«Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen»: So sah das Doppelleben des SBB-Managers aus
Normalerweise treten angeklagte Manager im Business-Anzug vor Gericht auf. Der beschuldigte Ex-SBB-Kadermann schreitet wie ein angeklagter Gangster durch Bellinzona. Er versteckt sein Gesicht hinter Wintermütze, Sonnenbrille und Schal. Sein Gepäck trägt er in einem Plastiksack.
Die Maskerade hat einen einfachen Grund: Der Beschuldigte möchte nicht erkannt werden, weil er am 1. Dezember eine neue Stelle als Logistikchef antritt. Seine neue Firma kennt seinen Fall nicht.
An einem Novembermorgen vor zwei Jahren traf der SBB-Manager wie gewohnt früh beim Werk Olten ein. Auf dem Parkplatz wartete die Bundespolizei und führte ihn um 05:20 Uhr in Handschellen ab.
Der heute 54-Jährige hatte bei den SBB eine Bilderbuchkarriere hingelegt. Er begann als Mechaniker, wechselte später ins Büro und stieg schliesslich zum Leiter der Fahrzeugmodernisierung auf. Im Werk Olten arbeitete er an Millionenprojekten.
Parallel führte er ein zweites Leben, das er mit einem Betrugssystem finanziert haben soll.
Was soll der Ex-SBB-Manager getan haben?
Die Bundesanwaltschaft wirft dem Beschuldigten vor, zwischen 2007 und 2024 fast neun Millionen Franken aus den SBB geschleust zu haben. Er soll Zahlungen an Firmen ausgelöst haben, die er direkt oder über Mitbeschuldigte kontrollierte.
Der Trick war simpel: Intern erfasste der Kadermann Bestellungen oder liess sie von Untergebenen anlegen. Dann stellte er über die angeblichen Lieferfirmen passende Rechnungen aus. Bestellnummer, Lieferant und Betrag stimmten überein.
Später soll der Manager die angeblichen Lieferungen im System als «beim Lieferanten vernichtet» verbucht haben. Meist wurde überhaupt keine Ware geliefert. In einigen Fällen kam zwar Material an, doch die SBB benötigten es nicht und bezahlten überhöhte Preise.
Ein grosser Teil der Vorwürfe ist inzwischen verjährt. Die Anklage umfasst noch einen Schaden von gut fünf Millionen Franken. Seit der Anklageerhebung ist die Verjährung für weitere Delikte mit einem Schaden von gut 600'000 Franken eingetreten.
Was wurde aus den SBB-Geldern?
Der Manager kaufte sich Statussymbole wie einen Lamborghini oder eine Harley-Davidson, die nicht zum Image eines Bähnlers passen.
Eine seiner grössten privaten Investitionen tätigte er fünf Jahre nach dem Beginn des Betrugssystems. Mit seiner damaligen Frau kaufte er für 480'000 Dollar ein Haus in Cape Coral im Südwesten Floridas. «Schweiz heute» hat die US-Immobilienakten und das historische Verkaufsinserat des Hauses gefunden. Die Bilder vom Februar 2020 zeigen, wie die Familie dort lebte.
Villa des SBB-Managers in Florida
Das Haus steht auf einem Eckgrundstück zwischen zwei Kanälen. Es verfügt über einen Pool, einen Whirlpool sowie einen eigenen Bootssteg mit Hebeanlage.
Die Innenaufnahmen zeigen eine familiäre Einrichtung mit Spielsachen im Kinderzimmer und einem Weihnachtsbaum. Das persönlichste Detail hing beim Grillplatz am Pool: ein Schild mit dem Familiennamen des Beschuldigten und der Aufschrift «Grill House».
Eine Person aus seinem früheren Umfeld sagt, Florida sei für den Ex-SBB-Manager ein Sehnsuchtsort gewesen. Sein Sohn sei dort geboren worden. Er habe Amerika geliebt und früher oder später ganz nach Florida ziehen wollen.
