Kloten-Krise – oder die vergessenen Tapferen unseres Hockeys
Die Mutter aller Wahrheiten und Weisheiten war, ist und bleibt die Tabelle. Oder doch nicht ganz? Am Sonntagvormittag finden wir Langnau auf Rang zwei und Bern auf Platz zwölf.
Grund zur Freude im Emmental, Grund zur Sorge in der Bundesstadt? Ja und nein.
Der SCB hat zwar sechs Punkte, aber auch zwei Spiele weniger. Nach Verlustpunkten sind der Zweite und der Zwölfte also gleichauf. Aber zwei Wahrheiten der Tabelle lassen keine Interpretation zu: Die ZSC Lions stehen ganz oben. Und Kloten ist hoffnungsloses Schlusslicht.
Im Schwingen gibt es bei manchen Festen noch immer den «Schönschwinger-Preis». Eine Auszeichnung für einen «Bösen», der zwar nicht gewonnen, aber das Publikum bestens unterhalten und sich tapfer geschlagen hat. In unserer National League ist es Zeit für einen «Tapferkeitspreis». Für jene, die trotz aussichtsloser Lage und verlassen von den Hockeygöttern guten Mutes bleiben. Eine Auszeichnung für die Unbeugsamen. Sie müsste an Klotens Torhüter Davide Fadani gehen. An Trainer Michael Liniger. Und eigentlich an das ganze Team.
Das 2:6 in Langnau hinten war noch gnädig. Das Torschussverhältnis von 29:34 täuscht über die eigentliche Chancenlosigkeit hinweg. Viel aufschlussreicher ist ein Augenschein im Kabinengang. Bundesrat Albert Rösti, ein Berner Oberländer, begibt sich zur Gratulation in die Langnauer Kabine. Er ist bester Laune. Das Spiel hat ihm offensichtlich gefallen und er hat sich bestens unterhalten. Freundlich gibt er dem Kult-Lokalreporter Stefan Sommer (Radio Neo1) noch im Kabinengang ein Interview. Viel Ehre, viel Lob und Preis. Gesang und Rockmusik dringen aus dem Allerheiligsten der Tiger. Bei Kloten ein paar Meter weiter hinten im Gang: Stille. Keine Musik. Keine Türen werden zugeknallt. Niemand schimpft. Niemand hadert. Und ausser einem einzigen Chronisten interessiert sich niemand für das Schicksal des Schlusslichtes. Die vergessenen Tapferen aus dem Zürcher Unterland.
Nach dem dritten Gegentreffer hatte Michael Liniger seinen Männern mit einem Timeout eine Verschnaufpause verschafft. Er unterbricht nach einer knappen Viertelstunde den wilden Langnauer Ansturm. Für ein paar Augenblicke gelingt es, die Dynamik zu brechen. Aber anders als in solchen Situationen üblich wechselt er den Torhüter nicht. Warum auch? Davide Fadani war machtlos. Und er wird es bleiben. Seine Fangquote von 82,35 Prozent ist miserabel. Aber sie wird seiner Leistung nicht gerecht. Sie ist eine Beleidigung seiner Tapferkeit. Einen Treffer kassiert er im vierten Nachschuss. Zweimal stürmen Langnauer allein auf ihn zu und lassen ihm keine Chance.
Dazu passt, dass Joel Salzgeber beim 4:0 direkt von der Strafbank kommt. Michael Liniger wird seinen Torhüter hinterher ausdrücklich loben. Am 22. August hatte Kloten in Langnau noch 1:0 gewonnen. Ein Testspiel mit Reto Berra im Tor. Nun fehlt der wehrhafte Veteran krankheitshalber. Er sollte bald wieder fit sein. Doch der mehrfache WM-Silberheld und Meister der letzten Saison ist nur einer von vielen Abwesenden.
Die Hockeygötter haben Kloten offenbar verlassen.
