Joshua Fahrni – so viel Talent und die Frage: Warum geht einer einfach?
Es gibt Spieler, bei denen man sich irgendwann fragt, was eigentlich aus ihnen geworden ist. Und es gibt Spieler, bei denen man sich fragt, was aus ihnen hätte werden können. Joshua Fahrni gehört zur zweiten Kategorie.
Er hat genug Talent für eine schöne Karriere in der National League. Beim SC Bern bekommt er in einer Phase des Umbruches während der Saison 2021/22 früh seine ersten Einsätze in der höchsten Liga. Er hat als Junior eine offensive Magie, die nicht erarbeitet werden kann und eine Gabe der Hockey-Götter ist: Instinkt, Kreativität, ein Gespür für den entscheidenden Moment. Kein Powerstürmer und nicht sehr schnell. Aber smart. Einen Punkt pro Spiel in der höchsten Juniorenklasse und mit 20 bereits fast eine Viertelstunde Eiszeit pro NL-Partie und 13 Punkte aus 49 Partien in der höchsten Liga. Und logischerweise die Berufung ins U 20 WM-Team.
Aber dann geht die Magie seines Spiels verloren. Er bleibt ein guter, verlässlicher Spieler, der jeden taktischen Auftrag umsetzt und die dritte und vierte Linie stabilisiert. Er wird beim SCB nach und nach ein «Hinterbänkler», seine Eiszeit geht im Laufe der Saison 2023/24 auf gut 10 Minuten pro Partie zurück.
Ein vergessenes Talent, das beim SCB in schwierigen Zeiten keine Chance mehr bekommt. So sieht es Langnaus Sportchef Pascal Müller und holt ihn im Sommer 2024 ins Emmental. «Wir erhofften uns eine ähnliche Entwicklung wie bei Dario Rohrbach und hätten in Kauf genommen, dass er dann, wenn er den Durchbruch geschafft hat, halt weiterzieht.» Pascal Müller sagt über Joshua Fahrni, was nach ihm alle Vorgesetzten sagen werden: freundlich, im Team beliebt, nie ein Grund zur Klage. Kurzum: Ein Musterprofi durch und durch.
Aber der Berner Oberländer findet die Magie seines Spiels in Langnau nicht mehr. Verletzungen spielen auch eine Rolle und in der zweiten Saison bekommt er gerade noch gut 7 Minuten Eiszeit. Fünf Jahre sind nun vergangen und nach wie vor ist seine Karriere ein unerfülltes Versprechen.
Was nun, wenn es auch in Langnau nicht gereicht hat? Bei uns bekommen begabte Spieler immer wieder eine Chance. Sportchef Sven Leuenberger holt ihn im Sommer 2026 zu den ZSC Lions und gibt ihm am 15. Juni einen Einjahresvertrag. Der perfekte Transfer: Beim Farmteam (GCK Lions) kann Joshua Fahrni eine tragende Rolle übernehmen und wenn oben die ZSC Lions einen Stürmer für die dritte oder vierte Linie brauchen, dann kann er sich sofort problemlos einreihen.
Und tatsächlich übernimmt Joshua Fahrni bei den GCK Lions eine wichtige Rolle. Am 29. September führt er beim 7:5 in Olten den dritten Sturm und bekommt gut 18 Minuten Eiszeit. Er steuert zwar weder ein Tor noch einen Assist bei. Aber er ist einmal mehr ein verlässlicher «Arbeiter», der die beste gegnerische Linie im Griff hat. Für ZSC-Sportchef Sven Leuenberger ist klar: «Er war gut genug, um jederzeit bei uns in der dritten oder vierten Linie auszuhelfen.» Der perfekte Ergänzungsspieler.
Mit dem Spiel in Olten beendet Joshua für alle völlig überraschend seine Karriere und löst seinen Vertrag mit den ZSC Lions per sofort auf. «Nach reiflicher Überlegung habe ich mich dazu entschieden, meine Eishockeykarriere per sofort zu beenden. Diese Entscheidung ist mir alles andere als leichtgefallen, aber sie ist das Ergebnis absoluter Ehrlichkeit mir selbst gegenüber. Um auf diesem Niveau erfolgreich zu sein, braucht es jeden Tag die volle Überzeugung und Motivation. Deshalb habe ich für mich entschieden, einen neuen Weg einzuschlagen.»
Sven Leuenberger wäre bereit gewesen, Joshua Fahrni eine Auszeit zu geben, um den Entscheid zu überdenken und dann zurückzukehren. «Aber er wollte das nicht.» Zurück bleibt beim ZSC-Sportchef eine gewisse Ratlosigkeit: «Ich bedaure den Entscheid von Joshua, respektiere aber seine genannten Gründe. Für die Zukunft wünsche ich ihm alles Gute!» Wie die vorherigen Arbeitgeber in Bern und Langnau findet auch Sven Leuenberger nur lobende Worte über Joshua Fahrni.
Es ist der «radikalste» Rücktritt eines jungen Spielers. Gut zwei Wochen vor seinem 24. Geburtstag. Dario Rohrbach, jetzt Topskorer beim SCB, war im gleichen Alter und Karriere-Stadium nicht viel besser. Joshua Fahrni hat eine Karriere beendet, die hätte weitergehen können. Das ist das übereinstimmende Urteil aller, die mit ihm zu tun hatten: pflegeleicht und genug Talent für die dritte und vierte Linie bei jedem Team der Liga. Vielleicht ist das ja auch das Problem: zu nett, zu umgänglich, eine Prise zu wenig Biss und ohne die letzten drei, vier Prozent, die es eben doch braucht, um aus der Komfortzone hinaus und ganz nach oben zu kommen.
Es gibt dieses Klischee: Einer sagt, er gehe kurz Zigaretten holen. Und dann ist er weg. Bei Joshua Fahrni ist es natürlich nicht ganz so banal. Aber die Radikalität des Entscheids hat etwas davon. Von einem Tag auf den anderen wird der Vertrag aufgelöst, die Karriere beendet. Kein Streit, keine Verletzung, kein Skandal, kein verborgenes Drama. Keine grosse Geschichte, die man erst noch entschlüsseln müsste. Persönliche Gründe, mangelnde Motivation. Punkt.
Joshua Fahrni äussert sich weiter nicht mehr zu seinem Schritt, den Aussenstehende schwer verstehen. Im Sinne: Wer Talent hat, soll es gefälligst nutzen. Wer bei den ZSC Lions unterschreiben darf, soll bleiben. Wer noch eine Chance bekommt, soll sie gefälligst ergreifen. Er hat diese Chance zurückgegeben.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieser Geschichte: Ein Spieler, dem jahrelang erklärt worden ist, was aus ihm werden könnte, werden müsste, hat am Ende selbst entschieden, was aus ihm werden soll. Nämlich jemand, der nicht mehr Eishockey spielt.
Es ist sein Entscheid und dieser Entscheid ist zu respektieren. Punkt. Es gibt schliesslich auch ein Leben neben dem Eishockey.
Für alle, die den Kick suchen
Auch in dieser Saison können die Schweizer Eishockeyfans ausgewählte Spiele im Free-TV mitverfolgen.
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