Auch Granit Xhaka in der Kritik – bei Sunderland herrscht der Kater
Um die aktuelle Situation des AFC Sunderland zu beschreiben, könnte man verschiedene Floskeln zur Hand nehmen: Im Fussball kann es schnell gehen, zum Beispiel. Es könnte auch vom schwierigen zweiten Jahr des Aufsteigers die Rede sein. Oder von der gefährlichen Vierfachbelastung durch Liga sowie die nationalen und europäischen Cupwettbewerbe.
In der letzten Saison stürmten die Black Cats als Aufsteiger auf Platz 7 der Premier League und damit zur besten Saison seit 2000/01. Erstmals seit 53 Jahren qualifizierten sie sich für den Europacup. Die ersten beiden Europa-League-Partien gewann das Team um Captain Granit Xhaka gleich, am heutigen Donnerstagabend könnte es den Lauf in Posen (18.45 Uhr) fortsetzen. Doch in der Premier League herrscht der grosse Kater.
Nach sieben Spielen und nur einem Sieg steht Sunderland auf dem letzten Tabellenplatz. Am vergangenen Wochenende kassierte es in Bournemouth die vierte Niederlage in Serie – Sunderland als chancenlos zu bezeichnen, wäre fast noch nett ausgedrückt. Zwar spielte es ab der 17. Minute in Unterzahl, doch fiel das erste Gegentor schon zuvor und war der Auftritt selbst für zehn Spieler erschreckend schwach.
Zumal Sunderland in der Vorwoche selbst aus einer guten halben Stunde in Überzahl kaum etwas zustande gebracht und gegen zehn Brighton-Spieler gar noch das Tor zum 0:2-Endstand kassiert hatte. Nach beiden Partien meldete sich Granit Xhaka via soziale Medien bei den Fans.
«Das war nicht gut genug heute. Wir schulden euch eine Antwort», schrieb Xhaka nach dem Spiel gegen Brighton. Diese blieb Sunderland eine Woche später in Bournemouth aber aus. Und so griff der Nati-Captain zu harten Worten: «Es lohnt sich nicht, uns vor der Wahrheit zu verstecken. Wir sind derzeit nicht gut genug und müssen dafür die Verantwortung übernehmen.»
Zwischen den beiden bitteren Niederlagen gewann Sunderland in der Europa League zwar beim portugiesischen Zweitligisten Torreense, doch hatte der haushohe Favorit dabei grosse Mühe und erzielte das Siegtor erst in der 93. Minute. Xhaka, der nach seiner Einwechslung nach einer knappen Stunde stark aufspielte, bereitete dieses vor. Ansonsten werden dem in der letzten Saison so grandiosen Anführer bisher keine guten Leistungen attestiert.
Die Tageszeitung Northern Echo befand zuletzt: «Granit Xhaka hat derzeit mit einer Formschwäche zu kämpfen.» Im Guardian hiess es, dass der Basler aktuell nicht in der Lage sei, «das Spiel auch nur annähernd so stark zu beeinflussen wie in der Vorsaison». An anderer Stelle werden dem 34-Jährigen für ihn untypische Ballverluste vorgeworfen. Gegen Bournemouth unterlief ihm ein solcher kurz nach Beginn der Partie. Auch vonseiten der Fans wird langsam Kritik laut. So wird in einigen Kommentaren eine Reaktion auf dem Platz anstelle wöchentlicher Entschuldigungen in den sozialen Medien gefordert.
Statistisch gesehen spielt Xhaka in dieser Saison in vielen Bereichen mindestens so gut wie im Vorjahr – doch zeichnen diese natürlich nur einen Teil des Bilds und stechen die Ballverluste tatsächlich negativ heraus. Der Nati-Captain hatte wegen der Verurteilung für den Kauf eines gefälschten Corona-Zertifikats zuletzt auch neben dem Platz für Schlagzeilen gesorgt. Womöglich hatten auch das oder der geplatzte Transfer zu Chelsea im Sommer einen Einfluss auf seine Leistungen.
Damit Sunderland aus der Krise finden kann, braucht es aber einen voll fokussierten Captain in Topform. Wegen der schwachen Ausbeute in der Premier League werde im Klub nun gar diskutiert, die Europacup-Saison zu opfern und alles daran zu setzen, den Abstieg zu verhindern.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Sunderland in den ersten sieben Runden bereits gegen die aktuelle Top 3 gespielt hat. Neben Brighton waren dies Manchester City (3:5) und Arsenal (0:2). Trotz der beiden Niederlagen waren Xhaka und Co. in beiden Spielen ebenbürtig. Ausserdem hat Sunderland auch etwas Pech. Geht es nach den Expected Goals müsste der Klub eine um vier Treffer bessere Tordifferenz haben. Es ist ein krasser Kontrast im Vergleich zum letzten Jahr, als der Aufsteiger um über neun Tore besser dastand, als zu erwarten gewesen wäre.
Für Hoffnung sorgt zudem die bevorstehende Rückkehr des verletzten Toptorschützen Brian Brobbey. Auch Sturmkollege Wilson Isidor und Aussenverteidiger Thomas Meunier sollten bald wieder einsatzbereit sein.
Trainer Régis Le Bris hofft wohl auch deshalb auf eine baldige Reaktion seines Teams. Mit der aktuellen Durststrecke gelte es auf diesem Niveau umzugehen. «Wir müssen aufstehen und weitermachen, das ist das Leben eines Fussballers», sagt der 50-jährige Franzose und fordert: «Ich hoffe, dass wir zeigen, dass wir Sunderland sind.» Dazu gehöre, Energie zu zeigen, Zweikämpfe zu gewinnen und die einfachen Dinge gut zu machen.
Es sind Aufgaben, die wie auf Granit Xhaka zugeschnitten scheinen. Nun muss Sunderland nur hoffen, dass der Schweizer die hervorragende Form der Vorsaison wiederfindet.
