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Schweiz

Hass auf Klimaanlagen kostet Leben und Geld – nun kippt die Stimmung

Frau sitzt vor geöffnetem Kühlschrank, Hitze, Sommernacht. Symbolbild
Keine gute Lösung: Der Kühlschrank als nächtliche Erfrischung.Bild: imago-images.de

Der Schweizer Hass auf Klimaanlagen kostet Leben und Geld – nun kippt die Stimmung

Jahrelang galten die Kühlgeräte als unnötiger Luxus und waren verpönt. Das ändert sich nun. Behörden, Betriebe wie die SBB und Hotels denken um.
30.05.2026, 06:0530.05.2026, 07:12

Mit dem Sommer steigen neben den Temperaturen auch die Preise für Klimageräte. Die Händler nutzen die Sehnsucht nach kühler Luft gnadenlos aus. Bei Digitec Galaxus wird der Bestseller, eine mobile Split-Klimaanlage eines chinesischen Herstellers, derzeit für 1297 Franken angeboten. Im Februar lag der Preis bei 826 Franken.

Die Margen dürften traumhaft sein – genauso wie die Verkaufszahlen. Zwischen 1. Januar und 25. Mai verkaufte Galaxus fast 60 Prozent mehr Klimaanlagen als 2025.

Dieser Boom hat zwei Gründe: Erstens wird es immer heisser. Zwischen 1945 und 1974 gab es in Basel durchschnittlich 8,7 Hitzetage pro Jahr. Zwischen 1995 und 2024 waren es laut Meteo Schweiz schon 14,7. In anderen Städten stieg diese Zahl noch stärker an. In Lugano wurde eine Verfünffachung registriert.

Zweitens gibt es in Schweizer Gebäuden kaum fest verbaute Klimaanlagen. Weil die meisten Menschen zur Miete wohnen und der Einbau einer solchen eine Baubewilligung erfordert, greifen sie zu mobilen Anlagen. Diese sind in Sachen Energieeffizienz und Leistung die schlechtere Wahl, aber bewilligungsfrei (siehe nachfolgende Box).

Monoblock oder Split-Anlage?
Bei 56 Prozent der verkauften Geräte handelt es sich bei Galaxus um eher günstige Monoblock-Geräte. Sie bestehen aus einem Innenteil mit allen technischen Komponenten und einem relativ dicken Abluftschlauch. Die Geräte saugen die warme Raumluft an, kühlen diese und führen die Abwärme ab. Sie sind oft laut und können für einen unangenehmen Unterdruck sorgen.
Bei 27 Prozent der verkauften Geräte handelt es sich um mobile Split-Klimaanlagen. Diese verfügen über ein Innen- und Aussengerät, die über einen dünnen Schlauch verbunden sind. Solche Anlagen sind teurer als Monoblocks, aber leiser und effizienter, weil der Wärmeaustausch draussen stattfindet. In diesem Segment findet ein regelrechter Boom statt, wie auch Interdiscount bestätigt. Solche Anlagen würden eine hohe Kühlleistung mit flexibler Nutzung vereinen. Nur in 3 Prozent der von Galaxus verkauften Klimageräte handelt es sich um die effizienteste Lösung: eine fest installierte Split-Klimaanlage.
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Fest installierte Klimaanlage.Bild: Shutterstock

Klimaanlagen sind vielen in der Schweiz noch immer suspekt oder gelten als unnötig. Grünen-Nationalrat Christophe Clivaz bezeichnete mobile Klimageräte 2022 als «Fehlanpassung an den Klimawandel» und forderte schärfere Regeln auf Bundesebene. In Weltregionen, in denen die Hitze den Menschen schon lange zu schaffen macht, sind Häuser hingegen seit Jahrzehnten grossflächig klimatisiert.

