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Bei der Eishockey-WM gegen Russland antreten? Die Schweiz würde es tun

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Die Schweizer Nati würde bei einem allfälligen Spiel gegen Russland wohl antreten. Bild: EPA/KEYSTONE
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Bei der WM gegen Russland antreten? Die Schweiz würde es tun …

Mehrere Länder wollen im Falle eines Falles bei der WM gegen Russland nicht antreten. Die Schweiz hält sich aus dieser Protestbewegung heraus und folgt damit einer langen Tradition unserer Sportkultur.
04.11.2026, 16:5804.11.2026, 16:58

Und die Schweiz? Das ist die Frage im Chaos rund um eine mögliche WM-Rückkehr von Russland. Das oberste Sportgericht (CAS) hat aufgrund einer Klage der Russen mit Urteil vom 29. Oktober die Wiederzulassung zur WM angeordnet. Russland ist im Februar 2022 wegen des Angriffskrieges gegen die Ukraine von allen WM-Turnieren ausgeschlossen worden. Nun sind die Russen juristisch bereits für die WM im Mai 2027 in Deutschland wieder zugelassen. Was nun?

Ganz im Sinne von Gottfried Keller («Das Fähnlein der sieben Aufrechten») hat sich eine Gruppe der sieben Aufrechten gebildet, um die Rückkehr der Russen zu verhindern. Finnland, Schweden, Tschechien, Norwegen, Dänemark, Lettland und Österreich haben offiziell erklärt, bei der WM gegen die Russen nicht anzutreten.

Die Schweiz hat sich diesen «sieben Aufrechten» nicht angeschlossen. Aus gutem Grund. In den Statuten der Swiss Ice Hockey Federation (SIHF) – also des Verbandes – steht in Artikel 2, Absatz 6: «Die SIHF ist politisch unabhängig und konfessionell neutral.» Punkt. Jede Parteinahme im Russland-Chaos oder gar die Ankündigung, bei der WM gegen die Russen nicht anzutreten, würde die eigenen Statuten verletzen.

In der Regel haben Sportverbände die politische Unabhängigkeit in ihren Satzungen festgeschrieben. Wie sich immer wieder zeigt, ist dieser Passus kaum das Papier wert, auf dem er niedergeschrieben ist. Der Sport kann sich der Politik nicht entziehen. Auch in der Schweiz nicht.

Der neue Verbandspräsident Marc Lüthi ist aus mehr als 20 Jahren als SCB-Manager in heiklen Kommunikationsfragen sturmerprobt. Er hat bei den vielen Anfragen zur Causa Russland eine wunderbare Ausrede: Er sei noch nicht 100 Tage im Amt und deshalb gebe es von ihm keine persönliche Stellungnahme. Diese Gnadenfrist von 100 Tagen, die jedem neuen Amtsinhaber zugestanden wird, läuft am Samstag, 5. Dezember 2026 ab.

Marc Luethi, neuer Praesident des Schweizer Eishockeyverbands, SIHF, posiert an einer Medienkonferenz, am Freitag, 28. August 2026 in Fribourg. Luethi wurde vom Verwaltungsrat als Nachfolger von Urs K ...
Verbandspräsident Marc Lüthi gibt noch keine persönliche Stellungnahme zur Russland-Frage ab. Bild: keystone

Damit niemand in dieser heiklen Angelegenheit irgendwo in ein Fettnäpfchen tritt, hat Marc Lüthi verbandsintern die Weisung erlassen, dass sich alle an das offizielle Statement halten und sich niemand öffentlich zur Sache äussert. Diese offizielle Stellungnahme ist strikt neutral gehalten: «Swiss Ice Hockey hat den Entscheid des Internationalen Sportgerichtshofs CAS zur Wiederzulassung russischer Nationalteams zu den internationalen Wettbewerben zur Kenntnis genommen. Die weiteren Schritte zur Umsetzung des Urteils liegen nun in der Zuständigkeit der IIHF. Als einer von 16 teilnehmenden Verbänden an der Weltmeisterschaft wird Swiss Ice Hockey die weiteren Entwicklungen aufmerksam verfolgen und die Entscheidungen der IIHF abwarten.» Zuletzt hat die Schweiz am 9. Februar 2022 beim olympischen Turnier im Rahmen der Vorrunde in Peking gegen Russland gespielt (0:1).

