«Der Frust ist gross», sagt eine Swiss-Flight-Attendant. Die Personaldecke sei derzeit sehr dünn. «Viele sind am Anschlag.» Doch das ist nicht der einzige Grund für den Unmut bei der Kabinen-Crew. Im Oktober 2023 hatten sich die beiden Parteien – die Swiss und die Kabinen-Gewerkschaft Kapers – auf einen neuen Gesamtarbeitsvertrag geeinigt. Am 1. Januar trat dieser in Kraft.
Das Vertragswerk beinhaltete zahlreiche Massnahmen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten implementiert werden sollten. Dazu gehören auch die so genannten «Cabin Duty Regulations» – in der Branche kurz CDR genannt – welche für die Flight Attendants die Planbarkeit ihrer Einsätze verbessern sollten. Diese sollten Anfang 2025 in Kraft treten.
Doch dazu kommt es nicht. In einer internen Mitteilung an das Kabinenpersonal schreibt das Swiss-Management, dass nicht alle Verbesserungen rechtzeitig per Januar eingeführt werden, so wie sie im GAV eigentlich abgemacht worden waren. Da damit «eine wichtige Verbesserung zur Planbarkeit eures Soziallebens später als vorgesehen eingeführt wird, haben wir uns mit Kapers auf eine Entschädigung geeinigt», schreibt die Swiss.
So erhalten alle Kabinen-Angestellten für die Verzögerung eine einmalige Entschädigung von 400 Franken. Der Betrag wird im Januar mit dem Lohn ausbezahlt. Und: Man freue sich, eine faire Lösung für alle Parteien gefunden zu haben.
Tatsächlich war dafür Druck seitens der Gewerkschaft nötig. Auf sozialen Medien hatte die Kapers zuletzt Bilder von ihrer Protestaktion namens «Operation Weihnachtsbaum» publiziert: Im OPC – der Schaltzentrale der Swiss am Flughafen Zürich – stellte die Gewerkschaft in den vergangenen Tagen einen Weihnachtsbaum auf. Diesen konnten die Flight Attendants verzieren – mit Schadenszetteln, so genannte «Defective Labels», welche normalerweise an Bord bei Defekten ausgefüllt werden.
In diesem Fall konnten sie ihre Sorgen, Wünsche und Bedürfnisse gegenüber ihrem Arbeitgeber aufschreiben. Gemäss Social-Media-Bildern dürften gut und gerne über 200 Frust-Meldungen am Baum gehängt haben, der am Schluss der Swiss-Führung unter CEO Jens Fehlinger überreicht wurde.
Die Aktion dürfte bei der Airline unschöne Erinnerungen an einen früheren Protest wecken. Im Dezember 2010 verteilte die Swiss nicht wie üblich eine Weihnachtsgratifikation. Zur Bescherung gab es ein Käseholzbrett. Damit stiess die Schweizer Airline viele Cabin-Crew-Mitarbeitende vor den Kopf. Viele Mitarbeiter retournierten das Brett mit erbosten Parolen.
Dem Swiss-Management weht auch von den Pilotinnen und Piloten ein rauer Wind entgegen. «Im Korps ist ein grosser Frust zu spüren», schreibt Clemens Kopetz, Präsident der Swiss-Pilotenvereinigung Aeropers, im Verbandsmagazin. Grund sei nicht nur der GAV, der nicht halte, was der Cockpit-Crew versprochen worden sei. «Die Bestandessituation ist angespannt.» Dies führe zu unbefriedigenden Ferienvergaben, die Arbeitsbelastung der einzelnen Piloten steige an. Dies hätten zuletzt die schlechten Resultate einer internen Gesundheitsumfrage gezeigt.
Für Kopetz stellt sich die Frage: «Wie sind wir überhaupt an diesem Punkt angelangt?» Die Ergebnisse der Firma seien sehr ansprechend. Es stehe eine Flottenerneuerung und sogar etwas Wachstum bevor. «Anstatt Frust sollte eigentlich Freude herrschen. Anstelle von ‹burnt-out› sollten wir alle – und damit meine ich das fliegende sowie das Bodenpersonal – top motiviert und voller Tatendrang für die Aufgaben der nächsten Jahre sein.»
Und: «Der Peak steht uns erst bevor! Aber ich habe das Gefühl, wir stehen jetzt schon ausgebrannt und nach Luft schnappend neben dem Wegrand, und der grosse Anstieg hat eben erst begonnen.»
Und was sagt die Swiss zum Unmut bei den Angestellten und zum angeblichen Personalengpass? «Wir schätzen die Personalsituation gesamthaft als gut ein», sagt Sprecher Michael Pelzer. Allein dieses Jahr habe man in der Kabine, im Cockpit sowie am Boden insgesamt 1700 Personen eingestellt. «Wir sehen uns daher gut gewappnet, weiterhin einen zuverlässigen Flugbetrieb sicherzustellen.» Zudem würden im kommenden Jahr voraussichtlich rund 100 Pilotinnen und Piloten sowie mehrere hundert neue Flight Attendants rekrutiert.
Die Airline räumt Nachholbedarf ein. «Wir sehen die Personalsituation in unseren fliegenden Korps weiterhin auf Kurs, wollen aber in Spitzenzeiten noch mehr Reserven haben», sagt Pelzer. Die Gesellschaft investiere laufend in das Personal, «um Spitzenbelastungen wie bei kurzfristigen Abmeldungen möglichst lückenlos abfedern zu können und in Zukunft eine solide Reserve sicherzustellen».
Eine gute Nachricht für die Mitarbeitenden gibt es. Die Swiss sei sich bewusst, dass die Crews ausserordentlichen Einsatz leisteten, auch in herausfordernden Spitzenzeiten, sagt Pelzer. Auch dieses Jahr leiste die Airline deshalb an das fliegende Personal eine ausserordentliche Sonderprämie von 2000 Franken, um ihnen für den Einsatz zu danken.
Daher ein grosses Merci an alle Swiss (EDW und Flightlease-Crews auch) Crewmembers 👏 und merry x-mas 🎄
Übersetzung: Uns im Elfenbeinturm geht's gut. Flugpersonal ist ersetzbar, ist ja immer noch ein Traumjob, den jede(r) will.
Eine hohe Fluktuation ist keine Stärkung der Personaldecke.