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Sanktionen gegen die bösen Russen – bloss ein weiterer Doping-Papiertiger

Russland ist wegen Doping-Sünden für vier Jahre von Grossanlässen ausgeschlossen worden. Diese und weitere Sanktionen werden nicht Bestand haben.
10.12.2019, 08:27

Geht es nach der Wada (=World Anti-Doping Agency) darf Russland an den kommenden Olympischen Sommer- und Winterspielen nicht unter der Bezeichnung «Russland» teilnehmen und bis 2023 keine Weltmeisterschaften mehr organisieren und sich nicht um Titelkämpfe bewerben.

Hintergrund ist der Streit um manipulierte Daten aus dem Moskauer Kontrolllabor. Nach dem Bericht der Untersuchungskommission seien Tausende Daten gelöscht oder manipuliert worden. Zuletzt war die Rede davon, dass so mindestens 145 russische Sportler geschützt werden sollten.

Russland darf die nächsten vier Jahre an keinen Grossanlässen Hockey spielen – sie werden es trotzdem tun.
Russland darf die nächsten vier Jahre an keinen Grossanlässen Hockey spielen – sie werden es trotzdem tun.
Bild: AP

Praktische Auswirkungen auf die Eishockey-WM in der Schweiz im nächsten Mai haben die Sanktionen nicht. Russland wird spielen, notfalls nicht im russischen Nationaldress, nicht unter den Namen «Russland» und ohne das Abspielen der russischen Hymne.

Theoretisch ist es allerdings nicht explizit verboten, im Dress der ehemaligen Sowjetunion (UdSSR) anzutreten. Als überaus dekorative und wunderschöne Homage an die grösste Zeit des russischen Hockeys. Eine passende Provokation wäre es, die «Internationale» - das alte Kampflied der Kommunisten - statt die von der Wada untersagte russische Hymne bei den WM-Partien der Russen im Kapitalistentempel Hallenstadion zu spielen.

«Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
die stets man noch zum Hungern zwingt!
Das Recht wie Glut im Kraterherde
nun mit Macht zum Durchbruch dringt.
Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!
Heer der Sklaven, wache auf!
Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger
Alles zu werden, strömt zuhauf!
Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht.»

Ungeklärt ist weiterhin die Frage, ob bei der WM in der Schweiz bei den Spielen eines russischen Teams unter neutraler Flagge die Medienschaffenden von «Russland» und «Russen» reden und schreiben dürfen und ob Fehlbare, denen versehentlich «Russland» oder «Russen» durchrutscht bestraft werden. Was zeigt, wie absurd diese Sanktionen eigentlich sind.

Russland organisiert in den nächsten vier Jahren unter anderem auch drei Weltmeisterschaften im Eishockey (Frauen WM, U 20-WM, WM 2023 in St. Petersburg).

Werden diese Anlässe nun vom Internationalen Eishockey-Verband (IIHF) abgesagt? Nein, natürlich nicht. Für diese Turniere gibt es rechtsverbindliche Verträge. Im Sinne der Rechtssicherheit (ein hohes gut in einem Rechtstaat) ist die Annullierung dieser Verträge nicht haltbar und würde entsprechende Schadenersatzforderungen von verschiedenen Seiten nach sich ziehen. Zu diesem Schluss sind die IIHF-Rechtskonsulenten gekommen. Was zeigt, wie wenig die Konsequenzen aus diesen Sanktionen bedacht worden sind.

Russland wird gegen den Wada-Entscheid beim internationalen Sportgericht in Lausanne (CAS) rekurrieren. Das Urteil dieses Gerichtes kann dann an unser Bundesgericht weitergezogen werden. Es ist schwer vorstellbar, dass unsere höchste juristische Instanz den Bruch der Rechtssicherheit und Massnahmen gutheisst, die eigentlich als Kollektivstrafen zu werten sind. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden die Wada-Sanktionen, die jetzt für so viel Aufregung sorgen, nicht Bestand haben und sich ein weiteres Mal als Doping-Papiertiger erweisen.

Gekuscht hat die Wada nur vor dem Fussball. Nicht gefährdet sind gemäss Wada die Teilnahme der russischen Fussball-Nationalmannschaft an der EURO 2020 sowie die Durchführung der geplanten EM-Partien in St. Petersburg.

