Westschweizer Rechtsextreme und Polizisten trainieren am selben Ort
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Es ist ein grosses Betongebäude an der Strasse von Evionnaz Richtung Saint-Maurice. Am Fuss der Walliser Berge, deren Hänge fast senkrecht zur Rhoneebene abfallen, ist die Fassade kaum zu übersehen. Riesige schwarze Buchstaben bilden einen Namen: Tactic’Hall.
Es handelt sich um einen Schiessstand. Nur wenige Schritte von dessen Eingang entfernt stehen Autos neben einem imposanten, umgebauten Lastwagen. An dessen Front ragt eine breite Metallklinge hervor, die wie aus einem postapokalyptischen Science-Fiction-Film wirkt.
Drinnen ist es kühl, AC/DC dröhnt aus den Lautsprechern. Einige schwarze Tische stehen in der Mitte des Raums. An der Rückwand sind Pistolen, Karabiner und Gewehre sorgfältig auf grauen Lochplatten aufgereiht. In den Vitrinen werden weitere Waffen präsentiert.
Vier Männer an einem Tisch unterbrechen kurz ihr Gespräch, um uns unauffällig zu beobachten. Unser Besuch ist angekündigt. Und offenbar auch mit einer gewissen Skepsis erwartet. Journalisten sind in solchen Einrichtungen grundsätzlich nicht besonders willkommen. Noch weniger, wenn sie unangenehme Fragen stellen.
Waffen und Schweppes
Rasierter Kopf, schwarzes T-Shirt: Bertrand Voutaz beendet sein Telefongespräch. Der Betreiber kommt hinter dem Tresen hervor. «Willst du etwas trinken? Hier duzen sich alle», sagt er und erklärt damit die unvermittelte Vertrautheit, bevor er zu einem Schweppes greift. Wir setzen uns etwas abseits.
Am Telefon hatte sich der ehemalige Waadtländer Polizist einige Tage zuvor deutlich schroffer gezeigt. Misstrauisch ist er noch immer. «Ich habe hier schon Reportagen abgelehnt. Man weiss nie, was gesagt wird und ob man kritisiert wird.» Er sagt, er habe das ganze Wochenende darüber nachgedacht:
Um zu verstehen, was den Betreiber beschäftigt, muss man in den Herbst 2020 zurückgehen, als der Tactic’Hall eröffnet wurde. Das Projekt ist ambitioniert: Knapp drei Millionen Franken werden in die 1500 Quadratmeter grosse Schiess- und Ausbildungsanlage investiert, wie «Le Nouvelliste» im März 2022 berichtete.
Die Anlage ist für dynamisches Schiessen ausgelegt – eine Disziplin, bei der Präzision und Schnelligkeit kombiniert werden. Sie zieht von Beginn an Schiesssportler aus der ganzen Schweiz an, aber auch mehrere Polizeikorps. «Einige Einheiten fahren sogar fünf Stunden, um hier zu trainieren», sagt Bertrand Voutaz und nimmt einen Schluck von seinem Getränk.
Der vollständig schallisolierte und gesicherte Komplex umfasst eine Waffenkammer, ein Fachgeschäft sowie zwei 30 Meter lange Schiessstände. Die Online-Bewertungen sind überschwänglich: «Eine tolle Erfahrung», «Top-Anlagen», «liebenswerte Mitarbeitende», «bester Indoor-Schiessstand».
Eine Kundschaft, die Sorgen bereitet
Doch nicht nur wegen seiner Anlagen sorgt der Tactic’Hall für Gesprächsstoff. Nach Informationen von watson zieht der Schiessstand auch eine Kundschaft mit problematischem Hintergrund an. Das sorgt selbst innerhalb der Walliser Polizei für Fragen.
Mathieu* war Mitglied einer rechtsextremen Gruppierung, die vom Nachrichtendienst des Bundes (NDB) beobachtet wurde. Er ist vor einigen Jahren ausgestiegen, steht aber weiterhin extremistischen Kreisen nahe, die potenziell gefährlich sein können.