Um einen Luxus handelt es sich nicht. Hitze erhöht die Übersterblichkeit. Diese betrage mehrere Hundert Personen pro Sommer, sagt Reto Knutti, Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich. In einem heissen Sommer würden mehr Menschen durch Hitze sterben als im ganzen Jahr im Verkehr. Hitze sei ein unterschätztes Risiko im Klimawandel. «Der Einsatz von Klimaanlagen hilft definitiv, um die Gesundheitsrisiken zu senken», sagt er. Laut einer neuen Studie des Finanzprofessors Markus Leippold von der Universität Zürich kosten hitzebedingte Spitaleinlieferungen das Gesundheitssystem bereits heute 21 Millionen Franken pro Jahr.

Die hohen Temperaturen haben auch einen negativen Einfluss auf die Arbeitsleistung. Eine Studie aus dem Jahr 2022 beziffert den jährlichen Verlust an Produktivität durch die Hitze in der Schweiz auf 665 Millionen Franken – ein Wert, der bis 2050 auf über 1 Milliarde Franken steigen könnte. Klimaanlagen können den Teil davon abfedern, der bei Arbeiten im Innern anfällt. Sie gelten nicht umsonst als die Geräte, die die wirtschaftliche Entwicklung etwa von Singapur oder Kalifornien erst möglich gemacht haben.

SBB kühlen nun stärker

In der Schweiz hinkt die Gesetzgebung den Temperaturen hinterher. In den meisten Kantonen gibt es eine Baubewilligung für fest verbaute Klimaanlagen nur unter strengen Auflagen. Paradoxerweise wird damit nicht selten das Gegenteil erreicht: Der Energieverbrauch und die Lärmemissionen sind höher, wenn nur schon wenige Mieter pro Haus stattdessen eine mobile Anlage kaufen.

Langsam setzt aber ein Umdenken ein. Im Kanton Zürich soll der Einbau bestimmter Klimaanlagen künftig keine Baubewilligung mehr benötigen, sondern nur noch ein Meldeverfahren durchlaufen. «Dadurch könnte der Einsatz energieeffizienter Systeme anstelle von mobilen Klimageräten gefördert werden», begründet der Regierungsrat seinen Vorschlag. Im Kanton Bern entschied der Grosse Rat im März, dass Klimaanlagen, die mit eigenem Solarstrom betrieben werden, nur noch gemeldet werden müssen.

Auch bei eigenen Gebäuden steht die öffentliche Hand Klimaanlagen offener gegenüber als früher. Bei der Stadt Zürich heisst es, Klimageräte brächten Entlastung nicht nur am Arbeitsplatz und zuhause, sondern auch im Pflegebereich sowie in Kitas und Schulen.

Die Verwaltung bereite ihre Gebäude auf die zunehmende Hitzebelastung vor. Im Vordergrund stünden bauliche, technische und betriebliche Massnahmen. Beim neuen Alterszentrum Eichrain etwa trügen die Gebäudegeometrie und -ausrichtung, der Sonnenschutz, vorstehende Balkone, Nachtauskühlung und die Aktivierung der vorhandenen Speichermasse des Gebäudes zum Wärmeschutz bei. Wo solche Massnahmen nicht ausreichten, würden auch moderne Klimageräte mit umweltfreundlichen Kältemitteln verwendet.

Auf stärkere Kühlung setzen auch die SBB. Noch vor wenigen Jahren galt in ihren Zügen, dass die Temperatur um maximal 3 bis 5 Grad unter die Aussentemperatur gesenkt wird. Dies sei angenehmer als «Temperaturschocks» – ein Argument, das kaum je überzeugte.

Hotels rüsten auf

Mittlerweile sind die SBB davon abgerückt. Ihre Züge werden nun um bis zu 10 Grad unter die Aussentemperatur gekühlt. «Hintergrund dieser Anpassung ist die Tatsache, dass in der Schweiz vermehrt Hitzetage auftreten», sagt Sprecherin Fabienne Thommen. An solchen sei eine stärkere Kühlung notwendig. Zudem sei die Anzahl der Rückmeldungen zum Thema gestiegen. Kundinnen und Kunden reagierten «sensibler auf das Thema Raumklima».

