Wirtschaft
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epa03731764 (FILE) A file photo dated 15 November 2006 showing founder and owner of Swedish furniture chain IKEA, Ingvar Kamprad, wearing a traditional arctic cap at the opening of a IKEA branch in Haparanda, Sweden. Ingvar Kamprad, the founder of Swedish furniture chain Ikea, is to leave the board of the company that is the franchiser of the Ikea concept, a Swedish financial daily reported 05 June 2013. 'The timing is good for me to leave the board of Inter Ikea Group. We take another step in the generational shift,' Kamprad told the Dagens Industri nwewspaper. The 87-year-old Kamprad founded Ikea in 1943. The conglomerate has about 340 stores worldwide, which pay royalties on all sales to the parent company and gain the right to use the concept.  EPA/THORD NILSSON SWEDEN OUT *** Local Caption *** 50013220

Ikea-Gründer Ingvar Kamprad: Er mag weder Banken noch fremde Aktionäre.  Bild: EPA

Interview

Hat Ikea kein Problem, mit einer Diktatur wie Weissrussland Geschäfte zu machen?

Der schwedische Möbelhersteller will seinen Umsatz in den nächsten fünf Jahren fast verdoppeln und dabei trotzdem die Umwelt schonen. Wie das geht, erklärt der Ikea-Umweltbeauftragte Lorenz Isler.



In der neuen Werbekampagne stellt Ikea den Normalbürger mit seinen Alltagsproblemen in den Mittelpunkt. Ist das nicht ein bisschen langweilig?
Wir wollen Lösungen für die Herausforderungen des täglichen Lebens aufzeigen, mit allen schlechten und auch guten Seiten. Ikea will zeigen, wie wir das tägliche Leben ein bisschen schöner und angenehmer gestalten können.

Der Alltag des Schweizer Normalbürgers ist nach wie vor nicht sehr umweltfreundlich. Wir verbrauchen drei Erden.
3,3, um genau zu sein.

«Unser Ziel ist es, dereinst alle nicht mehr gebrauchten Kundenmöbel zurückzunehmen und wieder in den Kreislauf zurückzuführen.»

Wie will Ikea das ändern?
Ikea ist ein Unternehmen, das Abfall und Verschwendung schon immer so weit als möglich gemieden hat. Nur dank dem effizienten Umgang mit Ressourcen ist es uns gelungen, qualitative hochstehende Möbel zu erschwinglichen Preisen anzubieten. Wir haben auch nur wenige Zwischenhändler. Ikea besitzt sogar eigene Wälder für das Holz der Möbel. Sparsam mit Ressourcen umzugehen war schon immer ein Teil der Ikea-DNA.

Lorenz Isler, Umweltbeauftragter Ikea Schweiz

Lorenz Isler ist Umweltbeauftragter bei Ikea Schweiz.

Billige Möbel verleiten zum Wegwerfen. Ist das nicht ein Widerspruch zur Nachhaltigkeit, die Ikea fördern will?
Ich habe mein Billy-Regal seit mehr als 15 Jahren und es schon dreimal gezügelt.

Haben Sie es auch selbst zusammengebaut?
Selbstverständlich, und damals war das noch nicht so einfach wie heute. Aber ernsthaft: Möbel sind keine Modeartikel, die man einmal anzieht und dann wegwirft. Der tiefe Preis ist kein Massstab dafür, wie lange man einen Tisch oder ein Bett auch braucht. Wir geben auf unsere Möbel bis zu 25 Jahre Garantie. Zudem forschen wir derzeit intensiv daran, wie wir unsere Möbel recyclen können.  

BEIJING, CHINA - JULY 06:  Chinese shoppers sleep on a sofa in the showroom of the IKEA store on July 6, 2014 in Beijing, China. Of the world's ten biggest Ikea stores, 8 of them are in China to cater to the country's growing middle class. The stores are designed with extra room displays given the tendency for customers to make a visit an all-day affair. Store management does not discourage shoppers from sleeping on Ikea furniture, even marking them with signs inviting customers to try them out.  (Photo by Kevin Frayer/Getty Images)

Chinesische Shopper schlafen auf dem Sofa in einer Ikea-Filiale. Ikea will vor allem in China wachsen. Bild: Getty Images AsiaPac

Kann ich somit ein Ikea-Möbel ohne schlechtes Gewissen wegwerfen, weil ich weiss, dass es wiederverwertet wird?
Noch nicht, wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung. Wir produzieren aber heute schon Produkte aus dem Abfall von anderen. Unser Ziel ist es, dereinst alle nicht mehr gebrauchten Kundenmöbel zurückzunehmen und wieder in den Kreislauf zurückzuführen.  In unseren eigenen Filialen rezyklieren wir bereits rund 80 Prozent des Abfalls. Aber natürlich ist es nicht unser Ziel, dass unsere Möbel möglichst schnell weggeworfen werden. Deshalb achten wir sehr stark auf Qualität.