Tactic’Hall kennt er gut. Bis vor zwei oder drei Jahren kam er unter anderem hierher, um zu schiessen. Seinen Angaben zufolge traf man dort nicht selten ehemalige Skinheads, kriminelle Biker und frühere Mitglieder des «Swastisklan», einer Walliser Neonazi-Gruppe, die Anfang der 2000er-Jahre aufgelöst wurde. «Und auch Polizisten, viele sogar …», sagt er. Dann erzählt er eine bemerkenswerte Anekdote:
Varones Anweisung
Diese Nähe zwischen Ordnungskräften und Rechtsextremen sorgt für Unbehagen und wird schliesslich auch zum Thema in der Führung der Walliser Kantonspolizei. Mehrere übereinstimmende Quellen berichten, dass der damalige Kommandant Christian Varone seine Beamten anwies, den Tactic’Hall nicht mehr zu besuchen – weder in Uniform noch privat. Nach Informationen von watson fiel dieser Entscheid zwischen Ende 2023 und Anfang 2024. Varone wollte sich auf Anfrage nicht dazu äussern.
Die Walliser Kantonspolizei weicht der Frage aus. Sie erklärt lediglich, sie habe die Anlage «hauptsächlich aufgrund der damit verbundenen Kosten» nicht genutzt. Weiter heisst es, «die Trainings wurden stets in offiziellen Schiessständen durchgeführt, die den erforderlichen Standards und operativen Anforderungen vollständig entsprachen und gleichzeitig finanziell vorteilhaftere Bedingungen boten».
Am Telefon hatte Bertrand Voutaz einige Tage vor unserem Treffen noch versichert, nie von einer entsprechenden Anweisung Christian Varones gehört zu haben. Im persönlichen Gespräch räumt er schliesslich ein:
Der Betreiber hat allerdings eine Vermutung, auch wenn er einräumt, nur spekulieren zu können. Könnte sein privater Schiessstand gestört haben, während die Schweizer Armee und die Walliser Kantonspolizei in Sitten ihre eigene Schiessanlage entwickelten?
Das 2022 gestartete und zwei Jahre später eröffnete grösste Indoor-Schiesszentrum der Schweiz kostete 33,5 Millionen Franken – mehr als zehnmal so viel wie Tactic’Hall. «Das Wallis funktioniert nicht wie andere Kantone. Vielleicht kam es nicht gut an, dass ein ehemaliger Polizist nach Jahren im Kanton Waadt ins Wallis zurückkehrt und einen Schiessstand eröffnet», sagt er.
Nach Angaben unserer Quellen war es jedoch vor allem das Profil eines Teils der Kundschaft, das die Walliser Kantonspolizei beunruhigt haben soll. Neben Schiesssportlern und Neugierigen, die eine Einführung buchen, finden sich dort auch einige besonders überzeugte survivalists.
Er sagt, er habe dort mehrmals Personen getroffen, die er als «Proto-Nazis» bezeichnet – junge Aktivisten mit rechtsextremem Gedankengut.
Auch Michel*, der früher im Westschweizer Prostitutionsmilieu tätig war, kennt den Ort gut. Er sagt, er habe die Gründer des Projekts beraten, ohne selbst investiert zu haben. Den problematischen Ruf des Tactic’Hall möchte er relativieren: «Die Atmosphäre ist gesellig. Wie überall gibt es ganz unterschiedliche Leute unter der Kundschaft», erklärt er am Telefon. Er räumt jedoch ein, zwei Männer gesehen zu haben, die später als Mitglieder der Skinhead-Szene identifiziert wurden. «Sie waren zum Schiessen dort. Wir erfuhren erst später davon, als wir Fotos in der Presse sahen.»
Eine Frage der Ethik
Für mehrere gut informierte Quellen waren für Christian Varone vor allem ethische Überlegungen ausschlaggebend. Polizisten sollten demnach vermeiden, auch privat mit Personen Umgang zu haben, gegen die möglicherweise ermittelt wird oder die extremistischen Gruppierungen angehören – unabhängig von deren politischer Ausrichtung.
Ein Mitglied eines uniformierten Walliser Korps bestätigt:
Auch die Anwesenheit krimineller Biker, von denen einige für ihre Nähe zur rechtsextremen Szene bekannt sind, soll beim Entscheid des ehemaligen Kommandanten eine Rolle gespielt haben. «Wenn man Beamte in einem solchen Umfeld verkehren lässt, besteht die Gefahr, dass sie in extremistische Kreise geraten und beispielsweise rassistischen Ideologien annähern», sagt eine mit dem Fall vertraute Quelle.
