Schweiz
Schweiz der Rekorde

Auf der Lausanner Kathedrale ist der Nachtwächter seit 600 Jahren aktiv

Le Guet Nachtwächter Lausanne
«Le guet» verkündet seit über 600 Jahren die Zeit in die Lausanner Nacht.Bild: Reto Fehr
Schweiz der Rekorde

Hier schreit seit über 600 Jahren jemand die Uhrzeit vom Turm

In Lausanne schreit der Nachtwächter jeden Tag die Uhrzeit vom Turm der Kathedrale. Verbürgt ist diese Tradition seit 1405. Länger gibt es das – was im Mittelalter in vielen Städten üblich war – sonst praktisch nirgends. Wir haben «Le Guet» begleitet.
20.06.2026, 19:2220.06.2026, 19:25
«C'est le guet! Il a sonné dix! Il a sonné dix!»

Dieser Ruf ertönt mindestens seit 1405 von der Lausanner Kathedrale, dem Wahrzeichen der Stadt. Vermutlich noch länger, aber verbürgt ist er seit damals. «Le guet», das ist der Nachtwächter oder Türmer. Seit 600 Jahren steigt er jeden Abend auf den Turm der Kathedrale Notre-Dame. Auf knapp 40 Metern über dem Boden befindet sich die Aussichtsplattform. Besucher können hier tagsüber das Panorama auf die Stadt geniessen.

Ab 22 Uhr bis 2 Uhr gehört die Plattform dem Nachtwächter. Seine Hauptaufgabe ist: immer zur vollen Stunde in alle vier Himmelsrichtungen die Uhrzeit zu verkünden. Er wartet damit, bis die riesige Glocke direkt auf der Aussichtsplattform verhallt. Wenn diese erklingt, muss man sich die Ohren zuhalten, so laut ist es.

Dann waltet der Guet seines Amtes: Er steht an der Brüstung Richtung Osten, formt einen Trichter mit den Händen und schreit: «C'est le guet! Il a sonné dix! Il a sonné dix!» Er nimmt die Lampe mit, geht weiter Richtung Norden, Westen und Süden und wiederholt überall seinen Ruf. Im Westen geschieht oft etwas Spezielles, doch dazu später.

Schweiz der Rekorde
In Schweiz der Rekorde stellen wir Rekorde der Schweiz vor. Gerne Welt- und Europarekorde, vielleicht auch mal «nur» eine nationale Bestmarke. Vom reinsten Gold der Welt über den höchsten Wandergipfel Europas bis zur ersten umweltneutral betriebenen Luftseilbahn der Welt hat es für vieles Platz. Idealerweise sind diese Rekorde mit einem Outdoor-Erlebnis verknüpft.

Falls du auch solche Rekorde kennst, schreib mir auf: reto.fehr@watson.ch

Diese Tradition des Nachtwächters gibt es europaweit nur noch an ganz wenigen Orten: Ripon in Grossbritannien (seit 886), Krakau in Polen (seit 1392), Annaberg in Deutschland (seit dem Mittelalter), Nördlingen in Deutschland (seit 1440) und Ystad in Schweden (ab dem 17. Jahrhundert).

Lausanne gehört auch der Europäischen Guet-Bruderschaft an. Dort sind 58 Städte in acht Ländern gelistet. Aus der Schweiz neben Lausanne: Bischofszell, Stein am Rhein, Zürich und Schaffhausen. Dass der Türmer (Guet) jede Nacht die Zeit vom Glockenturm ruft, gibt es nur in Lausanne.

Le Guet Nachtwächter Lausanne
Die Kathedrale Notre-Dame von Lausanne. Vom Turm links verkündet der Nachtwächter die Zeit.Bild: Reto Fehr

Alexandre Schmid ist seit zwei Jahren der Hauptwächter in Lausanne. Zusammen mit seinem Team deckt er jeden Abend ab. Zwischen den Stunden muss Schmid nichts machen, ausser warten. Dafür steht ein kleiner Raum mit einem Bett und Tisch zur Verfügung. Die Glocke betätigen oder die Stadt überwachen, das gehört nicht mehr zu den Aufgaben des Nachtwächters. Es geht einzig noch um die Bewahrung der Tradition.

Kurze Dok über Alexandre Schmid.Video: YouTube/VilleLausanne

Und diese ist den Lausannern heilig. Über die Zukunft des «Trumschreiers» wurde 1960 laut nachgedacht. Denn das rechtzeitige Entdecken von Feuer in der Stadt erledigen seit 1907 die Feuerwehr und moderne Technik. Die Bevölkerung reagierte mit massenweisen Leserbriefen und protestierte heftig. Die Stadt lenkte ein, die Tradition wurde bewahrt.

