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Neue Realität in der NHL: Unerfahrene Spieler kassieren schon Millionen

FILE - New Jersey Devils' Brett Pesce, left, defends Anaheim Ducks' Tristan Luneau during the first period of an NHL hockey game in Newark, N.J., Oct. 27, 2024. (AP Photo/Seth Wenig, File)
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Kennst du NHL-Spieler Tristan Luneau (rechts)? Er verdient bald mehr als sieben Millionen Dollar jährlich.Bild: keystone

Fast 200'000 Dollar pro Spielminute – die neue verrückte NHL-Realität

Ein NHL-Verteidiger mit lediglich 14 Spielen Erfahrung unterschreibt einen Millionenvertrag. Warum das die neue Normalität in der besten Eishockeyliga der Welt ist.
02.10.2026, 18:1202.10.2026, 18:12

Ganz ehrlich: Auch als Eishockey-Fan, der die NHL sehr genau verfolgt, war ich mit Tristan Luneau nicht vertraut. Kein Wunder. Der Verteidiger der Anaheim Ducks ist ein Zweitrundendraft von 2022 und hat bislang bloss 14 NHL-Spiele absolviert. Und trotzdem hat der Frankokanadier am Donnerstagabend seinen Vertrag bei den Ducks vorzeitig verlängert – für sechs Jahre und 7,2 Millionen Dollar Lohn pro Saison.

Das mag verrückt klingen. Nein – das ist verrückt. Ein paar Beispiele, um die Ausmasse dieses Vertrags aufzuzeigen:

  • Wayne Gretzky hat in seiner ganzen Karriere 46 Millionen Dollar verdient. Tristan Luneau hat nach 14 Spielen bereits garantierte Karriereeinnahmen von 45,8 Millionen. Natürlich spielte Gretzky zu anderen Zeiten, wo Sport noch nicht das gleich riesige Business und der Dollar auch noch mehr Wert war.
  • Die Ducks hoffen natürlich, dass Luneau noch eine lange NHL-Karriere bevorsteht. Wenn der 22-Jährige aber aus unvorhergesehenen Gründen nie mehr in der NHL spielen sollte, hätte er pro Spiel 3,27 Millionen und pro Einsatzminute 194'068 US-Dollar verdient.
  • Nach 14 Spielen in der NHL hat Luneau für die beinahe gleiche Lohnsumme unterschrieben wie Nico Hischier (7,25 Millionen) 2019 nach seinem Entry-Level-Vertrag. Der Schweizer hatte damals aber schon deutlich über 100 NHL-Spiele auf dem Konto und war bei den New Jersey Devils bereits Assistenzcaptain.

Da stellt sich unweigerlich die Frage: Haben die Anaheim Ducks, respektive deren General Manager Pat Verbeek, den Verstand verloren, einem derart unerfahrenen Verteidiger einen solchen Vertrag auszuteilen? Oder hat sich die finanzielle Realität in der NHL einfach derart stark verändert? Die Antwort ist eine Mischung aus beidem, wobei die neue finanzielle Realität die grössere Rolle spielt.

Der Salary Cap explodiert

In der NHL floriert das Geschäft. Der Wert und die Einnahmen der Teams steigen, seit die Coronakrise überwunden ist, stetig. Und weil der Gesamtarbeitsvertrag zwischen der Liga und der Spielergewerkschaft NHLPA vorschreibt, dass sämtliche Einnahmen der Teams fifty-fifty zwischen den Teambesitzern und den Spielern aufgeteilt werden müssen, steigt die Lohnobergrenze ebenfalls stark an.

Nur schon in den letzten drei Saisons ist der Salary Cap um 21 Millionen Dollar gewachsen – und das Wachstum wird eher noch grösser. Gemäss den Aussagen von NHL-Deputy-Commissioner Bill Daly könnte die Obergrenze in der Saison 2028/29 schon bei 127,5 Millionen liegen, was in zwei Jahren einem Anstieg von weiteren 23,5 Millionen gleichkäme. Darum ist es so, dass die 7,25 Millionen von Hischiers Vertrag, den er im Jahr 2019 unterschrieben hat, nicht mit den 7,2 Millionen von Luneaus gestern unterzeichnetem Arbeitspapier vergleichbar sind.

Während Hischier bei seiner Unterschrift 8,9 Prozent des in New Jersey verfügbaren Salary Caps erhielt, sind es bei Luneau 6,34 Prozent und ein Jahr später, wenn der Cap wie erwartet ansteigt, noch 5,65 Prozent. Sieben Millionen aufwärts war früher das Salär eines absoluten Spitzenverteidigers. Mittlerweile ist diese Summe auch für einen Spieler im zweiten Defense-Paar vertretbar.

