Wegen Russland-Rückkehr: Eishockey-WM 2027 in Kasachstan statt Deutschland?
Zwar gilt der Spruch: Eine Suppe wird nicht so heiss gegessen, wie sie gekocht worden ist. Das Problem in diesem Fall: Diese WM-Suppe wird noch lange heiss bleiben.
Der internationale Eishockey-Verband (IIHF) muss nach dem Urteil des obersten Sportgerichtes (CAS) Russland wieder bei der WM antreten lassen. Was – ganz nebenbei – dazu führt, dass auch Weissrussland wieder zur WM zugelassen wird. Beide sind seit Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine (2022) von den Titelturnieren ausgeschlossen.
Eine WM mit Russland im Mai 2027 stellt die Organisatoren in Deutschland vor so vielfältige Probleme, dass eine Rückgabe des Turniers zum Thema geworden ist.
Am Montag und am heutigen Dienstag wird in einer Sondersitzung des IIHF-Council (vergleichbar mit dem Verwaltungsrat einer AG) über Lösungen diskutiert. Schweizerinnen und Schweizer sind halt nach der Ausbootung von Raëto Raffainer und der krachenden Wahlniederlage von Peter Zahner in diesem höchsten IIHF-Gremium keine mehr dabei.
Nach einer Hosentelefonrunde quer durch die Hockeywelten scheint nach wie vor die Suche nach einem Kompromiss mit den Russen und eine Rückkehr ab 2028 die wahrscheinlichste Lösung zu sein. Aber eben: Dann ist dem CAS-Urteil nicht Genüge getan. Es gibt zwar für die IIHF die Möglichkeit, dieses Urteil bei unserem Bundesgericht anzufechten. Aber die Chancen sind gleich null: Das Bundesgericht prüft nur, ob das CAS-Verfahren korrekt durchgeführt worden ist. Materiell (also auf den Inhalt des Urteils) geht es nicht ein. Das CAS-Gericht nach dem Schiedsgerichtverfahren mit je einem Vertreter der Russen und des IIHF sowie einem Obmann hat das Urteil einstimmig (3:0) gefällt. Selbst der IIHF-Vertreter hat offenbar eingesehen, dass gegen eine Rückkehr der Russen juristisch nichts mehr zu machen ist.
Nun melden hochrangige Gewährsleute, dass ein interessanter Kompromissvorschlag ins Spiel gebracht wird: Ein neuer WM-Austragungsort. Auf den ersten Blick scheint das völlig absurd zu sein: In den Ländern, die einem für eine sofortige WM-Übernahme in den Sinn kommen (Finnland, Tschechien, Schweden, Lettland, Dänemark) wäre der politische und sonstige Widerstand ähnlich hoch wie in Deutschland. Dazu kommt, dass in direktdemokratischen Ländern wie der eigentlich neutralen Schweiz die Hürden der Bewilligungen für eine so kurzfristige WM-Übernahme wohl zu hoch sind.
Aber warum nicht eine WM in Kasachstan? Kasachstan ist die Nummer 14 der Weltrangliste und soeben in die WM aufgestiegen. Sportlich gäbe es einen interessanten Kompromiss. Kasachstan und die Ukraine steigen auf, Weissrussland und Russland kehren zurück und ausnahmsweise wird die WM mit 18 statt 16 Nationen gespielt. Dann steigen 2027 halt in beiden Gruppen je die zwei Letzten ab. Dann umfasst die WM ab 2028 wieder 16 Teams.
Eishockey gehört zur Sportkultur des Landes und die Kasachen haben sich für die WM 2027 und 2028 beworben, den Zuschlag aber nicht bekommen. Für die WM 2027 ging die Abstimmung verloren, für die WM 2028 ist das Gesuch 2024 zurückgezogen worden. Zudem hat sich Kasachstan mit dem Austragungsort Almaty für die Olympischen Winterspiele von 2014 und 2022 bemüht. Für 2014 scheiterte die Bewerbung bereits in der Vorauswahl und 2022 ging die finale Abstimmung gegen Peking mit 40:44 Stimmen verloren.
Die Infrastruktur genügt für eine WM bei weitem. Die 2015 eröffnete Barys Arena in Astana und die ein Jahr später fertiggestellte Almaty Arena in Almaty sind hochmoderne Hockeytempel mit einem Fassungsvermögen von über 12'000 Plätzen. Ob 16 oder 18 Teams untergebracht werden müssen, wäre gehupft wie gesprungen.
Entscheidend ist allerdings die politische Situation.
Das Verhältnis zwischen Kasachstan und Russland ist eng, aber auch politisch kompliziert. Beide Länder verbindet eine lange gemeinsame Geschichte aus der Sowjetzeit, eine rund 7'600 Kilometer lange gemeinsame Grenze sowie eine enge wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit.
Trotzdem versucht Kasachstan zunehmend, seine politische Eigenständigkeit zu bewahren und sich nicht vollständig von Moskau abhängig zu machen. Besonders deutlich wurde das nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022. Kasachstan unterstützt den Krieg nicht, erkennt die von Russland annektierten ukrainischen Gebiete nicht als russisch an und bemüht sich offiziell um eine neutrale Position.
Am politischen Schwefelgeruch müsste also eine Verlegung nach Kasachstan nicht scheitern, Visa- und Sicherheitsprobleme gäbe es keine. Die Organisation und Finanzierung des Turniers wäre kurzfristig kein Problem und würde vom Staat garantiert. Die IIHF wäre aus dem Schneider, die WM würde durchgeführt und ein WM-Boykott einzelner Länder wegen der Teilnahme der Russen würde die Organisatoren nicht beunruhigen. Die Rechnung bezahlt in diesem Fall ja ohnehin der Staat.
Noch ist alles offen. Die Variante einer Verlegung der WM nach Kasachstan ist ganz einfach der interessanteste Lösungsansatz, der bei einer Hosentelefon-Erkundigung genannt worden ist und umsetzbar wäre. Die Eishockey WM 2027 in Kasachstan mit den Austragungsorten Almaty und Astana – warum nicht? Affaire à suivre.
Für alle, die den Kick suchen
Auch in dieser Saison können die Schweizer Eishockeyfans ausgewählte Spiele im Free-TV mitverfolgen.
Das ganze Programm von 3+ Adrenalin findest du hier.