Aber da die ganze Sache eben eine politische Dimension hat, wird es nicht einfach sein, diese neutrale Position aufrechtzuerhalten. Anders als in Lettland, wo die Regierung allen Nationalteams untersagt hat, gegen die Nationalmannschaft von Russland anzutreten, gibt es in der Schweiz keine Weisungen der politischen Behörden an die Sportverbände und solche Weisungen sind auch nicht zu erwarten.

Noch nie in der Geschichte unseres Sportes hat die Landesregierung die Teilnahme an einer WM aus politischen Gründen untersagt und auch die oberste Sportbehörde (heute Swiss Olympic) nicht. Sie musste einst den mit 44:22 Stimmen beschlossenen Boykott für die Olympischen Spiele von 1956 in Melbourne (Volksaufstand in Ungarn) auf Weisung des IOC wieder rückgängig machen.

Am Ende des Tages geht es immer auch um Geld. Bereits fünf Sponsoren haben im Falle einer Teilnahme der Russen Konsequenzen angekündigt: Verzicht auf Präsenz (Logo), auf Werbung bei den Spielen der Russen, eine Überprüfung des Engagements oder gar einen vollständigen Rückzug. Dabei handelt es sich um IIHF-Sponsoren für die WM.

Der wichtigste Werbepartner unseres Verbandes ist der zur Migros-Gruppe gehörende Discounter Denner. Auf die Frage, ob in der Sache Einfluss auf den Verband genommen wird, teilt das Unternehmen mit: «Nein. Denner nimmt als Sponsor keinen Einfluss auf politische oder sportpolitische Positionierungen des Verbandes. Diese Entscheidungen liegen in der Verantwortung der zuständigen Verbandsorgane.» Auch keine unverbindlichen Empfehlungen? «Nein. Denner gibt dem Verband keine Empfehlungen zu politischen oder sportpolitischen Fragestellungen. Als Sponsor respektieren wir die Unabhängigkeit des Verbandes und seiner Entscheidungsträger.»

Berufung auf die in den Statuten vorgegebene politische Unabhängigkeit, die in dieser Sache für unseren Verband bindenden IIHF‑Entscheidungen und ein Hauptsponsor, der sich nicht einmischt: Es kann praktisch ausgeschlossen werden, dass die Schweiz im Falle eines Falles bei der WM gegen Russland nicht antritt. Ob allenfalls einzelne Spieler einer WM-Partie gegen Russland fernbleiben würden, bleibt offen. Der neue Obmann Marc Lüthi dürfte allerdings genug Autorität besitzen, um solche Aktionen zu verhindern.

Tristan Scherwey, Stuermer der Eishockey Nationalmannschaft, spricht zu den Medien am Rand einer Trainings des Nationalteams, am Mittwoch, 22. April 2026 in der Tissot-Arena in Biel. (KEYSTONE/Alessan ...
Nati-Sponsor Denner respektiert, was auch immer der Entscheid des Verbands ist. Bild: keystone

In der Vergangenheit ist unser Sport schon mehrmals mit dem Problem eines Boykotts gegen Russland bzw. die ehemalige Sowjetunion konfrontiert worden.

Nach dem Einmarsch der Roten Armee am 4. November 1956 in Ungarn kam es in der Schweiz zu einer Debatte, ob unsere Sportlerinnen und Sportler gemeinsam mit der sowjetischen Delegation an den Olympischen Spielen 1956 in Melbourne teilnehmen sollen. Das Schweizerische Olympische Komitee (heute Swiss Olympic) beschloss einen Boykott, musste diesen Entscheid aber auf Weisung des IOC am 11. November zurückziehen. Da die Spiele in Melbourne bereits am 22. November eröffnet wurden, war es nicht mehr möglich, die Reise nach Australien zu organisieren. Die Schweiz blieb den Spielen fern.

