11'674 Stufen am Stück! So litt ich auf der längsten Treppe der Welt
Der Niesen ist ein beliebter Aussichtsberg im Berner Oberland. Mit der Standseilbahn erreichst du den Gipfel des pyramidenförmigen Berges am Thunersee mühelos in rund 30 Minuten. 1669 Höhenmeter verteilt auf 3,4 Kilometer bewältigt die Bahn dabei. Zum Unterhalt und für die Bergung in Notfällen führt eine Treppe der Bahn entlang. Mit 11'674 Stufen ist dies die längste Treppe der Welt.
Das Betreten der Treppe ist normalerweise zu jeder Zeit verboten und gefährlich. Allerdings findet einmal im Jahr der Treppenlauf statt und als Gruppe kannst du die Treppe auch mieten, um zu «trainieren» (siehe Infobox unten).
Schon lange damit geliebäugelt
Ich liebäugelte ja schon länger damit, den Niesenlauf mal zu absolvieren. Allerdings stand es um meine Form aufgrund von Verletzungen in den letzten Jahren nicht zum Besten. Doch dann tat sich unverhofft die Chance auf. Das Problem: Der Testlauf sollte bereits vier Wochen später stattfinden. Aber so ist das Leben. «Wenn das Licht angeht, musst du bereit sein. Egal, ob du dich gut fühlst oder nicht», wie ein berühmter Boxer einst sagte.
Ich schreibe also Organisator Adrian Josty, den ich seit einem Interview über seine 31 Jungfrau-Marathons in Serie kenne, ob er für mich auch ein 4-Wochen-Spezialtraining habe, damit ich fit genug bin, um die Strecke in den vorgeschriebenen 2:45 Stunden zu knacken. Das sollte ja eigentlich machbar sein, denn die langsamste Teilnehmerin beim letzten offiziellen Lauf kam in 2:13 Stunden oben an. Seine Antwort: «Das ist einfach: Treppensteigen, Treppensteigen, Treppensteigen.»
Null Spass beim Training
Ehrlich gesagt, hatte ich darauf wenig Lust. Ich stellte darum einfach mal das Laufband so steil wie möglich ein und lief zwei Stunden. Es machte null Spass. Per Zufall hatte Josty wenige Tage später mit meiner Frau Kontakt und verriet ihr in Bezug auf mein Vorhaben: «Die wenigen Trainingstage nützen so kurz vor dem Event nicht mehr viel. Wenn Krämpfe ausbleiben, wird es sich bei Reto im Kopf entscheiden.»
Als sie mir dies erzählte, war ich beruhigt und wusste: Ich kann die längste Treppe der Welt bezwingen. Weil Dinge können, die ich eigentlich nicht kann – das kann ich.
So litt ich auf der Treppe:
Guter Vorsatz hält bis Stufe 12 von 11'674
So stehe ich an einem kalten Samstagmorgen um 4.30 Uhr bei der Talstation, zusammen mit rund 40 anderen, die sich die Treppe antun wollen. Die einzige Vorgabe: Um 7.15 Uhr müssen wir oben sein, weil danach der Bahnbetrieb startet.
Die anderen, das sind aus meiner Perspektive alles solche, die mindestens mal einen Ultralauf hinter sich gebracht haben, locker einen Halbmarathon absolvieren oder die Niesentreppe auch schon bezwungen haben. Da passe ich nicht ganz rein. Ich entscheide mich darum, als Letzter zu starten. Dass es leicht regnet, hellt meine Stimmung nicht gerade auf.
Josty meint vor dem Start noch: «Es ist nicht gut, anzuhalten, denn wenn man das einmal macht, genehmigt man sich dies immer wieder. Lass das gar nicht erst zu.» Ich halte den Vorsatz bis Stufe 12. Denn ich will für watson meinen Weg dokumentieren. Und bei Stufe 12 weiss ich: Nur noch 1000 Mal dieses Stück und ich bin oben. Das zweite Mal stoppe ich bei Stufe 117 (nur noch 100-mal diese Strecke).
