Gut-Behrami sagt, weshalb sie nicht mehr in den Ski-Weltcup zurückkehren wollte
Anfang August verkündete Lara Gut-Behrami ihren endgültigen Rücktritt. Lange war darüber spekuliert worden, ob die Tessinerin nach ihrer schweren Verletzung, die sie im November 2025 erlitten hatte, noch einmal in den Ski-Weltcup zurückkehren würde. Doch die 35-Jährige entschied sich nach ihrer Genesung dagegen, noch ein Jahr anzuhängen.
Damit könnte sie glücklicher nicht sein, wie es scheint. «Seit ich keine Rennen mehr fahre, ist alles deutlich schöner geworden», erklärte Gut-Behrami in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger. Sie fühle sich nicht mehr ständig unter Druck und mache sich selbst auch keinen mehr, da sie nicht mehr liefern und gewinnen müsse.
Selbst der Umgang mit den Menschen auf der Strasse sei für Gut-Behrami angenehmer geworden. Früher habe sie in diesen Situationen einen Schutzwall um sich gebaut, «weil ich nie wusste, was mich erwartete. Immer wieder hörte ich Sprüche wie: ‹Schau zu, dass du am Wochenende gewinnst!› Das war mir unangenehm, es verkrampfte mich.» Nun gehe sie damit lockerer um und sei überrascht, «dass Menschen auf mich zukommen und mir sagen, dass sie bewundern, was ich gemacht habe».
Die Olympiasiegerin, zweifache Weltmeisterin und zweifache Gesamtweltcupsiegerin blickt ebenfalls sehr positiv auf ihre Karriere zurück. Dies war für Gut-Behrami mit ein Grund für den Entscheid zum Rücktritt. «Ich musste ehrlich zu mir sein: Möchte ich nochmals die ganze Belastung aushalten? Bin ich bereit, all diese Tage zu opfern für die nächste Saison?», erzählt Gut-Behrami. Sie kam zum Schluss, dass sie dies nicht mehr möchte. «Alles, was ich bis jetzt erlebt habe, war so bereichernd und fühlte sich so gut an, dass alles, was noch käme, sich nicht mehr richtig anfühlen würde.»
Doch auch körperlich merkte Gut-Behrami, dass vieles mit dem Alter schwieriger würde. In den letzten Jahren habe es enorm viel gebraucht, damit alles gepasst habe. Als sie im letzten November in die USA reiste, wo sie sich im Training bei einem Sturz dann verletzte, sei sie extrem müde vom Jetlag gewesen. «Da habe ich gespürt: Es macht keinen Sinn, dass ich zurückkomme. Was es von mir braucht an Energie, an Sturheit, ist zu viel», so Gut-Behrami, «ich würde zu viele Monate des Glücks opfern müssen.»
Sie habe sich die Tür lange offen gelassen, weil sie dachte, dass sie das Rennenfahren irgendwann zu sehr vermissen werde. «Aber dieser Tag ist nie gekommen. Mittlerweile bin ich gedanklich schon weit weg», berichtet Gut-Behrami.
Schon vor dem Winter 2025/26 hatte sie verkündet, dass dieser ihre letzte im Ski-Weltcup sein werde. Sie bestritt aber nur den Riesenslalom in Sölden, bevor ein Trainingssturz in den USA ihre Saison beendete. Danach liess sie offen, ob sie an ihrem Rücktritt festhält. Am Ende entschied sie sich dazu, diesen nicht zu verschieben. Auch die Heim-WM in Crans-Montana im nächsten Februar war nicht Motivation genug.
«Selbst eine Goldmedaille wäre die Monate nicht wert gewesen, die ich hätte opfern müssen», stellt die 35-Jährige klar. Sie habe in ihrer Karriere nie Hilfe benötigt, um die Skischuhe anzuziehen, oder sich länger aufwärmen müssen, um ihre Knie bewegen zu können. «Ich wollte das auch nie erleben.» Sie habe während der Reha versucht, die WM in Crans-Montana zu visualisieren. «Wie ich am Start stehe und eine unglaubliche Leistung zeige. Dann dachte ich: Das habe ich doch schon in Cortina 2021 erlebt, wo ich zweimal Gold holte.» Sie merkte, dass sie dieses Gefühl nicht noch einmal brauche.
Stattdessen habe sie der Übergang ins Leben nach der Karriere gereizt – auch um herauszufinden, was sie wirklich für ein Mensch sei und ob sie so bleibe wie als Skifahrerin. Nun sagt sie: «Ich habe mich nicht gross verändert. Ich habe das Glück, dass ich schon eine Familie und Projekte gehabt habe, mir wird nicht langweilig.»
Auch die Beziehung zu ihrem Körper habe sich seit ihrem Rücktritt extrem verändert. «Als Spitzensportlerin war mein Körper mein Arbeitsgerät. Jeder Morgen begann mit Fragen: Passt alles? Wie hoch ist mein Energielevel? Was kann ich leisten?», berichtet Gut-Behrami. Dieser ständige Optimierungsdruck sei eine grosse Last. «Jeder Tag, an dem ich nicht das Maximum herausholen konnte, fühlte sich an wie ein verlorener.»
Auch heute achte sie zwar noch immer genauso auf ihren Körper, jedoch aus einem anderen Grund. «Nicht mehr, damit er besser funktioniert, sondern um herauszuspüren, was mir guttut», sagt Gut-Behrami und führt aus: «Wenn ich müde bin, muss ich nicht mehr überlegen, wie ich möglichst schnell wieder fit werde. Dann gehe ich vielleicht spazieren, statt zu trainieren. Das fühlt sich wunderbar an.» (nih)
