Bei der Junioren-WM nicht gegen Russland antreten – billigster Populismus
Im ganzen Theater um die WM-Teilnahme von Russland (das internationale Sportgericht hat eine Wiederzulassung der Russen verfügt) gibt es zwei Möglichkeiten für die Schweiz: Entweder Neutralität mit einem «Nein» zur Beteiligung an einem Boykott der Spiele gegen Russland bei allen IIHF-Titelturnieren oder ein «Ja» zu einem Boykott.
Nun hat sich der Verwaltungsrat unseres Verbandes zu einem – excusez l’expression – schäbigen Kompromiss entschlossen: «Ja» zu einem Boykott einer Begegnung gegen Russland im Rahmen der U-20-WM Ende Dezember. Aber im Gegensatz zu vielen grossen Hockeynationen kein Wort zur Haltung im Falle einer Teilnahme der Russen an der «richtigen» WM im Mai 2027 in Deutschland.
Warum wohl? Ganz einfach: Ob die Schweiz im Falle eines Falles bei der U-20-WM in Kanada gegen Russland antreten wird oder nicht (im Spielplan ist vorgesehen, dass die Schweiz in der Gruppenphase gegen Russland spielen muss), interessiert eigentlich nicht. Die U-20-WM – die höchste Nachwuchs-Weltmeisterschaft – findet in der helvetischen Sport-Öffentlichkeit nur geringe Beachtung. Noch wichtiger: Ob die Schweiz gegen Russland bei einem Titelturnier der Junioren gewinnt oder verliert, ist eigentlich unerheblich: Das Ziel ist der Klassenerhalt, und gegen Russland erwartet niemand einen Sieg. Eine Forfait-Niederlage bei Nichtantreten wäre ohne sportliche Folgen und kann risikolos in Kauf genommen werden. Kommt dazu: Kanada wird die Russen voraussichtlich nicht einreisen lassen, die Gefahr, gegen Russland antreten zu müssen, ist klein. Da kann man wahrlich risikolos Haltung zeigen.
Ganz anders verhält es sich bei der richtigen WM im Mai 2027 in Deutschland. Eine klare Haltung zeigen wie Finnland, Schweden, Österreich, Tschechien, Lettland, Dänemark, Norwegen und erklären, dass man gegen Russland nicht antreten wird, mag unser Verband nicht. Aus gutem Grund: Eine Forfait-Niederlage gegen Russland – sofern denn die Schweiz nach angepasstem Spielplan in den Gruppenspielen gegen Russland antreten müsste – könnte die Viertelfinal-Qualifikation kosten. Oder je nach Konstellation das Weiterkommen im Viertel- oder Halbfinal oder im Final gar den Titel. Zudem geht es bei der WM um sechsstellige, nach Klassierung abgestufte Prämien des internationalen Verbandes. Ein Boykott eines Russlandspiels könnte also gar noch ins Geld gehen.
Wir sehen: Dort, wo es billig ist, wo ein Russland-Boykott keine sportlichen und finanziellen Folgen hat, da ist der Verband unter der Leitung von Marc Lüthi mutig und entschlossen, zeigt eine klare Haltung und boykottiert das Spiel gegen Russland. Aber zur richtigen WM 2027, wo eine Forfait-Niederlage im Falle eines Falles sportliche und finanzielle Folgen hätte, da sagt man lieber gar nichts. Mit ein bisschen Glück kommt man ja vielleicht gar darum herum, Haltung zeigen zu müssen: Die Chancen sind intakt, dass Russland 2027 in Deutschland bei der WM – CAS-Urteil hin oder her – nicht zugelassen wird. Oder dass es zu einem neuen CAS-Urteil kommt.
Haltung zeigen, wo sie keine Folgen hat (für das Russland-Spiel bei der U-20-WM), aber sich ducken und keine klare Meinung haben, dort, wo es sportliche und finanzielle Folgen hätte (für allfällige Spiele bei der richtigen WM) – das ist bei Lichte besehen billigster Populismus. Entweder ist man für oder gegen die Teilnahme der Russen insgesamt bei IIHF-Turnieren oder man schweigt. Ehrlich wäre gewesen, zur ganzen Sache einfach zu schweigen und keine Haltung zu zeigen. Weil man ja gar keine Haltung hat.
Dieser halbbatzige Russland-Boykott wird gar in einer offiziellen Medienmitteilung glorifiziert: «Swiss Ice Hockey hat sich in den vergangenen Tagen intensiv mit den Entwicklungen rund um die mögliche Rückkehr russischer Nationalteams zu internationalen Eishockeywettbewerben auseinandergesetzt. Dabei wurden sowohl die sportlichen als auch die politischen und gesellschaftlichen Aspekte sowie die möglichen Konsequenzen eines entsprechenden Entscheids sorgfältig geprüft und gegeneinander abgewogen.»
Das Ergebnis sorgfältiger Prüfung, intensiver Auseinandersetzung und der Berücksichtigung politischer und gesellschaftlicher Aspekte ist ein billiger Populismus ohne Risiko: Man hält sich sicherheitshalber alle Optionen für die richtige WM offen und hat nur dort, wo es nichts kostet und sportlich folgenlos bleibt – bei der Junioren-WM – Haltung demonstriert.
Billiger geht es nicht. Lieber Marc Lüthi, willkommen in der Welt der globalen Sportpolitik, die sich ein wenig vom kleinen SCB-Kosmos unterscheidet. Ende der Polemik.
Für alle, die den Kick suchen
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