Putin gegen die Ukraine: Was ein Experte nie erwartet hat, geschieht jetzt
Das Weltgeschehen scheint gerade durch das Erdöl bestimmt zu werden. Wer genug hat, gewinnt; wem es auszugehen droht, der verliert.
Das gilt für den Iran-Krieg, wo US-Präsident Donald Trump seinen unvorteilhaften Iran-Deal damit rechtfertigte, die Strasse von Hormus wieder für den Öl-Transport freibekommen zu müssen. «Ich wollte keine wirtschaftliche Katastrophe», sagte Trump laut Newsagentur Reuters. «Hätte man so weitergemacht, hätte das passieren können.»
Und wenn Trump von einer Katastrophe spricht, meint er wirklich eine Katastrophe. «Der eine Präsident, der ich auf keinen Fall werden wollte, war Herbert Hoover», sagte Trump weiter. Hoover war US-Präsident im Oktober 1929, als die US-Börse crashte und eine globale Krise auslöste, später bekannt als Grosse Depression.
Trump wurde vor seinem Iran-Deal von Bossen aus der Öl-Industrie gewarnt, berichtete «Politico». Die Reserven seien gefährlich niedrig, der Ölpreis drohe hochzuschiessen.
Auch der ukrainische Verteidigungskampf gegen Russland dreht sich um das Erdöl. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski lässt systematisch russische Öl-Raffinerien bombardieren – und hat damit laut unabhängigen russischen Medien eine «Treibstoff-Krise» ausgelöst. Wie weit diese Krise fortgeschritten ist, ist schwer abschätzbar. Laut einer Erhebung gibt es jedoch bereits in fast allen Regionen Engpässe oder der Verkauf wird eingeschränkt.
Fernab aller Statistiken fand die deutsche Boulevardzeitung «Bild» im russischen Internet möglicherweise den deutlichsten Beleg für die Knappheit: ein Video mit Autofahrern, die sich um Treibstoff prügeln. «Bild» betitelt es lapidar: «Russen kloppen sich ums Benzin».
Ein Zustand der Hoffnungslosigkeit
Hinter solchen Prügelszenen sehen Experten jedoch historische Parallelen – und einen vielleicht kriegsentscheidenden Trend. Militäranalyst Michael Bohnert von der US-Denkfabrik Rand reagiert auf die Meldungen über Treibstoff-Knappheit wie folgt: «Ich hätte nie gedacht, dass es so weit kommen würde. Russland wird bald die gleiche Lehre erteilt bekommen, wie Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg.»
Im Zweiten Weltkrieg war entscheidend, dass die Alliierten ab dem Sommer 1944 den Himmel kontrollierten. Selbst ein erstklassiges Militär wie das deutsche halte nicht lange durch, wenn der Gegner beliebig aus der Luft feuern kann, hiess es in einem späteren US-Bericht. Dabei war es jedoch nicht das Bombardement von Städten oder Waffenfabriken, das Nazi-Deutschland in einen «Zustand der Hoffnungslosigkeit» versetzte.
Was in erster Linie den Niedergang und dann den Kollaps der deutschen Wirtschaft bewirkte, waren Schläge gegen grundlegende Industrien, unverzichtbar für alles andere. Am unverzichtbarsten war dabei die Erdöl-Industrie, welche den Treibstoff für alles andere lieferte. Wie der damalige Rüstungsminister Albert Speer an Hitler berichtete, erreichte der Treibstoff-Mangel im Dezember 1944 «katastrophale Ausmasse».
Die dramatischsten Folgen zeigten sich laut dem US-Bericht an der Front. Bei einer deutschen Offensive im Dezember 1944 ging vielen Panzereinheiten mitten auf dem Schlachtfeld der Treibstoff aus. Im Frühjahr 1945 ereilte das gleiche Schicksal rund 1200 deutsche Panzer, die einen russischen Angriff hätten aufhalten sollen. «Sie wurden bewegungsunfähig und überrannt.»
So wie damals Nazi-Deutschland, könnte es auch Putin ergehen, schreibt Bohnert. Wie Adolf Hitler damals kontrolliert Putin den Himmel über seinem eigenen Land nicht mehr, oder zumindest nicht mehr völlig. Vielleicht erobert er sich die Kontrolle zurück, aber zurzeit muss er den Himmel über Russland mit der Ukraine teilen. Und die macht dort das Gleiche wie die Alliierten, als sie Nazi-Deutschland in die Knie zwangen: Öl-Raffinerien bombardieren.
Das tut sie zwar nicht erst seit heute, sondern schon seit 2025. Experte Bohnert wies damals bereits auf die Bedeutung dieser Kampagne hin. Wenn dieser Trend andauere und sich verstärke, «dann wird der russische Bär langsam ausgehungert.»
Vielleicht hatte der russische Bär bereits im Jahr 2025 schon Hunger, ausgehungert wurde er jedenfalls nicht. Doch 2026 wird ihm noch mehr Futter entzogen.
2025 gingen nur alle zwei bis drei Tage wieder Bomben nieder auf Russlands ungefähr 45 Raffinerien. 2026 knallt es fast jeden Tag irgendwo in Russland. Und die Explosionen sind mächtiger. Russland braucht laut Bohnert nicht mehr geschätzte zwei Wochen für eine Reparatur, sondern durchschnittlich etwa vier Wochen.
Ein spektakuläres Beispiel dafür ist die Moskauer Öl-Raffinerie, die kürzlich getroffen wurde und aus welcher die Stadt zuvor ungefähr 70 Prozent ihres Benzins bezog. Sie dürfte gar ein halbes Jahr lang stillstehen.
Es ist ein Wettlauf. Die Ukraine bombardiert so oft und stark wie möglich; Russland repariert so gut und schnell wie möglich. Am Ende werden in diesem russischen Sommer vielleicht nur einige wenige Raffinerien stillstehen – es können aber auch viele oder sogar sehr viele sein.
Solange es weniger als 30 Prozent aller seiner Raffinerien sind, kann Russland das laut Bohnert noch verkraften. Beim aktuellen Trend seien es jedoch wahrscheinlich bald 45 Prozent. Und das wäre zu viel.
Putin macht andere verantwortlich
Russlands Situation könnte sich deshalb jener von Nazi-Deutschland nach dem Verlust der Luftherrschaft annähern. Im besagten US-Bericht ist ein Spruch von deutschen Arbeitern festgehalten, die Fabriken für synthetisches Öl repariert hatten: «Heute haben wir die Anlagen fertig wiederaufgebaut – morgen werden die Bomber wiederkommen.»
Es bleibt ein Wettlauf. Letztlich bleibt abzuwarten, ob Putin die ukrainische Strategie kontern kann. Bisher hat er sie vor allem als verzweifelten Versuch abgetan, während die Ukraine «ein Gebiet nach dem anderen verliert und unsere Truppen eine Siedlung nach der anderen einnehmen» – laut dem US-Institut für Kriegsstudien hat Putin allerdings zuletzt mehr Gebiete verloren als gewonnen. Wenn etwas getan werden muss, dann liegt die Hauptverantwortung laut Putin «natürlich beim Verteidigungsministerium».
Je weiter sich die Treibstoff-Knappheit jedoch ausbreitet, desto stärker wird laut Experte Bohnert die russische Industrie unter Druck geraten. Erst langsam, dann immer schneller. «Irgendwann fallen Maschinen aus, es gibt keinen Ersatz und das System bricht zusammen», sagt Bohnert. Er wolle keine Prognose darüber abgeben, wann dies geschehen werde. «Aber je länger die Angriffe andauern, desto näher rückt dieser Moment.» (schweizheute.ch)

