Bayern gegen Dortmund – oder der Spitzenkampf, der keiner ist
Eigentlich stehen die Vorzeichen vor dem Duell vom heutigen Samstagabend (18.30 Uhr, hier im Liveticker) hervorragend für einen spannenden Spitzenkampf in der Bundesliga. Bayern München als Leader und Borussia Dortmund als erster Verfolger stehen nach sieben Runden ungeschlagen und mit je 17 Punkten da. Die Bayern stellen mit 25 Treffern die beste Offensive, der BVB mit nur vier Gegentoren die beste Defensive der Liga.
Und trotzdem glauben viele schon zu wissen, wie die Partie ausgehen wird. Nämlich mit einer ordentlichen Watschn für Dortmund – die es in der Vergangenheit immer wieder gab, wenn der BVB mal mit Hoffnungen nach München gereist ist. Denn obwohl die Bundesliga das Duell als deutsches Pendant zum spanischen Clasico vermarkten will, ist es kein echter Spitzenkampf.
Zu einseitig fällt die Bilanz der letzten Jahre aus – gerade, wenn es wirklich um etwas geht. Von den letzten 15 Aufeinandertreffen gewann Borussia Dortmund nur eins, der deutsche Rekordmeister deren elf. Bei näherer Betrachtung ist dies auch keine Überraschung.
Bayern-Kader fast doppelt so viel wert
Der FC Bayern München ist nämlich auch seinem grössten Rivalen längst enteilt. Der Marktwert seines Kaders beträgt gemäss Transfermarkt 1,04 Milliarden Euro, während Borussia Dortmund auf 588 Millionen Euro kommt.
Das soll nicht heissen, dass die Münchner über doppelt so viel Qualität verfügen wie der BVB, doch zeigt es trotzdem, dass die beiden sich in unterschiedlichen Sphären bewegen. Campino von den Toten Hosen würde vielleicht nie zum FC Bayern gehen, Spieler wie ein Harry Kane oder ein Michael Olise würden hingegen nie in Dortmund unterschreiben.
Das liegt natürlich auch daran, dass die Schwarzgelben sich diese Topspieler nicht leisten könnten, sondern jüngere Spieler mit Potenzial holen und darauf hoffen müssen, dass sich diese wie erhofft entwickeln. Während die Dortmunder für einen Transfer noch nie mehr als 35 Millionen Euro ausgegeben haben, bezahlten die Münchner bereits 18 Mal eine Ablösesumme, die mindestens so hoch war. Rekordeinkauf ist Kane mit 95 Mio. Euro. In den letzten fünf Jahren investierte Bayern München über 190 Mio. Euro mehr in Transfers als es einnahm, das Minus des BVB beträgt 18 Mio. Euro.
Das schlägt sich auch in der Liste der wertvollsten Bundesligaprofis nieder. Die Top 5 stehen alle beim Ligakrösus unter Vertrag, die Top 10 verteilt sich im Verhältnis 8:2 auf Bayern und Dortmund. In den Topligen ist die Diskrepanz zwischen den beiden besten Klubs nur in der französischen Ligue 1 noch grösser.
Bayern zahlt viel mehr
Die höhere bayrische Kaufkraft zeigt sich auch auf den Gehaltslisten. Diese beziehen sich zwar auf Schätzungen, doch ist gerade bei den Spitzenverdienern ziemlich gut verbürgt, wie hoch ihre Saläre sind. So kassiert Ballon d'Or-Gewinner Kane wohl 25 Millionen Euro pro Jahr – dies solle auch nach seiner angepeilten Verlängerung so bleiben. Jamal Musiala bewege sich in ähnlichen Sphären, Joshua Kimmich komme auf ein Jahresgehalt von rund 20 Millionen Euro.
