Schweiz
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Polar bears at the ice camp close to Polarstern. 10 October 2019, Stefan Hendricks

Eisbären machen sich an Fahnenstangen zu schaffen. Bild: Alfred-Wegener-Institut / Stefan Hendricks

Schweizer Forscher in der Arktis: «Raus dürfen wir nur mit einer Eisbärenwache»

Ivo Beck verbringt zu Forschungszwecken zwei Monate in der ewigen Dunkelheit der Arktis. Ziel: den Einfluss des Klimawandels in der Arktis besser zu verstehen. Für watson berichtet er von seinen Erlebnissen aus einer für uns fast unvorstellbaren Welt.

ivo beck, arktis



Seit bald vier Wochen sind wir nun auf der «Polarstern» und bewegen uns mit der natürlichen Eisdrift durch die Arktis, mal nach Westen, mal nach Osten, mal nach Süden, aber insgesamt stetig nach Norden.

Der Wechsel von der «Kapitan Dranitsyn» auf die «Polarstern» hat vier Tage gedauert. Dabei mussten immerhin 200 Personen mit ihrem Gepäck und eine ganze Menge Fracht gezügelt werden und ich konnte zum ersten Mal in meinem Leben auf schwimmendes Meer-Eis gehen. Ein merkwürdiges Gefühl, wenn man weiss, dass einen lediglich 80 Zentimeter Eisdecke vom 4000 Meter tiefen Ozean trennen.

Polarstern meets Captain Dranitsyn at MOSAiC ice floe for Leg 1 and Leg 2 exchange. December 14, 2019

Vier Tage lang dauerte der Crew-Wechsel von der Kapitan Dranistyn (rechts) auf die «Polarstern» (links). Bild: Alfred-Wegener-Institut / esther Horvath

Mittlerweile sind wir alle in unserem neuen Alltag angekommen und auf der «Polarstern» herrscht geschäftiges Treiben. Unser Leben ist geprägt von der Kälte und den Bedingungen, die draussen herrschen. Viele von uns müssen täglich raus aufs Eis, um dort Messungen zu machen, Proben zu nehmen oder Geräte zu warten. Das Schiff zu verlassen ist aber nicht so einfach, wie man es sich vielleicht vorstellt.

Ivo Beck, Bild: Michael Gallagher

Ivo Beck. bild: Michael Gallagher

Ivo Beck

Ivo Beck lebt in Zürich und ist Doktorand am Paul-Scherrer-Institut und an der EPFL. Für seine Doktorarbeit in Atmosphärenchemie nimmt er an der MOSAiC Expedition in der Arktis teil, wo er während zwei Monaten Aerosole, kleine Schwebepartikel in der Atmosphäre, untersucht.

Wer raus will, muss dies einen Tag früher anmelden. Dann ist da noch das Anziehen der Arbeitskleidung. Eine oder zwei Lagen Thermowäsche, darüber ein Fleece und zuoberst den speziellen Overall, der isoliert und auf dem Wasser schwimmt. Dazu kommen eine Halsschleife, die Gesichtsmaske, eine Fellmütze und dicke Fausthandschuhe. Die Devise lautet, möglichst wenig Hautfläche der Kälte auszusetzen. Bevor man schliesslich von Bord gehen kann, muss man sich auf einer Liste austragen. Abends müssen alle wieder zurück sein.

Aufs Eis dürfen wir nur in Gruppen. Jede Gruppe muss eine Eisbärenwache, ausgerüstet mit Funkgerät, Schreckschusspistole und Gewehr, dabei haben. Dafür mussten wir vor der Expedition alle ein spezielles Training absolvieren, das uns lehrte, mit den Waffen umzugehen. Um die Sicherheit auf dem Eis noch zu erhöhen, halten auf der Brücke permanent mehrere Personen mit Ferngläsern Ausschau nach Eisbären.

Yesterday evening again two polar bears came close to our ship. Probably they were the same we saw already a couple of days before our arrival at the floe. Nobody was out on the ice when the bears appeared and there was no danger for the expedition’s participants. The bears stayed several minutes around Polarstern and the ice camp. For our own safety and for the safety of the polar bears we don’t want them to get used to be our neighbors. The expedition’s lead and professional polar bear guards therefore chased them with a flare gun. The bears have not been injured and left the area immediately. This procedure agrees with the complex safety concept of the MOSAiC expedition. October 10, 2019, Esther Horvath, Bild: Alfred-Wegener-Institut / Esther Horvath

Eisbären sah Ivo Beck bisher keine, dafür Polarfüchse. Bild: Alfred-Wegener-Institut / Stefan Hendricks

Wer jetzt denkt, dass wir bestimmt schon viele Eisbären gesehen haben, der irrt sich. Keinen einzigen bekamen wir zu Gesicht. So weit nördlich sind sogar die Eisbären selten. Dafür konnten wir bereits zweimal Polarfüchse beobachten. Einer hat leider die Datenkabel einiger Messgeräte angebissen auf der Suche nach etwas Essbarem und hat damit für einige Tage Gesprächsstoff gesorgt.

Draussen ist es meistens um die minus 30 Grad kalt. Wenn dazu noch Wind bläst, kann es sich schnell anfühlen wie bei minus 45 Grad. Eine solche Kälte habe ich vorher noch nie gefühlt. Meine Barthaare, Wimpern und Augenbrauen gefrieren innert Minuten und die Stirn schmerzt. Einige von uns haben sich bei der Arbeit bereits kleinere Frostbeulen auf der Nase und den Wangen zugezogen.

We had a team ATMOS flight with the helicopter out to one of our distributed network sites at about 6.5 nautical miles from Polarstern to do some servicing.  At -28 C it was cold, but fortunately very weak winds, and the team was well prepared for the conditions and the task at hand: repairing an longwave radiometer. This site visit also entailed refueling the power supply and some other basic maintenance.  3 hours, successful mission.

