Ich weiss, wieso ich euch so hasste, Sporttage meiner Schulzeit! Ein Rant
Heute fiel plötzlich das Wort «Sporttag». Der Sohn von Patrick Toggweiler hat seinen diese Woche hinter sich gebracht, der Sohn von Anna Rothenfluh ebenfalls. Und ich habe zum Glück nie mehr einen vor mir. Nein auch nichts spasseshalber als teamfördernde Massnahme oder sowas! Nie! Mehr! Wie habe ich Sporttage gehasst. Dieses kollektive Begaffen meiner Unfähigkeit.
Das heisst, es war so: Ich war eine kleine Ballettratte. Sogar eine ausgezeichnete kleine Ballettratte. Als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war, erwog man – also vor allem ich, aber auch meine Ballettlehrerin und eineinhalb Sekunden lang sogar meine Eltern – eine Ballettkarriere für «das Simeli» oder «das Simi», wie ich damals gerufen wurde. Heute darf das als einzigster Mensch auf Erden mein Ressortleiter, also Patrick Toggweiler mit dem Sporttag-Kind.
Im Ballett war ich gut. Im Turnen die grösste Niete im ganzen Tal. Ich hasste alles. Vor allem Bälle. Und Rennen. Und Mannschaften. Weshalb ich auch das berüchtigte Kind war, das immer als Letztes in eine Mannschaft gewählt wurde. Volleyball, Handball, Basketball, Brennball – alles war eine Strafe für mich, aber ich war auch eine Strafe für mein Team. Für das gegnerische Team logischerweise nicht.
Mein Problem war, dass ich von Natur aus ehrgeizig war. Nur im Turnunterricht konnte ich meinen Ehrgeiz nicht kanalisieren. Da war für mich einfach alles falsch, es fehlte mir die Ästhetik, der Genuss, das sinnvolle Ziel, ich sah da nur Anstrengung, Frustration, die totale, niederschmetternde Demütigung. Ich. Verstand. Das. Nicht. Jede meiner Faszien verweigerte sich. Ausser auf dem Schwebebalken, das hatte minimal mit Ballett zu tun, aber der Schwebebalken kam höchstens alle Schaltjahre zum Einsatz. Was war ich unglücklich im Turnunterricht.
Die Steigerung hiess Sporttag. Ich warf Bälle – wozu? Sie plumpsten sofort unmotiviert zu Boden. Ich machte Weitsprung und Hochsprung oder besser Nichtsprung und war ein Spektakel des Versagens. Die anderen demonstrierten physisch überlegne Verbrüderung und Verschwesterung. Wer mich kannte, schaute gar nicht erst hin, aber wer nicht in meiner Klasse war, schaute umso offensiver hin. Ich rannte 50 und 100 Meter und wurde mit unerbittlicher Garantie Letzte und irgendwer am Laufbahnrand lachte immer, weil meine Füsse dachten, sie seien im Ballett und sich automatisch nach aussen drehten, und ein entiges Watscheln das Resultat war. Ich schwitzte und fluchte und weinte innerlich, doch eines Tages kam mir ein Sonnenbrand zu Hilfe.
Das war so: Die Jungs spielten Fussball, ein Spiel, das uns Mädchen verboten war, weil unser Turnlehrer sagte: «Mädchen Fussball beizubringen ist schlimmer, als einer Kuh das Klettern zu lehren!». Einen von den Jungs fand ich gut, er war gross und blond, und ich setzte mich auf ein Mäuerchen am Spielfeldrand und schaute ihm zu. Ich ahnte schon, dass meine schneeweissen «Schwanensee»-Beinchen, die in kurzen Hosen steckten, die Sonne nicht ignorieren würden. Ich merkte bald, dass sie die Sonne richtiggehend anzogen und dass die Sonne mit einer fiesen Hintertriebenheit in meine Beine sickerte. Nach einer Stunde waren sie knallrot. Als ich zuhause ankam, fühlten sie sich steif an.
Am nächsten Morgen war mir klar, dass mein Tag nur eine Pose kennen würde. Die unsportlichste von allen. Die kommune Rückenlage im Bett, begleitet von ziemlich viel Bepanthen-Salbe und gemütlicher Lektüre. Ich meldete mich ab. Vom zweiten Tag eines teuflischen Doppelsporttags. Ich musste nicht meine Mannschaft blamieren, weder beim Bällenichtfangen noch beim Vielzulangsamlängenschwimmen und auch nicht als watschelnde Ente. Ich durfte einfach mich selbst sein. Was meine Mutter von dem Ganzen hielt, weiss ich nicht, vielleicht fand sie ja, ich hätte mich mit dem schmerzhaften Sonnenbrand schon genug bestraft.
Wie heisst es bei Tocotronic? «Ich weiss nicht, wieso ich euch so hasse, Fahrradfahrer / Backgammonspieler / Tanztheater dieser Stadt.» Das Wort Sporttage fehlt in dieser Aufzählung noch.