Keine Nachsicht
Bertrand Voutaz weist den Vorwurf zurück, extremistischen Kreisen gegenüber nachsichtig zu sein. «Wir verlangen einen Ausweis und prüfen, ob die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Wir haben aber keine Möglichkeit, die politische Einstellung der Menschen zu kennen, die hier schiessen. Unsere Kundschaft ist sehr unterschiedlich. Die Leute kommen hierher, wie andere ins Fitnessstudio gehen», sagt er.
Hinter den schallisolierten Wänden sind während des Gesprächs immer wieder dumpfe Schüsse zu hören. Bertrand Voutaz scheint sie gar nicht mehr wahrzunehmen. Auf seinem Unterarm ist eine Maschinenpistole mit schwarzer Tinte tätowiert. «Das ist eine MP5, eine Waffe, die bei der Polizei eingesetzt wird», erklärt der Mann, der sich nach 15 Jahren bei der Waadtländer Polizei beruflich neu orientiert hat.
Nach eigenen Angaben tut er alles, um problematische Kundschaft fernzuhalten. «Ich habe noch nie erlebt, dass eine Gruppe Biker mit ihren Westen hereinkommt … Das würde ich nicht akzeptieren», sagt er, bevor er die Grenzen seiner Möglichkeiten einräumt.
Er fügt hinzu: «Wir prüfen bei unseren Kunden die geltenden gesetzlichen Voraussetzungen. Darüber hinaus haben wir selbstverständlich keine Möglichkeit, allfällige private Aktivitäten oder Kontakte jeder einzelnen Person zu kennen, die zu uns kommt.»
Ähnlich antwortet er auf die Frage nach Personen, die bei den Behörden registriert sind.
Vorwurf der Doppelmoral
Dann wird deutlich, dass ihn etwas zunehmend ärgert. «Die Situation ist schwer zu verstehen: Die Walliser Kantonspolizei will nicht, dass ihre Interventionseinheiten hier trainieren. Gleichzeitig haben ihre Dienste unsere Anlagen genutzt, um Prüfungen für Sicherheitsangestellte durchzuführen», beklagt er sich und kritisiert, was er als Doppelmoral betrachtet. Dokumente zeigen, dass die Walliser Kantonspolizei die Räumlichkeiten 2023 fünfmal und 2024 viermal gemietet hat, um dort Waffentragprüfungen für private Sicherheitsangestellte durchzuführen.
Auf Anfrage bestätigt die Polizei diese Angaben.
Auf diese Unterscheidung legt die Walliser Kantonspolizei Wert. Denn andere Polizeikorps entschieden anders und schickten ihre Beamten fürs Training zu Tactic’Hall.
Unterschiedliche Polizeikorps, unterschiedliche Praxis
Die Stadtpolizei Martigny bestätigt, den Schiessstand in Evionnaz zwischen 2021 und 2022 genutzt zu haben. «Das Polizeikorps musste vorübergehend auf eine andere Infrastruktur ausweichen und absolvierte deshalb seine obligatorischen Schiesstrainings im Tactic’Hall», erklärt eine Mediensprecherin. Auf die Frage nach der Kundschaft, die dazu geführt haben soll, dass die Walliser Kantonspolizei auf Distanz zur Einrichtung ging, antwortete sie nicht.
Die Stadtpolizeien von Monthey und Saint-Maurice geben an, die Anlagen in Evionnaz nie genutzt zu haben: «Wir gehen nicht dorthin, weil wir über eigene Anlagen verfügen», erklärt der Kommandant. Die Polizisten aus Monthey trainieren mit eigenen Instruktoren im Schiessstand von Châble-Croix.
Im Kanton Waadt hingegen wird Tactic’Hall offen genutzt. Die Kantonspolizei bestätigt, dort operative Übungen in einem «privatisierten Rahmen und unter Einhaltung der Sicherheits- und Vertraulichkeitsanforderungen» durchgeführt zu haben. Grund dafür seien die «geeigneten Anlagen». Weshalb hat sie nicht dieselbe Linie verfolgt wie die Walliser Kantonspolizei? Die Kommunikationschefin sagt:
Offiziell erklärt die Walliser Kantonspolizei heute, sie nutze Tactic’Hall nicht mehr, weil sie über einen Schiessstand in der Nähe verfüge. Fest steht jedoch: Auch nach der Pensionierung von Christian Varone wird die Anweisung weiterhin befolgt. Die Walliser Polizisten meiden den Schiessstand in Evionnaz weiterhin.
*Name geändert