Fast perfekte Ausrüstung für gefühlte Minus 45 Grad. Bild: Alfred-Wegener-Institut / David costa

Neben der Kälte begleitet uns auch die Dunkelheit. Anfangs fiel sie mir nicht auf, draussen war es halt dunkel, aber das ist es zuhause im Winter ja auch immer, wenn man Abends aus dem Büro kommt. Mit der Zeit habe ich fast vergessen, dass es Orte gibt, an denen die Sonne scheint. Nach einigen Wochen ohne Tageslicht wurde es mir dann aber doch bewusst, dass etwas fehlt. Inzwischen freue ich mich wirklich darauf, wieder einmal Tageslicht und Sonne zu sehen. Auch dieses Gefühl ist mir neu.

Und wenn ich dann noch Whatsapp Nachrichten bekomme von Freunden, die gerade ein schönes Wochenende in den Bergen verbringen, werde ich doch etwas neidisch. Einige von uns haben sogar ihre eigenen Tageslichtlampen mitgebracht, um sich wenigstens ein wenig wie in der «normalen Welt» zu fühlen.

For several days, we experienced some strong winds, with drifting snow and low visibility. While working on the sea ice, the three spotlights of the Polarstern help to have a better view and also find our way home safely.

Was Ivo Beck langsam wirklich vermisst: Sonnenlicht. Bild: Alfred-Wegener-Institut / esther hrovath

Mein Kontakt zur «normalen Welt» ist etwas eingeschränkt. Wir können E-Mails schreiben und Whatsapp nutzen, allerdings keine Bilder verschicken. Ins World Wide Web können wir nicht. Die WLAN Verbindung ist eher langsam. Für mich ist das gar nicht schlecht, da ich mich so besser auf die Situation hier oben einlassen kann. Und der «digital Detox» tut mir definitiv auch gut. Um die wenigen Nachrichten, die ich von zuhause bekomme, freue ich mich aber dennoch.

Das ist die Expedition

Ivo Beck ist einer von aktuell zwei Schweizern auf dem Eisbrecher «Polarstern», der bisher grössten Forschungsexpedition in der Arktis. Ein Jahr lang ist das Schiff eingefroren im Eis und driftet seit September 2019 durch die Zentralarktis. Ziel der «MOSAiC Expedition» ist es, die komplexen Prozesse, die zum Klimawandel am Nordpol beitragen, besser zu verstehen. Die Arktis erwärmt sich etwa doppelt so schnell wie der Rest der Welt. Die genauen Gründe dafür sind nach wie vor unklar. Die knapp 100 Forscher auf dem Schiff werden ca. alle zwei Monate ausgewechselt. Weitere Informationen gibt es auf der Seite des Alfred-Wegener-Instituts.

(Aufgezeichnet von fox)

Der erste Teil der losen Serie:

Auch was mit Eis: Aus 10 Glaces werden 10 moderne Kunstwerke

Am anderen Ende der Weltkugel: Eine Reise an den südlichsten Punkt der Erde

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    Alle Leser-Kommentare
  • Name_nicht_relevant 17.01.2020 07:34
    Highlight Highlight Ich finde es bewundernswert was manche Menschen tun um in Zukunft viele Fragen zu beantworten könne, der Welt zu helfen oder Probleme lösen zu können. Ohne Forschungen gäbe es keine Antworten und Lösungen, es hat vielen Menschen, Tieren und der Natur geholfen und dafür müssen wir dankbar sein. Freue mich auf weitere Berichte und Danke für eure Arbeit und den Verzicht. Guets Neus wünsche ich euch allen da draussen und möge all eure Arbeit fruchten.
  • sansibar 16.01.2020 21:40
    Highlight Highlight Toller Artikel! Einfach Herrn Trump nicht zeigen. A) so kalt? Kann der Klimawandel ja nur erfunden sein. B) Waffen sorgen für Sicherheit
  • wolge 16.01.2020 15:54
    Highlight Highlight Wow. Wäre das schön ein Forscher zu sein. Raus in die Welt statt sinnlose Meetings und Bürokratie
  • DuhuerePanane 16.01.2020 13:56
    Highlight Highlight Toll. Es gibt nichts faszinierenderes als die Arktis!
  • Sveitsi 16.01.2020 13:35
    Highlight Highlight Spannend, die Erfahrungen im hohen Norden zu lesen. Danke! Ich freue mich auf den nächsten Bericht.
  • *sharky* 16.01.2020 13:20
    Highlight Highlight Wow, äusserst spannend und hochinteressant.
    Bleibt am Ball und Danke!
  • Auric 16.01.2020 10:19
    Highlight Highlight Was erforschen die? Das Polareis ist doch schon längst weggeklimawandelt und die Eisbärenwache braucht es auch nicht schließlich sind die alle verhungert und ausgestorben, oder sollte der Bericht darauf hinweisen dass es reichlichst Eis und Eisbären gibt?

    Ja aber dann hätte Al Gore ja Stuss erzählt!
    • Count Suduku 16.01.2020 11:12
      Highlight Highlight Die wenigen Eisbären die überlebt haben kämpfen um jedes bisschen Eis, dass die Forscher ihnen wegnehmen wollen.
    • TJ Müller 16.01.2020 12:27
      Highlight Highlight Schönes Stohmann-Argument. Würde mich wundern wenn du jemanden findest, der je gesagt hat, dass das Polareis und die Eisbären nicht mehr existieren..
    • Miau 16.01.2020 14:26
      Highlight Highlight Du bist sicher auch der Typ, der sagt: "Gestern hat's geschneit, darum ist der Klimawandel eine Verschwörungstheorie".

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