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Schweiz
SBB

SBB kämpfen gegen Lokpersonalmangel: Warum niemand mehr Lokführer werden will

SBB und BLS locken Lokführer mit Sonderprämien in den Führerstand, um dem Personalengpass beizukommen. (Archivbild)
Der Lokführer-Job wird immer herausfordernder und gleichzeitig fehlen der SBB jeden Tag 30 Lokführer.Bild: KEYSTONE

Personal-Mangel bei den SBB spitzt sich zu – warum niemand Lokführer werden will

Die SBB kämpfen mit dem Personalmangel bei den Lokführern. Jetzt spitzt sich die Lage zu – vergangenes Wochenende ist eine Linie den ganzen Tag ausgefallen. Das sei erst der Anfang, heisst es beim Lokführer-Verband. Die Krise im Überblick.
16.10.2019, 11:0517.10.2019, 05:22
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Wer am Samstag von Olten Richtung Sissach reisen wollte, den erwartete am Bahnhof eine böse Überraschung: Der Zug fällt aus, es fahren Ersatzbusse. Grund dafür war keine Stellwerkstörung oder ein Gleisschaden, sondern «der aktuell angespannte Personalbestand bei den Lokführern», erklärte SBB-Sprecherin Sabine Baumgartner am Samstag.

Dass von früh bis spät eine ganze Linie wegen Personalmangel ausfällt, ist wohl einzigartig in der jüngeren Bahngeschichte. Die SBB kämpfen seit Längerem gegen die fehlenden Lokführer – doch das sei erst der Anfang, heisst es beim Schweizer Lokführer-Verband. Ein Überblick in drei Punkten.

Was bisher geschah

Im Winter 2018 suchten die SBB mit einer grossflächigen Marketingmassnahme nach neuen Lokführern. Weil sie in der Schweiz nicht genügend Anwärter fanden, weiteten sie die Suche nach Deutschland aus und hofften auf Personal im Raum Freiburg-Stuttgart. Die Bundesbahn wollte sich damals für den diesjährigen Angebotsausbau rüsten und suchte dafür 200 neue Lokführerinnen und Lokführer.

Momentan fehlen der SBB täglich 30 Lokführer.

Doch der Personalmangel hielt an und wird sich in Zukunft sogar noch verstärken. In den nächsten Jahren müssen 1000 Lokführer-Stellen neubesetzt werden. Grund dafür ist die anrollende Pensionierungswelle. Bereits jetzt gehen jährlich 90 Lokführer in Pension, 35 scheiden aus anderen Gründen aus. Die SBB räumen ein: «Wir haben in den letzten Jahren die Rekrutierung zu defensiv geplant. Denn wir müssen heute entscheiden, wie viele Lokführer wir in zwei Jahre brauchen – das ist wegen unvorhersehbaren Einflussfaktoren schwierig einzuschätzen», sagt SBB-Mediensprecher Oli Dischoe.

Momentan fehlen bei den SBB täglich 30 Lokführer. Um Engpässe abzufedern, bezahlten die SBB eine Sonderzulage von 80 Franken für Lokführer, die an ihren freien Tagen einspringen. Gleichzeitig berichtete der Verband Schweizer Lokomotivführer und Anwärter (VSLF) von Überarbeitung und «massiver Belastung» bei den Lokführern.

Erste Mitarbeitende seien mit eindeutigem Burnout-Symptom ausgefallen. «Zum Teil mussten sie mit der Ambulanz am Arbeitsplatz abgeholt werden», schreibt der Verband im September in einem Newsletter. Die SBB bestätigten gegenüber der SDA einige Ausfälle und einen Fall, in dem die Ambulanz ausrücken musste, weil der Lokführer über Unwohlsein klagte.

Warum niemand Lokführer werden will

Fragt man beim VSLF nach, erklärt sich der Personalmangel zunächst simpel: «Früher war es ein Bubentraum, Lokführer zu werden, die Eisenbahntechnik faszinierte. Heute hat ja fast kein Kind mehr eine Modell-Eisenbahn», sagt VSLF-Präsident Hubert Giger. Auch für den SBB-Leiter Zugführung und Rangier, Claudio Pellettieri, sei etwas Romantik verloren gegangen. «Es wird immer technischer. Während es früher noch im Führerstand gerattert hat, sind dort heute Bildschirme und Knöpfe.» Aber eine Fahrt bei Sonnenaufgang sei nach wie vor ein Erlebnis.

«Die Ansprüche steigen stetig. Es wird absolute Stressresistenz vorausgesetzt. Ein Lokführer muss heutzutage einen Zug mit 800 Passagieren alleine evakuieren können.»
Hubert Giger, Präsident VSLF

Vor zwei Jahren wurde der erste selbstfahrende Zug der SBB getestet. Braucht es in Zukunft überhaupt noch Lokführer? Giger ist sich sicher: «Auch wenn die Züge automatisiert werden, es braucht immer einen Lokführer.» Dem stimmt auch die SBB zu.

Doch für Giger vom VSLF liegt das Problem tiefer. «Die Ansprüche steigen stetig. Es wird absolute Stressresistenz vorausgesetzt. Ein Lokführer muss heutzutage einen Zug mit 800 Passagieren alleine evakuieren können.» Früher hätte es noch mehr Personal im Zug gehabt.

