Hier schreit seit über 600 Jahren jemand die Uhrzeit vom Turm
Dieser Ruf ertönt mindestens seit 1405 von der Lausanner Kathedrale, dem Wahrzeichen der Stadt. Vermutlich noch länger, aber verbürgt ist er seit damals. «Le guet», das ist der Nachtwächter oder Türmer. Seit 600 Jahren steigt er jeden Abend auf den Turm der Kathedrale Notre-Dame. Auf knapp 40 Metern über dem Boden befindet sich die Aussichtsplattform. Besucher können hier tagsüber das Panorama auf die Stadt geniessen.
Ab 22 Uhr bis 2 Uhr gehört die Plattform dem Nachtwächter. Seine Hauptaufgabe ist: immer zur vollen Stunde in alle vier Himmelsrichtungen die Uhrzeit zu verkünden. Er wartet damit, bis die riesige Glocke direkt auf der Aussichtsplattform verhallt. Wenn diese erklingt, muss man sich die Ohren zuhalten, so laut ist es.
Dann waltet der Guet seines Amtes: Er steht an der Brüstung Richtung Osten, formt einen Trichter mit den Händen und schreit: «C'est le guet! Il a sonné dix! Il a sonné dix!» Er nimmt die Lampe mit, geht weiter Richtung Norden, Westen und Süden und wiederholt überall seinen Ruf. Im Westen geschieht oft etwas Spezielles, doch dazu später.
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Diese Tradition des Nachtwächters gibt es europaweit nur noch an ganz wenigen Orten: Ripon in Grossbritannien (seit 886), Krakau in Polen (seit 1392), Annaberg in Deutschland (seit dem Mittelalter), Nördlingen in Deutschland (seit 1440) und Ystad in Schweden (ab dem 17. Jahrhundert).
Lausanne gehört auch der Europäischen Guet-Bruderschaft an. Dort sind 58 Städte in acht Ländern gelistet. Aus der Schweiz neben Lausanne: Bischofszell, Stein am Rhein, Zürich und Schaffhausen. Dass der Türmer (Guet) jede Nacht die Zeit vom Glockenturm ruft, gibt es nur in Lausanne.
Alexandre Schmid ist seit zwei Jahren der Hauptwächter in Lausanne. Zusammen mit seinem Team deckt er jeden Abend ab. Zwischen den Stunden muss Schmid nichts machen, ausser warten. Dafür steht ein kleiner Raum mit einem Bett und Tisch zur Verfügung. Die Glocke betätigen oder die Stadt überwachen, das gehört nicht mehr zu den Aufgaben des Nachtwächters. Es geht einzig noch um die Bewahrung der Tradition.
Und diese ist den Lausannern heilig. Über die Zukunft des «Trumschreiers» wurde 1960 laut nachgedacht. Denn das rechtzeitige Entdecken von Feuer in der Stadt erledigen seit 1907 die Feuerwehr und moderne Technik. Die Bevölkerung reagierte mit massenweisen Leserbriefen und protestierte heftig. Die Stadt lenkte ein, die Tradition wurde bewahrt.
Früher war der Nachtwächter in allen Städten verbreitet. Die oft hölzernen Bauten fingen leicht Feuer und wo sonst als vom Kirchturm aus konnte man mögliche Feuer am schnellsten erspähen? Schmid fühlt sich manchmal tatsächlich ins Mittelalter zurückversetzt: «Ich liebe es im Herbst, wenn Nebel über der Stadt liegt. Dann kommt das Mittelalter-Gefühl noch mehr auf», sagt Schmid.
Dass der 34-Jährige überhaupt Nachtwächter wurde, ist auch dem Zufall geschuldet. Klar, er hatte Geschichte studiert und ein Faible für das Mittelalter. Dann entdeckte er vor rund zwei Jahren per Zufall das Inserat, dass ein neuer Guet gesucht werde. «Erst dachte ich, das ist etwas komisch. Aber dann hat es mich gepackt», erinnert er sich.
Er liebt den Job. Im Herzen der Stadt, über den Dächern, die Aussicht geniessen. Hat er da auch schon spezielle Dinge beobachten können? «Im Sommer ist definitiv mehr los. Teilweise rufen die Leute dann auch zurück. Als die Kathedrale renoviert wurde und in ein Gerüst gepackt war, kam es auch mal vor, dass Leute hochklettern wollten. Ich habe sie dann freundlich davon abgehalten.»
Mit Leuten hat er sonst hier oben nicht viel zu tun. Klar, man darf den Nachtwächter auf Voranmeldung besuchen und er leistet einen Dienst an der Gesellschaft, wie er es nennt. Aber speziell ist, wenn er gegen Westen ruft. Denn meist gibt es dann aus einem der Fenster in der Altstadt eine Reaktion: Eine Taschenlampe leuchtet zurück: «Das ist ein kleiner Junge, der sich um 22 Uhr über meinen Ruf freut. Mehrmals pro Woche bestätigt er mit der Taschenlampe meinen Ruf.» Schmid winkt dann jeweils mit der schwingenden Laterne zurück. Es ist nur eines der kleinen Zeichen, wie stolz man in Lausanne auf diese uralte Tradition ist.