Nach acht Jahren verkaufte das Paar die Villa allerdings – praktisch ohne Gewinn. Kurz darauf trieb ein Immobilienboom die Preise in Florida in die Höhe.
Was sagt der Beschuldigte zu den Vorwürfen?
Der Ex-SBB-Manager spricht vor Gericht mit zitternder Stimme. Er ist kurz davor, in Tränen auszubrechen. Er sagt: «Es tut mir sehr leid, was ich getan habe.» Er habe einen grossen Fehler gemacht: «Ich habe Leute in Mitleidenschaft gezogen.» In seiner Nähe sitzt seine Schwester. Sie weint. Sie sagt: «Ich bin eigentlich ein ehrlicher Mensch und hätte so etwas nie getan.»
Der Ex-Manager gibt an, Schulden von über fünf Millionen Franken zu haben. «Ich möchte alles bereinigen, so gut wie möglich», sagt er. Er wünscht sich, irgendwann wieder ein geregeltes Leben zu führen und für seine Kinder wieder da sein zu können.
Das Betrugssystem habe er wegen eines finanziellen Engpasses aufgebaut. Es begann vor zwanzig Jahren mit der Heirat seiner ersten Frau. Sie war verschuldet. Das Paar wurde betrieben. «Ich habe eine Lösung gesucht, eine dumme Lösung», sagt er. So habe alles begonnen – mit kleinen Beträgen.
Er habe gewusst, dass er etwas Unrechtes getan habe. «Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen. Es hat mich geplagt», erzählt er. Die beschuldigten Gehilfen hätten nichts von seinen Taten gewusst. Er habe ihnen nur gesagt, dass er für private Geschäfte Firmen benötige und als SBB-Angestellter nicht im Handelsregister auftauchen könne. Er habe ihnen bei Fragen nur gesagt: «Ich verkaufe Sachen.» Die Gehilfen hätten aber gewusst, dass die Verkäufe mit den SBB zu tun hatten. Mindestens ein Beschuldigter widerspricht. «Er lügt», sagt der Ex-SBB-Mann.
Warum bemerkten die SBB während 17 Jahren nichts?
Auf dem Papier verfügten die SBB über Kontrollen. Bei der Freigabe von Rechnungen galt nach Angaben des Unternehmens grundsätzlich mindestens ein Vieraugenprinzip.
Laut Anklage erzeugte der Beschuldigte jedoch beide Seiten des Abgleichs: intern die Bestellung, extern die passende Rechnung. Lieferant, Bestellnummer und Betrag passten deshalb zusammen.
Ob die Ware benötigt und tatsächlich geliefert wurde und ob der Preis angemessen war, prüften die SBB in diesem Fall nicht.
Zudem liess der Kadermann Untergebene Bestellungen und Vernichtungsbuchungen erfassen. Er konnte sich dabei auf seine Stellung und das Vertrauen seiner Mitarbeiter verlassen.
Wie flog das Betrugssystem auf?
Die SBB entdeckten den mutmasslichen Betrug nicht durch eine reguläre Rechnungsprüfung. Hintergrund war ein Beziehungsdrama.
Der Ex-Manager begann eine Affäre mit der Ehefrau eines langjährigen Freundes. Dieser verliess deshalb das Haus, in dem er mit seiner Ex-Frau in einem Aargauer Dorf lebte. Daraufhin zog der Ex-Manager ein. Nach dem Zerwürfnis nahm der enttäuschte Freund die Firmen des SBB-Kadermanns unter die Lupe und informierte die SBB.
Es geht auch um Geld. Der Ex-Manager gab seinem ehemaligen Freund viel Geld. Als er es zurückforderte, habe dieser das SBB-Verfahren gestartet.
Der Informant sitzt im Gerichtssaal im Publikum und tippt in sein Handy. Er berichtet über den Prozess auf seiner privaten Website. Es ist sein persönlicher Rachefeldzug.