Derweil musste sich Borussia Dortmund beim neuen Vertrag von Abwehrchef Nico Schlotterbeck ziemlich strecken, um ihn mit einem Verdienst von zehn Millionen Euro zum Topverdiener zu machen. Serhou Guirassy folge mit rund neun Millionen Euro pro Jahr. Keiner der beiden knackt jedoch die Top 10 der höchsten Bundesligagehälter – diese ist ausschliesslich mit Bayern-Stars bestückt.
Kaum ein BVB-Star würde es in Bayerns Startelf schaffen
So überrascht es auch nicht, dass Bayern München auf eigentlich jeder Position besser besetzt ist als der Konkurrent. Einzig Nati-Goalie Gregor Kobel hat gegenüber dem alternden Manuel Neuer und dem noch eher unerfahrenen Jonas Urbig (noch) die Nase vorn. Auch Nico Schlotterbeck hätte Chancen auf einen Platz in der Startformation der Münchner, wobei er mit Nationalteamkollege Jonathan Tah einen sehr harten Konkurrenten hätte.
Ansonsten ist Dortmund gerade im Mittelfeld und in der Offensive schlicht deutlich unterlegen. Viele BVB-Stammspieler wären bei den Bayern wohl nicht einmal zweite Wahl, stehen dort doch auch Spieler wie Serge Gnabry, Lennart Karl, Ismael Saibari oder Tom Bischof im Kader.
Aber …
Dennoch ist der BVB natürlich nicht chancenlos. Zwar ist die kleine Schwächephase der Münchner (2:2 in Augsburg und 3:3 bei Viking Stavanger) bereits wieder einige Wochen her, doch wirkten sie in dieser Saison nicht immer über alle Zweifel erhaben. Ausserdem plagen den Gastgeber weiterhin grosse Verletzungssorgen. Goalie Neuer wird ebenso fehlen wie Luis Diaz und Jamal Musiala. Joshua Kimmich könnte nach dem plötzlichen Tod seines Vaters vor etwas mehr als einer Woche hingegen wieder aufs Feld zurückkehren.
Nicht dabei sein wird auch Trainer Vincent Kompany, der das Spital nach seinem Zusammenbruch auf dem Trainingsplatz zwar wieder verlassen konnte, aufgrund einer Hirnhautreizung aber noch Ruhe benötigt. Vertreten wird der Belgier weiterhin durch Co-Trainer Aaron Danks.
Kann Borussia Dortmund von den Ausfällen beim Gegner profitieren? Das hängt auch davon ab, ob es seine defensive Anfälligkeit der letzten Wochen in den Griff bekommt. Gegen Bremen gab es sowohl in der Liga als auch im DFB-Pokal eine 2:0-Führung aus der Hand, wobei es sich in letzterem noch 3:2 durchsetzte. Auch in Aserbaidschan gegen Sabah kassierte der BVB ein Gegentor. Offensiv zeigte sich das Team von Trainer Niko Kovac zuletzt ebenfalls nicht in Bestform.
Dennoch zeigt sich der BVB-Coach vor dem Topspiel in München selbstbewusst. «Wir haben die Ambitionen, dort etwas mitzunehmen», sagt Kovac und fügt an: «Wir wissen, dass die Trauben hoch hängen. Aber wir sind der BVB.» Der 55-Jährige ist sich natürlich bewusst, dass sein Team dafür 90 Minuten auf allerhöchstem Niveau spielen muss.
Dann ist in einem Fussballspiel bekanntlich alles möglich – auch wenn es nur vom Namen her ein Spitzenkampf auf Augenhöhe ist.
- FIFA will Prämien für Frauen-WM verdoppeln – Millionen-Lücke zu Männern bleibt
- Sportgerichtshof CAS erlaubt Russland zurück bei Eishockey-Turnieren – und zwar schon 2027
- Gut-Behrami sagt, weshalb sie nicht mehr in den Ski-Weltcup zurückkehren wollte
- Watson muss ins Spital – und spielt nach der Rückkehr weiter