Umdenken bei der Vertragslänge

Und diese neue Realität sorgt auch für ein Umdenken bei der Vertragslänge. Während die Spieler früher eher auf längere Verträge pochten, um Planungssicherheit und finanzielle Stabilität zu haben, scheuten sich die Teams vor Sieben- oder Achtjahresverträgen, da diese für Flexibilitätseinbussen sorgten. Nun ist das anders: Wenn der Salary Cap Jahr für Jahr stark ansteigt, sind für die Teams langfristige Verträge plötzlich positiv. Für die Spieler ist es hingegen besser, wenn sie ihre Verträge regelmässiger neu verhandeln können. Ein Stürmer, der heute noch für zehn Millionen unterschreibt, könnte in zwei oder drei Jahren bereits 15 Millionen oder noch mehr kosten.

FILE - Anaheim Ducks center Leo Carlsson celebrates his empty net goal during the third period of Game 6 in the first round of the NHL hockey Stanley Cup playoffs series against the Edmonton Oilers, A ...
Leo Carlsson hätte im Sommer 2025 auch für 9,5 Millionen in Anaheim unterschrieben, stattdessen kostet er die Ducks nun 18 Millionen.Bild: keystone

Das hatte eben auch Anaheims GM Pat Verbeek zu spüren bekommen. Er hätte seit Sommer 2025 mit seinem jungen Topcenter Leo Carlsson verlängern können. Berichten zufolge hätte der Schwede damals einen Achtjahresvertrag mit einem Salär von 9,5 Millionen akzeptiert. Doch Verbeek pokerte und wollte den Spieler dazu bringen, einen tieferen Lohn zu akzeptieren. Im Alter von 21 Jahren spielte Carlsson aber eine starke Saison, sein Wert stieg kontinuierlich an. Und als der Stürmer im Juli dieses Jahres immer noch ohne Vertrag für die Saison 2026/27 war, warfen die Philadelphia Flyers Anaheim und Verbeek einen Knüppel in Form eines Offer Sheets zwischen die Beine.

Offer Sheets sind seltene Verträge, die es einem Team ermöglichen, einem Spieler ein Angebot zu machen, dessen Verhandlungsrechte bei einem anderen Team liegen. Nur gewisse Restricted Free Agents (RFAs) kommen dafür in Frage (es ist abhängig vom Alter und der Anzahl gespielter Profisaisons). Es ist also eine Möglichkeit, einem anderen Klub einen jüngeren Spieler zu «stehlen». Der Spieler kann das Angebot dann akzeptieren und der Klub, der seine Rechte besitzt, hat einige Tage Zeit, sein eigenes Angebot anzugleichen. Passiert das nicht, so erhält das «bestohlene» Team vom Herausgeber des Offer Sheets Kompensation in Form von Draft Picks – je höher der Lohn, desto grösser die Kompensation.

Eine Lektion für die ganze Liga

Jahrelang verzichteten die NHL-Bosse auf solche Offer Sheets, um die Kollegen innerhalb der Liga nicht zu verärgern, doch diese Scham verschwand in den letzten Jahren. Und so unterbreitete Flyers-GM Danny Brière Carlsson ein massives Offer Sheet: fünf Jahre, 18 Millionen Jahreslohn. Also beinahe doppelt so viel, wie Carlsson ein Jahr vorher akzeptiert hätte. Verbeek geriet so unter Zugzwang. Seine Optionen: entweder seinen besten Center ziehen zu lassen oder das Angebot anzugleichen und Carlsson künftig 18 Millionen jährlich zu zahlen.

FILE - Anaheim Ducks General Manager Pat Verbeek speaks to reporters during a press conference in Anaheim, Calif., Monday, June 5, 2023. (AP Photo/Ashley Landis,File)
Ducks Verbeek Extension Hockey
Anaheim-GM Pat Verbeek lernte die neue NHL-Realität auf die harte Tour kennen.Bild: keystone

Verbeek entschied sich für die zweite Option, was weitere Tücken mit sich brachte. Weil er mit Cutter Gauthier, dem zweitbesten Stürmer seines Teams, ebenfalls nicht vorzeitig verlängerte, brauchte auch dieser einen neuen Millionenvertrag. Und aufgrund der 18 Millionen Carlssons musste der Anaheim-GM zuerst Spieler loswerden, bevor er auch Gauthier einen neuen Vertrag anbieten konnte.

Der Fall Carlsson wurde so eine Lektion für die ganze Liga. Die meisten Teambesitzer und General Manager dürften mittlerweile wie Verbeek realisiert haben, dass es besser ist, junge Spieler frühzeitig zu binden. Und so darf man auch in den nächsten Wochen und Monaten damit rechnen, dass junge Talente, von denen man vielleicht noch gar nie gehört hat, bereits Millionenverträge unterschreiben.

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