Ikea will den Umsatz von weltweit 35 Milliarden heute bis 2020 auf 55 Milliarden Franken steigern. Wie verträgt sich dieses ehrgeizige Wachstumsziel mit den ökologischen Idealen?
Wenn wir es nicht schaffen, gleichzeitig zu wachsen und einen positiven Einfluss auf die Umwelt zu haben, dann haben wir ein Problem – nicht nur Ikea, sondern die Menschheit insgesamt. Wir müssen Produkte mit einem sehr kleinen ökologischen Fussabdruck und erneuerbarer Energie herstellen, und es muss möglich sein, sie nach Gebrauch wieder in den Kreislauf zurückzuführen.

Wunderbar, aber trotzdem: Braucht es dieses rasante Wachstum?
Dieses Wachstum findet in erster Linie in Ländern wie China und Indien statt. Dort entsteht eine neue Mittelschicht, die – genau wie wir auch – das Bedürfnis haben, schön zu wohnen. Bis 2030 werden so rund 3 Milliarden Menschen zu dieser neuen Mittelschicht dazu stossen.  

«Wir haben realisiert, dass die Herausforderungen der Klimaerwärmung, der Ressourcenknappheit und der wachsenden Zahl der Menschen nicht mehr mit Marktmechanismen zu bewältigen ist.»

Ikea hat eigene Wälder, teilweise auch in Ländern mit fragwürdigen Regierungen wie etwa Weissrussland.
Über die Hälfte unserer Wälder befinden sich in EU-Mitgliedsländern, der grösste Teil befindet sich in Rumänien. In Weissrussland haben wir keine Wälder, nur Produktionsstätten.

Haben Sie kein Problem, wenn Sie mit einer Diktatur wie Weissrussland Geschäfte machen?
Wir versuchen unsere Geschäftsbeziehungen stets so zu gestalten, dass die normalen Menschen davon profitieren. Ikea hat strenge Anti-Korruptions-Regeln, die dafür sorgen, dass wir keine Diktaturen unterstützen.

Ikea versucht ganz bewusst, Kunden zu einem umweltfreundlichen Verhalten zu animieren. Verwenden Sie dabei das so genannte Nudging, dass sanfte Anstupsen von Menschen, um sie auf den richtigen Weg zu bringen?
Einerseits versuchen wir tatsächlich, unsere Kunden sanft anzustupsen. Andererseits sind wir bestrebt, weniger gute Alternativen nicht länger anzubieten. So verkaufen wir nur noch LED-Lampen, die sehr viel weniger Energie verbrauchen als herkömmliche Glühbirnen. Dasselbe gilt bald auch für Batterien. Bei Produkten, bei denen das noch nicht möglich ist, versuchen wir unseren Kunden aufzuzeigen, wie sie Energie sparen können – und ihr Portemonnaie schonen können.

Ouverture du nouveau restaurant Ikea, ce jeudi 28 mai 2015 a Vernier pres de Geneve. (PHOTOPRESS/Christian Brun)

Typisch für Ikea: Die skandinavische Nüchternheit. Bild: PHOTOPRESS

Sie verkaufen neuerdings komplette und schlüsselfertige Solaranlagen samt Montage. Gibt es dafür bereits einen Markt?
Die Schweiz ist eines von drei Ländern, in denen wir ein Solar-Pilot-Projekt durchführen. Im Paket ist alles enthalten: Anträge für Subventionen, Konverter, etc.

Und werden diese Anlagen auch gekauft?
Wir sind zufrieden. Das Angebot entspricht einem Bedürfnis, denn bei Ikea können sich die Kunden darauf verlassen, dass wir auch in 20 oder 50 Jahren noch da sein werden.

Ikea mischt sich in die Politik ein: Partner des WWF, Unterstützung der Initiative für eine grüne Wirtschaft. Gibt das nicht Ärger mit den etablierten Wirtschaftsverbänden?
Auslöser war die Klimakonferenz in Paris. Damals wurden unser globaler CEO sowie der Nachhaltigkeitschef erstmals an eine Klimakonferenz eingeladen, um den Standpunkt von Unternehmen zu vertreten. Wir brachten hier zusammen mit anderen Akteuren den Standpunkt ein: Um eine Klimakatastrophe zu verhindern, braucht es mehr Regulationen.

Äussert sich Ikea regelmässig zu politischen Themen?
Es ist das erste Mal, dass sich Ikea auf der politischen Bühne engagiert hat. Aber wir haben einfach realisiert, dass die Herausforderungen der Klimaerwärmung, der Ressourcenknappheit und der wachsenden Zahl der Menschen nicht mehr allein mit Marktmechanismen zu bewältigen ist. Das muss auch die Wirtschaft erkennen. Der Deregulierungseifer führt uns nicht zum Ziel.    

