Thomas Aeschi läuft davon: EU-Debatte an Luzerner Gymnasium eskaliert
Knapp zwei Jahre vor der Matura nehmen die Schülerinnen und Schüler der 5. Klasse der Kantonsschule Reussbühl in Luzern jeweils an einer Studienwoche zur politischen Bildung teil. Einer der Höhepunkte dieser Woche ist eine Podiumsdiskussion, zu der auch Bundespolitikerinnen und -politiker eingeladen werden.
Am 25. September dieses Jahres war es wieder soweit. Eingeladen waren Nationalrat Michael Töngi (Grüne/LU), Ständerätin Andrea Gmür-Schönenberger (Mitte/LU), Nationalrat Thomas Aeschi (ZG), Fraktionschef und möglicher Bundesratskandidat der SVP, sowie der deutsche Botschafter in Bern, Markus Potzel.
Doch am Ende der Veranstaltung sassen nur noch drei Gäste auf dem Podium. Thomas Aeschi hatte den Saal vorzeitig verlassen. Er tat dies unter Protest, als es um das Verhältnis der Schweiz zur EU und insbesondere die Bilateralen III ging.
Was an der Kantonsschule Reussbühl genau ablief, stellen die Beteiligten unterschiedlich dar.
Auf Anfrage schreibt Aeschi der «Schweiz am Wochenende», er habe bereits vor einigen Jahren an einem Podium des Gymnasiums Reussbühl teilgenommen: «Auch dieses Mal freute ich mich auf eine spannende Debatte.» Leider sei die Moderation dieses Mal «sehr einseitig» gewesen. «Als einzige Stimme auf dem Podium, die den EU-Vertrag ablehnt, wurde mir trotz freundlicher Nachfrage meinerseits seitens der Moderatorin kaum Redezeit gewährt.» Selbst Ständerätin Gmür-Schönenberger habe noch auf dem Podium festgestellt, dass das Verhalten der Moderatorin nicht korrekt war. «Angesichts dieser Ausgangslage kam ich zum Schluss, dass eine kritische Stimme nicht gefragt war.»
«Für mich ein No-Go»
Auf Nachfrage erklärt Gmür-Schönenberger, dass sie sich eigentlich nicht zum Vorfall habe äussern wollen. Die Aussage Aeschis könne sie so aber nicht stehen lassen.
Richtig sei, dass sie Aeschi zugestimmt habe, dass die Zusammensetzung des Podiums beim Thema Europapolitik mit drei grundsätzlich befürwortenden und einer ablehnenden Stimme zu den neuen EU‑Verträgen nicht ausgewogen gewesen sei. «Leider liess Herr Aeschi die Moderatorin, die ihm mehr Redezeit hätte zugestehen wollen, gar nicht mehr zu Wort kommen und lief davon.» Andrea Gmür-Schönenberger hält fest: «Der Moderatorin ist kein Vorwurf zu machen und das Davonlaufen von Herrn Aeschi ist für mich ein No-Go.»
Grünen-Nationalrat Michael Töngi zeigt sich «verwundert» über das Vorgefallene: Die Namen der Referentinnen und Referenten seien auf der Einladung gestanden, «Thomas Aeschi kannte also die Ausgangslage für die Diskussion». Er räumt ein, auch Teil des Konflikts gewesen zu sein. Die Diskussion sei «emotional» geworden. «Das hat es der Moderation nicht leicht gemacht.» Allerdings komme das bei Debatten immer wieder vor. «Ein Nationalrat muss das aushalten.»
Bisher keine Antwort auf Entschuldigung
Das Rektorat der Kantonsschule Reussbühl hält auf Anfrage selbstkritisch fest: «Vielleicht hätten wir noch mehr auf eine paritätische Vertretung setzen müssen.» Über das ganze Themenspektrum des Podiums, inklusive Sicherheitspolitik, wären die Positionen aber ausgewogen gewesen.
Aus Sicht des Gymnasiums ist die Situation eskaliert, nachdem sich die Debatte über die EU-Verträge in Details «verzahnt» habe, die für die Jugendlichen nicht mehr verständlich gewesen seien. Daher habe sich die Moderation in der Rolle gefunden, die Debatte etwas stärker zu lenken. «Diese Eingriffe passten Herrn Aeschi offenbar nicht.»
Das Gymnasium Reussbühl habe sich noch am selben Tag schriftlich bei Nationalrat Aeschi gemeldet, seine Position erklärt und sich für allfällige Fehler entschuldigt. «Leider haben wir von Herrn Aeschi keine Antwort auf unsere schriftliche Rückmeldung und Entschuldigung erhalten.»
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