Deswegen entscheiden sich weniger Studierende für Geisteswissenschaften
Schon länger wird der Nutzen der Geistes- und Sozialwissenschaften hinterfragt. Auch in der Politik gibt es Stimmen, die dafür plädieren, den Zugang zu begrenzen, um dem Fachkräftemangel in technischen Berufen entgegenzuwirken, schreibt der Tages-Anzeiger. Nun zeigt eine neue Studie der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW), wie sich die Beliebtheit der Studiengänge in der Schweiz von 1980 bis 2024 verändert hat.
Geistes- und Sozialwissenschaften verzeichnen zwar eine doppelt so hohe Studierendenzahl an den Schweizer Universitäten wie vor 40 Jahren, trotzdem nehmen die Studienfächer prozentual gesehen ab. Der Anteil an der Gesamtstudierendenzahl an den Universitäten ist seit 2003 von 41 auf 29 Prozent gesunken. Es stellt sich nun die Frage, was die Gründe dafür sind.
Aufstieg der MINT-Fächer
Durch den Fachkräftemangel werden MINT-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, aktiv von den Behörden und den Wirtschaftsverbänden gefördert. Dies ist seit rund zwei Jahrzehnten der Fall. Die Förderung zeigte Wirkung, denn die Fächer sind in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden, zum Nachteil der Geistes- und Sozialwissenschaften. Jede dritte immatrikulierte Person studiert heute ein MINT-Fach, vor einem Jahrzehnt war es noch jede vierte Person.
Laut den Studienautoren sollen aber nicht die besagten Mint-Kampagnen für die abnehmende Studierendenanzahl der Geistes- und Sozialwissenschaften verantwortlich sein, denn man gehe nicht MINT studieren, nur weil es in den Medien beworben werde, meint eine in der Studie zitierte Berufsberaterin.
Unsichere Berufsaussichten
Einfluss auf die Wahl des Studiengangs nehme auch die Angst vor unsicheren Berufsaussichten. Bei Studierenden sei dies ein immer grösserer Faktor. Vor allem seit der Coronapandemie war die Studienwahl stärker vom Arbeitsmarkt abhängig und weniger von den eigenen Interessen.
Wo der Berufsweg bei Wirtschaftswissenschaften oder Recht klar ist, ist der Weg bei den Geisteswissenschaften oftmals schwammig. Auch der Aufstieg der KI könnte die Studienwahl zukünftig beeinflussen.
Einfluss ausländischer Studierender
Immer mehr der Studierenden kommen aus dem Ausland. Diese bevorzugen naturwissenschaftliche Fächer. Derzeit hat jeder fünfte Studierende in der Schweiz seine Matura im Ausland absolviert, vor 30 Jahren war es noch gut die Hälfte. Bei den Sozial- und Geisteswissenschaften beträgt der Anteil der Bildungsausländer nur 16 Prozent.
Grund dafür ist laut Studie auch der internationale Ruf der Universität. Beispielsweise ist die ETH Zürich mit ihren technisch-naturwissenschaftlichen Fächern bei ausländischen Studierenden sehr beliebt. In den Fächern ist zudem auch die englische Sprache sehr wichtig, was für ausländische Studierende meist kein Problem darstellt. Bei den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern braucht es dagegen gutes Deutsch, Französisch oder Italienisch.
Psychologie und Soziologie beliebter
Bei den Geistes- und Sozialwissenschaften fällt auch auf, dass es innerhalb der Studiengänge eine Verschiebung gibt. Sprachen, Geschichte und Kulturwissenschaften sind weniger beliebt. Die Studierenden sind dafür mehr an Psychologie oder Soziologie interessiert.
(kek)