«Wir geben auch Flüchtlingen eine Chance, bei uns in den Arbeitsprozess integriert zu werden.»

Aber die aktive Unterstützung für die grüne Partei geht einen Schritt weiter.
Das war ein No-brainer, weil die Ziele der Initiative mit unseren globalen Nachhaltigkeitszielen in Einklang standen.  

Auch SVP-Wähler kaufen bei Ikea ein. Verärgern Sie mit Ihrem ökologischen Engagement nicht einen Teil ihrer Kunden?
Wir stehen als Unternehmen zu unserer Überzeugung. Wir geben auch Flüchtlingen eine Chance, bei uns in den Arbeitsprozess integriert zu werden. Es geht darum: Wollen wir uns der Klimarealität stellen oder nicht? In dieser Frage gibt es keinen Kompromiss.

Haben Sie keine Umsatzeinbussen zu beklagen?
Nein. Klar hat es Anfeindungen gegeben. Aber damit können wir leben. Und nochmals: Gewisse Werte sind in unserem Unternehmen wichtig. Diese wollen wir hochhalten, und dafür stehen wir konsequent ein.

Container-Module in der Halle 9 in Zuerich am Freitag, 18. Dezember 2015. Mit der Eroeffnung des Uebergangszentrums Halle 9 in Zuerich-Oerlikon sowie den neuen temporaeren Durchgangszentren wird die Stadt Zuerich per Anfang Jahr rund 780 zusaetzliche Asylsuchende unterbringen. Auf den zwei Ebenen der Messehalle werden Asylsuchende in sogenannte

Für die Schweiz zu wenig brandsicher: Ikea-Notunterkünfte für Flüchtlinge. Bild: KEYSTONE

Mitarbeiter arbeiten gerne in einem Unternehmen, in dem man ein gutes Gewissen haben kann. Spüren Sie diesen Effekt?
Wir wissen, dass ökologische Themen für unsere Mitarbeiter sehr wichtig sind, und dass sie sinnvolle Ziele verfolgen wollen. Das geht aus internen Mitarbeiter-Befragungen klar hervor. 80 Prozent unserer Mitarbeiter geben an, dass sie einen positiven Einfluss auf ihre Umwelt haben wollen.

Ikea hat eine Frauenquote von 50 Prozent im Management. Ist das eine bewusste Strategie oder Zufall? Das hat mit unserer schwedischen Herkunft zu tun. In Skandinavien ist man in dieser Frage viel weiter als bei uns.

Lorenz Isler

Lorenz Isler ist einer der Referenten am Swiss Green Economy Symposium. Es findet am Montag, den 14. November 2016, im Kongresshaus Winterthur statt. Mehr Infos unter: www.sges.ch

Die Partnerschaft von Ikea mit dem WWF überrascht. Kritiker äussern gerne den Verdacht, das sei bloss ein Marketing-Gag. In der Schweiz dauert diese Partnerschaft schon bald zehn Jahre. Wie wird sie sich weiterentwickeln?
Sie wird sich verstärken. Wir sind überzeugt, dass Ökologie nicht nur ein moralisches Gebot ist, sondern auch ein Geschäftsmodell für die Zukunft.  

Gilt das auch für die Atomenergie? Unterstützen Sie auch die Initiative für den Ausstieg?
Da halten wir uns zurück. Aber bei Ikea selbst brauchen wir keinen Atomstrom, sondern setzen auf 100 Prozent erneuerbare Energie.

Ikea ist ein global tätiges Unternehmen. Um die Nachhaltigkeit zu fördern, braucht es vermehrt regionale und dezentrale Wirtschaftskreisläufe. Was unternehmen Sie diesbezüglich?
Wir versuchen seit jeher, regional zu wirtschaften. Deshalb ist auch heute noch mehr als die Hälfte der Produktion in Europa. Wir sind kein Unternehmen, das seine Produkte drei Mal um den Globus schickt, bis es zum Endverbraucher kommt. Zudem transportieren wir nichts mit Flugzeugen.

Stichwort Sharing Economy. Ist das bei Ikea ein Thema?
Wir diskutieren sehr aktiv darüber. Kann man beispielsweise Kindermöbel wieder Ikea zurückgeben, wenn sie nicht mehr gebraucht werden? Oder wollen wir bei Ikea eine Möbel-Sharing-Plattform betreiben?  

Eine Möbel-Sharing-App gibt es nicht?
Noch nicht. Aber wer weiss? Lineare Geschäftsmodelle müssen heute hinterfragt werden – und da geschieht bei Ikea sehr intensiv.

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