warum ignoriert die Schweiz Warnsignale?
«Diese Fakten hätten Warnsignale auslösen müssen», sagt Browder. «Senator Savelyev erhielt Berichten zufolge etwa 8 Millionen Dollar von Zibar, einer zyprischen Firma, die von französischen Justizbehörden als Teil der Infrastruktur zur Wäsche der Erlöse des von Sergei Magnitsky aufgedeckten 230-Millionen-Dollar-Betrugs identifiziert wurde.» Französische Ermittler seien zum Schluss gekommen, «dass Dmitri Klyuev die kriminelle Organisation leitete, die für den Betrug verantwortlich ist, und Schlüsselakteure kontrollierte, die im Geldwäsche-Verfahren verwendet wurden». Vor diesem Hintergrund sei es «schwer nachzuvollziehen, warum sich die Schweizer Behörden weigern, den Ursprung und Zweck dieser Mittel überhaupt zu untersuchen.»
Bundesanwaltschaft: Keine neuen Fakten
Die Bundesanwaltschaft weist Browders Vorwürfe zurück. Ein Sprecher sagt, Hermitage habe «fragliche Unterlagen nie auf dem bekannten, ordentlichen Weg eingereicht», das heisst über die dafür vorgesehenen E-Mail-Adressen und die sichere Plattform. In der von CH Media konsultierten Nichtanhandnahmeverfügung schreibt die Behörde zudem, die von Hermitage vorgelegten Fakten und Beweismittel seien nicht neu, sondern bereits in früheren Verfahren gewürdigt worden. Es habe keine Grundlage gegeben, ein abgeschlossenes Verfahren neu aufzurollen. Dass Hermitage keine Parteistellung habe, habe das Bundesgericht ebenfalls bereits bestätigt.
Es sei «verstörend», kontert Browder, dass die Bundesanwaltschaft behaupte, es gebe keine neuen Fakten oder Beweise. «Sie verlangte nie, sie zu sehen. Sie hakte nie nach. Sie hat sich nie damit beschäftigt.» Offensichtlich wolle die Bundesanwaltschaft gar nicht ermitteln.
Die Bundesanwaltschaft will sich zur Dienstaufsichtsbeschwerde von Hermitage nicht näher äussern. Sie werde «nach den üblichen Vorgaben geprüft», sagt der Sprecher.
Bei der Aufsichtsbehörde AB-BA heisst es, das Beschwerdeverfahren sei nicht öffentlich. Allgemein gelte, dass die AB-BA der Bundesanwaltschaft im Einzelfall keine Weisungen erteilen dürfe. Die Aufsicht im engeren Sinn erfasse zudem den Bundesanwalt und seine Stellvertreter, nicht einzelne Staatsanwälte des Bundes. (schweizheute.ch)