Die Partien der Fussball EURO im nächsten Jahr in St. Petersburg seien ein «kontinentales» Ereignis und würden daher nicht unter den Bann für Weltmeisterschaften in Russland fallen. Theoretisch wohl wahr, praktisch absurd: Die Fussball-EURO gilt nach der Fussball-WM und den Olympischen Sommerspielen das meistbeachtete Ereignis der Sportwelt überhaupt. Aber beim Fussball geht es ganz einfach um viel zu viel Geld.

An der Fussball-WM 2022 in Katar darf Russland teilnehmen. Aber wie bei der Eishockey-WM nicht unter der Bezeichnung «Russland» sondern als «neutrales Team». Frage auch hier: Wie dürfen beispielsweise die TV-Reporter dieses Team bei Übertragungen dann nennen und wie müssen sie kommentieren? «Die Neutralen im Angriff!»? Auf die WM-Qualifikation haben die Sanktionen gemäss Wada keine Auswirkungen, da dort kein Weltmeister ermittelt wird. Wie absurd ist eigentlich das: Geht es bei einer Qualifikation für eine WM nicht um eine WM?

Machen all diese Sanktionen der Wada überhaupt Sinn? Der gesunde Menschenverstand und das Rechtsempfinden diktieren nämlich ein paar weitere Anmerkungen.

Was ist eigentlich von einer Doping-Behörde (der Wada) zu halten, die seit Jahren weiss, dass die Russen schummeln und dann so naiv ist, ihnen trotzdem das Handling von Dopingproben in einem Labor in Moskau zu überlassen? Das ist ungefähr so, wie die Revision von Banken den Buchhaltern der Mafia zu überlassen.

Arbeiter im russischen Drogen-Test-Labor.
Arbeiter im russischen Drogen-Test-Labor.
Bild: AP

Die Sanktionen der Wada zeigen erneut: Der Kampf gegen unerlaubte Substanzen ist aus dem Ruder gelaufen. Aus Verzweiflung über die eigene Unfähigkeit, Dopingproben durchzuführen, ist eine Kollektivstrafe gegen ein ganzes Land verhängt worden. Und der Sport ist wieder so hochpolitisch wie in den Zeiten des «Kalten Krieges» geworden. Dass die Wada ab dem kommenden Jahr unter polnischem Präsidium steht, macht die Sache noch brisanter.

Im Kampf gegen unerlaubte Substanzen im Sport ist nicht nur viel mehr Geld notwendig. Auch viel mehr kühler Verstand, Sachlichkeit, Professionalität und weniger Eifer und Hysterie. Mehr Konsequenz und weniger Politik. Mehr Unabhängigkeit und weniger Nähe zu den Mächtigen des Sportes. Mehr Rechtsgleichheit und weniger Willkür und Kompromisse.

Bei dieser Gelegenheit sei noch einmal daran erinnert, dass die meisten grossen Fälle im Westen nicht von den «Doping-Jägern» aufgedeckt worden sind. Sondern durch Steuerfahnder und Whistleblower. Und die Tricksereien der Russen hat nicht etwa die Wada bemerkt. Den Skandal ausgelöst haben ab Dezember 2014 hartnäckige Nachforschungen der Medien.

Die Sanktionen der Wada gegen Russland, die auch unschuldige Sportler treffen, sind als Kollektivstrafe zu werden und eine Verhöhnung jeder Rechtsauffassung. Es ist nachgerade eine bittere Ironie, dass Kollektivstrafen vor allem in einer längst vergangenen Epoche der russischen Geschichte gang und gäbe waren.

Der Kompromiss, die Russen unter «neutraler Flagge» trotzdem antreten zu lassen, entspringt letztlich dem schlechten Gewissen über die fehlende Rechtsgrundlage der Sanktionen und die schludrige Arbeit der Wada.

Eigentlich wäre längst eine Zerschlagung der Wada und eine komplette Neuorganisation des gesamten Anti-Dopingsystems notwendig. Eigentlich. Es wird nicht passieren. Zu viele leben gut mit den Verhältnissen, so wie sie sind. Die Herstellung und der Handel mit verbotenen Substanzen ist ein gutes Geschäft. Die Aufdeckung aller Fälle ist nicht im Interesse der Macher des Sportes. Und obendrein lässt sich mit den Doping-Geschichten vortrefflich Politik machen. Beispielsweise gegen die bösen Russen.

Ein Kampf, der, wenn nur alle wollten, zu gewinnen wäre, ist längst verloren. Wir haben es inzwischen bei der Doping-Bekämpfung mit einem in Teilen verlogenen System zu tun.

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