Punktlandung ist nach der Hälfte möglich
Danach geht's richtig los. Doch schon in den ersten Minuten merke ich, wie mein Puls ähnlich schnell in die Höhe steigt, wie mein Rückstand zur Spitze wächst. Dabei hatte Josty noch gesagt: «Wichtig ist, dass du dich pulsmässig nie überpowerst. Am Niesen gilt, dass der Puls, den du mal hast, eigentlich nie mehr runter geht, weil es ja nie flach wird und man auch nicht anhalten will.» Stopps werde ich in den nächsten zwei Stunden (gezwungenermassen) immer wieder einbauen. Es ist für mich die einzige Möglichkeit, den Puls doch irgendwann wieder sinken zu lassen. Denn wenn ich laufe, dann eh schon sehr, sehr langsam.
Trotzdem geht es Tritt für Tritt nach oben. Falls du mal rausfinden willst, was Monotonie bedeutet: Hier wirst du fündig. Josty, der zur Sicherheit der Gruppe das Schlusslicht bildet, nimmt mir bald den Rucksack ab. Was für eine Erleichterung. Ich schliesse tatsächlich bis zur Mittelstation nach 2,1 Kilometern auch wieder zu den hintersten Mitläufern auf. Josty sagt: «Wenn wir den zweiten Teil mit diesem Tempo absolvieren, dann gibt es oben eine Punktlandung um 7.15 Uhr.»
Krampf-Anzeichen kurz vor dem Ziel
So steigen wir weiter durch die Nacht. Ein letzter Checkpoint ist das Ende des Hegerentunnels, welchen wir um 6.45 Uhr passieren müssen. Die Uhr zeigt 6.43 Uhr an, als wir da sind. Josty sagt: «Wir haben Vorsprung.» Ich habe auch schon mehr gelacht.
Kaum verlassen wir den Tunnel, schlägt das Wetter richtig um. Es ist kalt, nass und windig. Erstmals ist jetzt aber das Ziel in Sicht. Es fehlen noch rund 350 Meter. Doch da deutet sich im linken Oberschenkel ein Krampf an. Das darf nicht wahr sein.
Das Schlimmste und Beste
Als ich das Josty eröffne, meint er nur: «Nein, das bildest du dir ein, weil du das Ziel siehst. Du. Häsch. Iz. Kä. Chrämpf.» Ich kippe nochmals Magnesium und Zucker nach. Ich will ihm glauben, dass ich keine Krämpfe kriege. Und tatsächlich: Die Krämpfe lösen nicht aus, auch wenn ich gefühlt die letzten Minuten immer nur eine falsche Bewegung davon entfernt bin. So eiere ich Tritt für Tritt weiter. Nach fast 2:45 Stunden erreiche ich das Ziel. Die Uhr zeigt 7.14 Uhr – eine Minute vor der Deadline. Ich will mich freuen, aber die Kraft fehlt.
Die Quälerei ist gleichzeitig etwas vom Schlimmsten und Besten, das ich je gemacht habe. Ich steige von der Bergstation noch die letzten Meter (treppenlos!) auf den Gipfel. Denn die Aussicht soll ja fantastisch sein. Allerdings sehe ich wegen des Nebels genau ... nichts. Ein Grund, um nochmals hierherzukommen. Allerdings dann nicht morgens um 4.30 Uhr über die Treppe.
So würde das dann etwa aussehen:
Einmal im Jahr wird der Niesen-Treppenlauf durchgeführt, nur dann ist das Begehen offiziell erlaubt. Das nächste Mal findet der Lauf am 12. (Staffellauf) und 13. (Einzellauf) Juni 2026 statt. Die Anmeldefrist läuft vom 14. Januar bis zum 8. Februar 2026. Das Kontingent ist beschränkt. Ob du wirklich mitmachen darfst, wird danach ausgelost.
Wer trainieren will, kann eines der offiziellen Trainingsdaten nutzen oder die Treppe für Gruppen-Events (49 Fr./Person) mieten. Mit dem Treppen-Abonnement darfst du die Treppe von 3 bis 7 Uhr nutzen – musst dich aber vor dem Start registrieren. Alle Infos hier.
