Schulturnen ist in der Schweiz Gesetz – nun soll dieses gestrichen werden
Von der Primar- über Mittel- bis zu den Berufsschulen: Drei Lektionen Schulsport sind in der Schweiz für sämtliche Kinder und junge Erwachsene Pflicht. Das ist so im Sportfördergesetz geregelt, das 2010 verabschiedet wurde.
Doch wie die SonntagsZeitung berichtet, gibt es beim Bund und aus den Kantonen Avancen, das Sportobligatorium komplett zu streichen. Aus einem Zwischenbericht des zuständigen Finanzministeriums von Bundesrätin Karin Keller-Sutter geht dieser Vorschlag hervor. Im Rahmen des Projekts «Entflechtung 27» soll die Verantwortung für den Schulsport den Kantonen übertragen werden. Dies, weil der Sportunterricht auch zu hundert Prozent von diesen finanziert wird.
Ein Befürworter dieses Vorgehens ist der St.Galler Mitte-Ständerat Benedikt Würth, der bereits 2010 gegen das Sportfördergesetzt angekämpft hatte. Er sagt gegenüber der «SonntagsZeitung» in Bezug auf den Bund:
Doch die mögliche Streichung stösst bereits auf viel Kritik. Jonathan Badan, Präsident des Schweizerischen Verbands für Sport in der Schule (SVSS), sieht die Gefahr, dass Kinder plötzlich nicht mehr genügend Sportlektionen absolvieren dürfen, wenn das Turnen künftig kantonal geregelt werden würde. Mit ein Grund ist die prekäre Turnhallensituation in der Schweiz, die in verschiedenen Landesteilen unterschiedlich stark ausgeprägt ist.
Laut Badan fehlt es trotz zahlreichen Bauprojekten noch immer an «rund hundert Turnhallen». Dass überhaupt Turnhallen gebaut würden, ist laut dem Schulsport-Verbandschef dem «Druck des Gesetzes» zu verdanken. Das heisst: Der Verband befürchtet, dass Kantone und Gemeinden bei einer Streichung des Obligatoriums von solchen kostspieligen Projekten absehen könnten. Das wiederum könnte aufgrund mangelnder Kapazitäten zu Einschnitten bei den Sportlektionen führen. Badan sagt:
Dass einige Kantone den Sportunterricht reduzieren oder gar ganz streichen könnten, sieht das Bundesamt für Sport (Baspo), das beim Bundesbericht ebenfalls in der verfassenden Arbeitsgruppe sass, als reale Gefahr an.
Auch im Bundeshaus gibt es bereits Gegenwind. SP-Nationalrätin und Sportlehrerin Andrea Zryd beispielsweise hält eine Streichung für ein «verheerendes Signal an Schulkinder und Eltern». Schulsport sei fundamental für die Gesundheit und Entwicklung von Jugendlichen.
Befürworter Würth glaubt derweil nicht daran, dass der Sportunterricht in einigen Kantonen tatsächlich gekürzt oder gestrichen würde. Dafür habe der Sport schweizweit einen viel zu hohen Stellenwert, so der Ständerat. Auch Thomas Minder, Präsident der Schulleiterinnen und Schulleiter der Schweiz, hält eine Reduzierung für unrealistisch, da der schweizweit geltende Lehrplan 21 sich ebenfalls an drei Sportlektionen pro Woche orientiere – Gesetz hin oder her. Zudem glaubt Minder, dass der Widerstand aus der Bevölkerung bei einem Reduzierungsversuch gross wäre.
(con)