Dass man während der Arbeit als Lokführer immer alleine ist, sei ein weiterer Grund, weshalb nicht viele für den Beruf zu begeistern sind. «Wegen den unregelmässigen Arbeitszeiten ist man auch nach dem Arbeiten alleine. Es ist schwierig, das soziale Leben aufrecht zu halten», sagt Giger.

«Ich arbeite jeden Tag anders und weiss manchmal erst drei Tage zuvor, wann.»
Hubert Giger, Präsident VSLF
Hubert Giger ist seit knapp 30 Jahren Lokführer bei den SBB.
Hubert Giger ist seit knapp 30 Jahren Lokführer bei den SBB.bild: zvg

Die Arbeitszeiten hätten sich stark verändert. «Es wird immer verrückter. Nachtverbindungen und Abfahrtszeiten bis nach halb eins gab es früher noch nicht», sagt der 50-jährige Lokführer. Trotz unregelmässigen Einsatzzeiten würde die Dienstplanung immer kurzfristiger und der pünktliche Feierabend sei bei den Güterzügen nicht mehr garantiert. «Ich arbeite jeden Tag anders und weiss manchmal erst drei Tage zuvor, wann.»

«Früher mussten die Lokführer fast zur Pension gezwungen werden, heute sehnen sie sich danach.»
Hubert Giger, Präsident VSLF

Das beisst sich mit der Arbeitseinstellung des Nachwuchses. Der Generation Y wird nachgesagt, dass sie nach dem Konzept «zuerst das Vergnügen, dann die Arbeit» leben. Das beobachtet auch Lokführer Giger vom VSLF. «Es will niemand mehr am Wochenende arbeiten.» Als er zu arbeiten begann, habe dies noch anders ausgesehen, man verfolgte die Einstellung «mein Dienst, mein Stolz und 40 Jahre für die Bundesbahn arbeiten». Auch bei den SBB nimmt man diese Entwicklung wahr. «Die Ansprüche haben sich auf jeden Fall verändert. Viele junge Leute machen den Job ein paar Jahre und dann ziehen sie weiter», sagt Pellettieri.

Die Frustration bei den älteren Lokführern habe «massiv» zugenommen. Giger erzählt von ausgelaugten Mitarbeitern, die Mühe mit dem Frühdienst haben, kaputt sind, die Nase voll haben. «Früher mussten die Lokführer fast zur Pension gezwungen werden, heute sehnen sie sich danach.»

Wo bei den meisten Arbeitsorten mit Personalmangel mehr Lohn gefordert wird, winkt der Verband der Lokführer bei SBB-Personalmangel ab. Nach der Ausbildung startet ein Lokführer mit 70'000 Franken. «Das ist für die meisten Jungen ein guter Einstiegslohn. Jedoch steigt er danach zu wenig», sagt Giger. Nur mehr Geld würde das Problem allerdings nicht lösen.

Sie würden schon seit Jahren neue Konzepte für die Arbeitszeit fordern, aber die SBB mache das Gegenteil. «Die jetzige Situation ist erst der Anfang.»

So will das Problem gelöst werden

Von einer Entspannung spricht man auch bei den SBB nicht. «Die Situation bleibt auch nächstes Jahr angespannt», sagt Pellettieri. Deshalb haben die SBB erst gerade eine neue Kampagne gestartet, die vor allem über 40-Jährige ansprechen soll. In Videos wollen sie Quereinsteiger zum Berufswechsel animieren und bieten verkürzte Ausbildungswege. «Bei dieser Zielgruppe erwarten wir mehr Stabilität. Mit über 40 Jahren wechselt man den Job weniger häufig.» Auch die Familienplanung sei abgeschlossen, weshalb die unregelmässigen Arbeitszeiten weniger ins Gewicht fallen würden.

Die Resonanz sei bisher äusserst gut: «Wir haben tausende Bewerbungen erhalten», sagt Pellettieri. Das Problem sei jedoch, dass die Jobkampagne erst in rund einem Jahr Wirkung zeigen werde. «Bis auf Weiteres wird deshalb die Prämie von 80 Franken bezahlt», sagt SBB-Mediensprecher Oli Dischoe.

Auf Seiten des VSLFs bleibt man gespannt und hofft weiterhin auf Verbesserung. Ob die Lokführer bald streiken? «Nein. Auch wenn wir wollten, wir könnten uns ja gar nie zum Planen versammeln. Wir sehen uns nie regelmässig», sagt Giger vom VSLF.

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212 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Le_Urmel
16.10.2019 11:25registriert Juni 2014
Wow 80 sFr. extra, wenn der Büenzer an seinem freien Tag arbeitet.

Sind das nicht die täglichen Parkplatzkosten der Führungsetage der SBB???
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Bits_and_More
16.10.2019 11:30registriert Oktober 2016
Persönlich stelle ich mir den Job doch auch sehr eintönig vor mit stark wiederholenden Tätigkeiten.
Heute gibt es auch einfach eine grössere Auswahl an Tätigkeiten als noch vor 40 Jahren.

Zusätzlich: «Auch wenn die Züge automatisiert werden, es braucht immer einen Lokführer.»
Das mag ja für heute und morgen stimmen, doch ob das in 10-20 Jahren auch noch der Fall sein wird?

Mich hätte das in einem Alter von 20 Jahren abgeschreckt. Im dümmsten Fall mache ich tag aus tag ein den gleichen Job und ab 40 übernimmt die Software. Dann wirds schwierig auf dem Arbeitsmarkt.
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Gulasch
16.10.2019 11:25registriert März 2014
Die ewige Leier der faulen und egozentrischen Generation Y...
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