Die Olympischen Spiele 1980 in Moskau wurden wegen des Afghanistan-Krieges von 60 Nationen – darunter die USA, Japan, Kanada und die BRD – boykottiert. Der Bundesrat mischte sich nicht ein, vertrat die Meinung, der Sport sei keine staatliche Angelegenheit, und überliess die Entscheidung den einzelnen Sportverbänden. Im März 1980 sprachen sich in einer Meinungsumfrage 60 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer gegen einen Boykott aus.

Die Schweizer Robert Dill-Bundi, rechts, und Juerg Roethlisberger, links, zeigen ihre Goldmedaillen an den olympischen Sommerspielen in Moskau im Juli 1980. Dill-Bundi gewinnt die Goldmedaille in 4000 ...
Robert Dill-Bundi und Jürg Röthlisberger: die einzigen Schweizer Medaillengewinner der Spiele in Moskau.Bild: KEYSTONE

Das Schweizerische Olympische Komitee entschied sich mit 24:22 Stimmen knapp gegen einen Boykott und schob die Verantwortung den einzelnen Sportverbänden zu. 82 Athletinnen und Athleten flogen nach Moskau. Sie traten unter neutraler Flagge an und die helvetischen Funktionäre blieben allen Feierlichkeiten fern. Die Reiter, Turner, Fechter und Schützen verzichteten auf eine Teilnahme. Jürg Röthlisberger (Judo) und Robert Dill-Bundi (Rad-Einzelverfolgung) holten Gold. Es waren die einzigen Medaillen.

Aus den Beispielen von 1956 und 1980 lassen sich Erkenntnisse zum Fall Russland und Eishockey-WM 2027 ziehen. Da es sich «nur» um die Eishockey-WM handelt und nicht um den Gesamtsport wie bei Olympischen Spielen, ist die Bedeutung geringer. Wie 1956 und 1980 gibt es weder eine Weisung des Bundesrates noch der obersten sportlichen Instanz (Swiss Olympic). Wie 1956 und 1980 liegt die Verantwortung bei den Sportverbänden – im Falle der Eishockey-WM 2027 beim Eishockey-Verband.

Politischer Protest ist im Schweizer Sport ohnehin rar und wichtige Aktionen lassen sich an einer Hand abzählen.

Unser Turnerverband zog sich im November 1956 als Protest gegen den Einmarsch der Sowjets in Ungarn von allen internationalen Wettkämpfen zurück. Bereits im Februar 1957 wurde der Boykott aufgehoben und galt nur noch für Wettkämpfe auf sowjetischem Boden.

1980 verzichtete Daniel Eckmann als Protest gegen den Krieg in Afghanistan auf die Olympischen Spiele in Moskau. Er war ein Weltklasse-Torhüter und ist später Kommunikationschef und persönlicher Mitarbeiter von Bundesrat Kaspar Villiger geworden. Unsere Handballer mussten ohne Eckmann nach Moskau reisen und erreichten unter zwölf Teilnehmern den 8. Rang.

Am 6. September 1995 entrollten die Schweizer Fussball-Nationalspieler vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Schweden in Göteborg ein Transparent mit der Aufschrift «Stop it Chirac». Frankreichs Präsident Jacques Chirac hatte die Wiederaufnahme der Atomtests auf dem Mururoa-Atoll in Französisch-Polynesien angeordnet. Am Vortag des Spiels hatte dort ein Atomtest stattgefunden. Die Partie endete 0:0, der Protest hatte kein Nachspiel. Die UEFA verzichtete auf eine Bestrafung der Schweizer Spieler. Allerdings warnte sie anschliessend ihre Mitgliedsverbände vor politischen Aktionen auf dem Spielfeld.

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6. September 1995: Die Fussball-Nati wird politisch. Bild: KEYSTONE

Die Geschichte zeigt, dass unser Sport weniger politisch ist als in vielen anderen Ländern. Einen kompletten Olympia-Boykott gab es nie. Das Fernbleiben von den Olympischen Spielen von 1956 war keine politische Entscheidung, sondern dem Transportproblem geschuldet.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Ein Boykott der Eishockey-WM 2027 durch die Schweiz wegen einer allfälligen Teilnahme von Russland oder ein Nichtantreten bei der WM gegen Russland kann praktisch ausgeschlossen werden und würde nicht der langen politischen Tradition unseres Sportes entsprechen.

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