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Der schwedische Möbelkonzern Ikea verleiht gratis Rollstühle an seine Kundschaft. Doch diese passen in der Filiale nicht überall hindurch.
Der schwedische Möbelkonzern Ikea verleiht gratis Rollstühle an seine Kundschaft. Doch diese passen in der Filiale nicht überall hindurch.Bild: keystone

Diskriminierung im Möbelhaus: Ikea lotst Rollstuhlfahrende in die Sackgasse

Der schwedische Einrichtungsriese verleiht löblicherweise gratis Rollstühle an seine Kunden. Doch in einer grossen Schweizer Filiale endet für sie der Rundgang plötzlich – weil die eigenen Rollstühle nicht durch eine Abschrankung passen. Der Konzern gelobt Besserung.
03.05.2021, 05:50
Benjamin Weinmann / ch media

Es ist diese Errungenschaft, auf die Ikea stolz ist: die erschwingliche Wohnungseinrichtung für grosse und kleine Portemonnaies. Doch trotz diesem kommerziellen Egalitarismus - bei der Behandlung von Kunden mit Behinderung hapert es beim schwedischen Möbel-Riesen.

Sarah Wunderlin (Name von der Redaktion geändert) hat eine Gehbehinderung und Mühe, lange zu stehen oder weite Distanzen zu gehen. «Von einem anderen Ikea-Besuch wusste ich, dass die Filialen Rollstühle gratis vermieten, was ich sehr schätze, schliesslich sind die Einrichtungshäuser sehr gross», sagt Wunderlin. Sie machte deshalb kürzlich bei einem Ikea-Einkauf in Dietlikon ZH erneut Gebrauch von der Leihmöglichkeit.

«Es war keine Beratungsperson zu sehen»

Wunderlin folgte dem Rundgang in der Filiale - vorbei an Tischen, Sofas und Stühlen unterschiedlichster Couleur. Doch dann: Stopp. «Vor mir waren ein Rollband und eine Treppe, die auf die nächste Etage führten. Doch der Rollstuhl, auf dem ich sass und den ich von Ikea erhielt, passte nicht durch die Abschrankung vor dem Rollband, er war zu breit.» Wunderlin suchte nach einem gewöhnlichen Lift, einem Rollstuhllift oder einer Rampe. Fehlanzeige.

«Es war auch keine Beratungsperson zu sehen, an die ich mich hätte wenden können.»

Während zahlreiche Kunden problemlos das Rollband benutzen konnte, wusste Wunderlin nicht, wie weiter – bis ein Ehepaar ihr half, den schweren Rollstuhl über die Abschrankung zu bugsieren. «Der Mann sagte mir, dass sein Bruder auf einen Rollstuhl angewiesen sei und er dieses Problem kenne», sagt Wunderlin.

Umbau zu teuer für Kamprad-Milliardäre?

Umso überraschender ist, dass auch Ikea das Problem kennt. «Ja, uns ist das seit längerem bekannt, aber ein Umbau wäre zu teuer», sagt ein Insider des Möbelhauses. Zur Erinnerung: Die drei Söhne des 2018 verstorbenen Ikea-Gründers Ingvar Kamprad sind laut «Bilanz» die mit Abstand reichsten Bewohner der Schweiz. Sie bringen es zusammen auf ein Vermögen von rund 55 Milliarden Franken.

Eine Sprecherin sagt, die Absperrungen vor dem Rollband gebe es aus Sicherheitsgründen, damit sich gewisse Einkaufswagen darin nicht verfangen würden. «Sie können leicht von einer Mitarbeiterin entfernt und somit für Rollstuhlfahrer geöffnet werden.» Kunden mit Kinderwagen, Rollstühlen oder Rollatoren sollten zudem «in der Regel» bei der Abgabe der Rollstühle auf die Abschrankungen aufmerksam gemacht werden, sagt die Sprecherin.

«Man fühlt sich aufgeschmissen und wird nervös»

Nur: Weder wurde Frau Wunderlin darauf vorab hingewiesen, noch fand sich eine Hilfsperson in der Nähe. Wunderlin sagt:

«Man fühlt sich aufgeschmissen, nicht vollwertig und man wird nervös, da man in einer Sackgasse steckt.»

«Leider ist man im Rollstuhl sehr oft mit solch unangenehmen Situationen konfrontiert, da viele Firmen beim Bau nach wie vor nicht an Menschen mit Behinderungen denken.»

Marianne Rybi, Geschäftsleiterin der Behindertenkonferenz des Kantons Zürich, pflichtet Wunderlin bei. «Dieser Fall zeigt exemplarisch auf, was die unnötigen Konsequenzen sind, wenn man bei baulichen Massnahmen nicht an Menschen mit Behinderungen denkt.»

Oft sei der Aufwand für die zusätzliche Beschilderung, Kommunikation und Personalschulung im Nachhinein grösser, als wenn von Anfang an eine Rampe oder ein Rollstuhllift eingeplant werde. «Das ging bei Ikea leider vergessen.»

Lobende Worte für Ikea - und Tadel

Rybi lobt Ikea für den Gratis-Rollstuhlverleih, während in vielen anderen Geschäften nicht einmal der Zugang für Rollstuhlfahrer gewährleistet sei, da sie Stufen und keine Rampen haben. Andererseits sei Ikea ein Grosskonzern, von dem man sich eine gewisse Vorbildfunktion wünschen dürfe. Rybi verweist auf das Bekenntnis von Ikea zur «sozialen Nachhaltigkeit». «Dort listet die Firma aber die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen nicht auf, das ist schade.»

Die Ikea-Sprecherin räumt ein, dass es an der Stelle, wo Wunderlins Rundgang temporär endete, leider keine Lift-Alternative gibt. In anderen Ikea-Filialen gebe es keine vergleichbare Problemzone. Man werde aber nun die Beschilderung verbessern. Zudem werde man das Personal noch einmal darauf hinweisen, bei der Ausgabe der Rollstühle die Kunden über die Problemstelle zu informieren. Auch bauliche Massnahmen würden analysiert.

Was diese kosten würden, zum Beispiel mit dem Einbau eines Rollstuhl-Lifts, will der schwedische Milliarden-Konzern nicht sagen. Zeit, den allfälligen Preis zu evaluieren, hätte Ikea genügend gehabt. Die Rollrampe in Dietlikon wurde installiert, als ein zweites Gebäude zum bestehenden hinzukam und dreieinhalb Stockwerke entstanden. Das war vor 17 Jahren.

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47 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Perseus
03.05.2021 07:30registriert Januar 2016
Wieso ist immer alles gleich eine Diskriminierung? Mein bester Freund ist auch im Rollstuhl und er weiss sich halt zu helfen und nimmts mit Humor anstatt immer gleich zu den Medien zu rennen und Diskriminierung zu schreien...
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MacB
03.05.2021 08:40registriert Oktober 2015
Titel : Diskriminierung...

Im Text: "Umbau zu teuer für Kamprad-Milliardäre?"

Der Text sagt mehr über den Autor aus als über IKEA.
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ostpol76
03.05.2021 08:28registriert November 2015
Was heute alles als diskriminierend, empörend und als Rassismus gilt! Vielleicht sollten wir uns wieder mehr hinterfragen und diese Begriffe nicht so inflationär einsetzen.

Wir stumpfen bei diesen Begriffen immer mehr ab und nehmen dann gar nicht mehr wahr wenn es sich um eine wirkliche Diskriminierung handelt.
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