Le Guet Nachtwächter Lausanne
Die Bettnische im Turmzimmer, wo der Nachtwächter seine Zeit verbringt.Bild: Reto Fehr

Früher war der Nachtwächter in allen Städten verbreitet. Die oft hölzernen Bauten fingen leicht Feuer und wo sonst als vom Kirchturm aus konnte man mögliche Feuer am schnellsten erspähen? Schmid fühlt sich manchmal tatsächlich ins Mittelalter zurückversetzt: «Ich liebe es im Herbst, wenn Nebel über der Stadt liegt. Dann kommt das Mittelalter-Gefühl noch mehr auf», sagt Schmid.

Dass der 34-Jährige überhaupt Nachtwächter wurde, ist auch dem Zufall geschuldet. Klar, er hatte Geschichte studiert und ein Faible für das Mittelalter. Dann entdeckte er vor rund zwei Jahren per Zufall das Inserat, dass ein neuer Guet gesucht werde. «Erst dachte ich, das ist etwas komisch. Aber dann hat es mich gepackt», erinnert er sich.

Le Guet Nachtwächter Lausanne
Alexandre Schmid ist seit rund zwei Jahren der Haupt-Nachtwächter von Lausanne.Bild: Reto Fehr

Er liebt den Job. Im Herzen der Stadt, über den Dächern, die Aussicht geniessen. Hat er da auch schon spezielle Dinge beobachten können? «Im Sommer ist definitiv mehr los. Teilweise rufen die Leute dann auch zurück. Als die Kathedrale renoviert wurde und in ein Gerüst gepackt war, kam es auch mal vor, dass Leute hochklettern wollten. Ich habe sie dann freundlich davon abgehalten.»

Le Guet Nachtwächter Lausanne
Seine Vorgänger zählten die Nächte, welche sie hier oben verbrachten.Bild: Reto Fehr

Mit Leuten hat er sonst hier oben nicht viel zu tun. Klar, man darf den Nachtwächter auf Voranmeldung besuchen und er leistet einen Dienst an der Gesellschaft, wie er es nennt. Aber speziell ist, wenn er gegen Westen ruft. Denn meist gibt es dann aus einem der Fenster in der Altstadt eine Reaktion: Eine Taschenlampe leuchtet zurück: «Das ist ein kleiner Junge, der sich um 22 Uhr über meinen Ruf freut. Mehrmals pro Woche bestätigt er mit der Taschenlampe meinen Ruf.» Schmid winkt dann jeweils mit der schwingenden Laterne zurück. Es ist nur eines der kleinen Zeichen, wie stolz man in Lausanne auf diese uralte Tradition ist.

Le Guet Nachtwächter Lausanne
Der Nachtwächter erwidert den Gruss aus der Altstadt mit seiner Laterne.Bild: Reto Fehr
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
15 Autos, die mehr als 1 Million Meilen geschafft haben
1 / 17
15 Autos, die mehr als 1 Million Meilen geschafft haben
Von hinten nach vorne – Platz 15 – 1964er Porsche 356C: Guy Newmark aus Kalifornien erhielt Mitte der Sechzigerjahre seinen 1964er Porsche 356C von seinem Vater als Abschlussgeschenk. 2016 fuhr Newmark immer noch seinen blauen Porsche, als der Meilenstand auf 1'000'000 / 1'609'344 km war. Sein Ansatz: Alle 3000 Meilen bekam der Wagen einen Service. ... Mehr lesen
quelle: youtube / youtube
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Dünne Luft: Reto unterwegs zum höchsten Wandergipfel Europas
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
15 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
alpha omega
20.06.2026 19:44registriert Mai 2023
Zuerst dachte ich: Gschpune. Aber ist echt noch ne coole Sache, dass es sowas Heute noch gibt und dann noch hier in der Schweiz.
629
Melden
Zum Kommentar
avatar
Le French
20.06.2026 20:36registriert Juli 2019
Danke für den Beitrag. Das kannte ich noch nicht.
321
Melden
Zum Kommentar
avatar
Aurorahunter
20.06.2026 20:37registriert August 2018
Eine wunderschöne Tradition.
Ich hoffe sie bleibt auch die nächsten 600 Jahre bestehen 😊
273
Melden
Zum Kommentar
15
Zürich: Verletzte durch umstürzende Bäume, Flughafen gestört, Regen im HB, Tramausfall
Die Schweiz befindet sich ab Mitte Juni im Einflussgebiet eines sogenannten Omega-Hochs. Dabei werden die warmen Luftmassen eingeklemmt. «Kühlere Luft wird an den Rändern umgeleitet und gelangt so nicht mehr nach Mitteleuropa», erklärt Meteorologe Roger Perret.
Zur Story