Reagieren müssen auch die Hoteliers. Viele Betriebe rüsten auf, etwa das 5-Sterne-Hotel Gstaad Palace. Die Reklamationen hätten sich gehäuft, sagt Inhaber Andrea Scherz der «Plattform J». «Amerikanische Gäste, aber auch Leute aus dem asiatischen Raum akzeptieren eine Raumtemperatur von 26 Grad einfach nicht».

Und die Nachteile?

Gänzlich unproblematisch sind Klimageräte nicht. Fassaden mit Dutzenden Aussengeräten vermögen ästhetisch selten zu überzeugen. Allerdings können moderne Anlagen so gebaut werden, dass die Aussengeräte etwa auf den Dächern angebracht werden.

Die Abluft der Geräte kann zudem die Umgebung weiter aufheizen, was insbesondere in dicht bebauten Städten zum Problem wird. Im japanischen Osaka wurde dieser Effekt laut Klimatologe Reto Knutti auf 0,3 bis 0,7 Grad Celsius geschätzt. Er gehe aber davon aus, dass dieser Effekt hierzulande noch «sehr klein» sei. In der Schweiz seien die Gebäude relativ gut gebaut und es gebe noch nicht viele Klimaanlagen.

Unproblematisch ist der Stromverbrauch, denn die Geräte laufen an heissen Sommertagen – also dann, wenn es nicht selten gar zu negativen Strompreisen im Grosshandel kommt. Es gibt dann zu viel Strom im Netz. Laut Knutti hat Solarenergie alleine in den vergangenen Tagen in den Spitzenstunden die Hälfte des Schweizer Energieverbrauchs abgedeckt, und der Zubau von Solarenergie geht weiter. Auch die Zahl der Klimaanlagen dürfte rasch steigen – zur Freude der Händler, aber auch der Wirtschaft und der Gesundheit der Menschen.

In Schulzimmern ist es zu heiss
Der Lehrerverband fordert, dass Schulzimmer mit Klimageräten ausgerüstet werden, wenn es regelmässig zu heiss wird. Viele Schulgebäude wurden vor Jahrzehnten gebaut und sind darauf ausgerichtet, im Winter Wärme zu speichern. Eine Lehrerin aus der Stadt Zürich sagt, in ihrem Klassenzimmer würden regelmässig Temperaturen von weit über 30 Grad erreicht. «Die Konzentration der Kinder ist dann weg, sinnvolles Lernen nicht mehr möglich». Gemeinden reagieren unterschiedlich. Bei der Stadt Zürich heisst es, in zahlreichen Schulanlagen seien bereits Massnahmen gegen die zunehmende Hitzebelastung umgesetzt worden. Dazu gehörten auch Splitklimageräte, wo die geltenden Vorschriften deren Einsatz erlaubten. Bei Neubauten setze die Stadt auf Zuluftkühlung und Freecooling.

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Die beliebtesten Kommentare
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Garp
30.05.2026 06:35registriert August 2018
Und der Zürcher Gemeinderat hat sich gegen Klimaanlagen in Alters- und Pflegeheimen ausgesprochen. Kleine Kinder und Alte sind am stärksten gefährdet.
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cheesy_
30.05.2026 06:40registriert Januar 2018
Die Abneigung gegen Klimaanlagen, die hier bei gewissen Personen noch herrscht, ist pure Ideologie. Dabei zeigt der Artikel deutlich, wie gross der Beitrag der Solarenergie gerade an heissen Tagen bereits ist.

Wenn Energiesparen wirklich das Ziel ist, sollten wir eher über tiefere Heiztemperaturen im Winter sprechen. Dann gibt es auch keinen Stromüberschuss und 25 Grad Raumtemperatur im Winter braucht wirklich niemand.
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nobody888
30.05.2026 06:31registriert März 2024
Aufheizen der Umgebung durch Klimaanlagen - dass ich nicht lache. Da ist der Einfluss der täglich zubetonierten und zuasphaltierten Flächen doch viel grösser. Zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs wird man jetzt so richtig gegrillt.
Aber schon richtig, ganz vernachlässigen kann man diesen Effekt nicht
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