Die ausländischen Arbeitskräfte Brandon Gignac und Pontus Åberg fehlen. Åberg sollte beim nächsten Spiel wieder dabei sein. In Langnau stehen nur noch fünf Ausländer zur Verfügung. Joel Henry, Simon Meier, Michael Hügli und Leandro Hausheer fehlen ebenfalls.
Und während des Spiels wird die Liste noch länger. Dominik Schlumpf muss nach einem Zusammenstoss mit Jérôme Bachofner wegen Anzeichen einer Gehirnerschütterung passen (34. Minute). Der Langnauer ist zwar nach Video-Konsultation in die Kabine geschickt worden. Aber ein Foul war es nicht. Raphael Prassl verdreht sich im Zweikampf vor dem Tor das Knie.
Viele Gründe, zu jammern. Noch mehr Gründe, zu polemisieren und zu kritisieren, wie es sonst in solchen Situationen üblich ist. Aber diese Krise ist anders. Auch nach der siebten Niederlage in Serie mit 9:31 Toren steht der Trainer nicht in der Kritik.
Auch Michael Liniger gehört zu den vergessenen Tapferen dieses Geschäftes. Er sucht keine Ausreden. Er hadert nicht mit dem Schicksal. Freundlich, ruhig, beinahe fatalistisch erklärt er die Lage. Letzte Saison ist er in Zug gescheitert. Im Nachhinein hat sich allerdings gezeigt, dass er dort eigentlich gar keine Chance hatte. Vielleicht wäre auch jeder andere Trainer gescheitert. Die verfahrene Situation mündete im Sommer schliesslich in eine heftige Krise, die auch seinen damaligen Chefs und Entlassern (Manager, Sportchef) den Job gekostet hat. Vielleicht war es ein reinigendes Gewitter. Time will tell.
Nun ist Michael Liniger in Kloten bei seinem zweiten Cheftrainerjob in der höchsten Liga wieder in eine schier hoffnungslose Situation geraten, die vermutlich selbst der liebe Gott an der Bande nicht verändern könnte. Auch darüber klagt er nicht. Er spüre in Kloten mehr Rückhalt und die Erwartungen seien realistisch. Der Zusammenhalt sei ein anderer als zuvor in Zug. Ein bisschen Romantik. Immerhin.
Die grosse Frage lautet nun: Wird Kloten auferstehen, wenn Reto Berra zurückkehrt? Wohl kaum. Das Schicksal des Teams hängt nicht an einzelnen Namen. Die Krise hat auch nicht die klassischen Ursachen. Der Trainer hat die Kabine nicht verloren. Es gibt trotz des Ausfalls von Reto Berra kein eigentliches Torhüterproblem. Das Spielkonzept passt und ein Systemwechsel – während der Saison ohnehin unsinnig – könnte das Problem nicht lösen.
Das Team ist nicht zerstritten. Der Präsident und der Sportchef drehen nicht durch. Die verletzungsbedingten Absenzen haben lediglich eine strukturell bedingte Schwäche zur Krise auswachsen lassen: Die Kadertiefe ist zu gering. Die Zürcher stehen auch dann auf dünnem Eis, wenn die Hockeygötter gnädig sind. Sie gehören zu den kleinsten und leichtesten der Liga. Und der finanzielle Spielraum, um während der Saison nachzubessern oder um einen breiteren Kader zu finanzieren, ist nicht vorhanden.
Oder in einem Satz: Kloten hat für eine sorgenfreie Existenz in der höchsten Liga eigentlich zu wenig Substanz. Sportlich und finanziell.
Und so bleibt vorerst nur der Tapferkeitspreis. Nicht nur für Davide Fadani oder für Michael Liniger. Eigentlich auch für Sportchef Ricardo Schödler und für Präsident Jan Schibli. Für die vergessenen Tapferen unseres Hockeys. Für die Zürcher Antwort auf Ajoie.
