Vom Schoss des Vaters auf den Formel-1-Thron – auch Federer gab Antonelli Tipps
Kimi Antonelli war gerade einmal zehn Jahre alt, als sein Vater Marco erstmals erkannte, welch aussergewöhnliches Talent in seinem Sohn schlummerte. Die beiden waren auf der Rennstrecke von Adria, unweit ihrer Heimatstadt Bologna, als der ehemalige Rennfahrer seinen Junior fragte, ob er einmal den Lamborghini ausprobieren wolle. Kimi musste nicht zweimal überlegen.
Marco Antonelli has only ever seen one Italian driver win the F1 World Championship in his lifetime - his son ❤️🇮🇹 https://t.co/BoEfbS0bow
— Autosport (@autosport) November 1, 2026
Mit seinem Sohn auf dem Schoss beschleunigte Marco den Sportwagen auf bis zu 320 km/h. Während der Vater Gas und Bremse bediente, übernahm Kimi das Lenkrad und die Gangschaltung. Als das Auto beim Anbremsen einer Kurve stark übersteuerte, fing es der Zehnjährige perfekt ab. «Als ich später das Video sah, dachte ich: Vielleicht hat er etwas Besonderes», erzählte Marco Jahre später der BBC.
In der Garage aufgewachsen
Kimi Antonelli wuchs in Bologna auf, mitten im motorsportverrückten Norditalien. Dass aus ihm einmal ein Rennfahrer werden könnte, zeichnete sich früh ab. Schon als zwei Wochen altes Baby lag er in der Garage des familieneigenen Rennstalls, umgeben von Motorengeräuschen und Abgasen. Mit drei Jahren sass er erstmals am Rennsimulator, mit fünf in einem Go-Kart. Im Nachwuchs eilte er von Erfolg zu Erfolg. Die Formel 3 übersprang er gleich ganz, ehe er 2025 im Alter von 18 Jahren als Nachfolger von Lewis Hamilton bei Mercedes in die Formel 1 einstieg.
Sein Vater hatte diesen Weg ursprünglich gar nicht gewollt. Marco Antonelli, selbst einst ein talentierter Rennfahrer, war der grosse Durchbruch verwehrt geblieben. Er fürchtete, dass sein Sohn ähnliche Enttäuschungen erleben könnte. Doch Kimis Talent war zu offensichtlich. Schon früh wurden sie bei Mercedes auf ihn aufmerksam und nahmen ihn in ihr Nachwuchsprogramm auf.
Die Zweifel am Wunderkind
Der Aufstieg verlief im Eiltempo, der Start in der Königsklasse dagegen nicht immer nach Wunsch. Zwar zeigte Antonelli in seiner Debütsaison 2025 mehrfach sein aussergewöhnliches Potenzial. Doch insbesondere während der Rennen in Europa geriet er in eine Krise. Fehler, Unfälle und der enorme Erwartungsdruck setzten ihm zu. Der junge Italiener, der im Sommer 2025 auf ausdrücklichen Wunsch seiner Mutter Veronica auch noch die Matur abschloss, schien zeitweise mit der Aufgabe überfordert, in die Fussstapfen des siebenfachen Weltmeisters Hamilton zu treten.
Nach einem weiteren Unfall im Herbst 2025 beim Heimrennen in Monza fand Mercedes-Teamchef Toto Wolff deutliche Worte. «Kimi, du musst das Ruder herumreissen. So ist das einfach nicht gut genug», sagte der Österreicher seinem Schützling. Der verstand die Botschaft. Gegen Ende der Saison zeigte die Formkurve wieder nach oben.
Was im zweiten Jahr folgte, übertraf selbst die kühnsten Erwartungen seiner Förderer. Antonelli entwickelte sich vom fehleranfälligen Lehrling zum Seriensieger. Dabei verblüffte vor allem seine enorme Lernfähigkeit. «Ich persönlich habe nie gezweifelt», sagte Wolff rückblickend. «Andere schon. Sowohl innerhalb des Teams als auch ausserhalb.»
Italien hat wieder einen Weltmeister
Mit seinem Triumph schreibt Antonelli einmal mehr Geschichte. Seit seinem Einstieg in die Formel 1 hat der Italiener aufgrund seines jungen Alters zahlreiche Rekorde gebrochen. Nun ist er mit 20 Jahren auch der jüngste Weltmeister. Den bisherigen Rekord hielt Sebastian Vettel, der bei seinem ersten Titelgewinn 2010 bereits 23 Jahre alt war.
In Antonellis Heimat lösen seine Erfolge grenzenlose Begeisterung aus. Seit Alberto Ascari 1953 hatte kein Italiener mehr die Fahrer-WM gewonnen. Schon Antonellis erster Grand-Prix-Sieg im März in Schanghai hatte eine 20-jährige Durststrecke beendet. Nun hat Italien endlich wieder einen Weltmeister. Dass dieser nicht in einem Ferrari, sondern in einem Mercedes sitzt, dürfte die Tifosi vorerst kaum stören.
Escuchas al padre de Antonelli y entiendes por qué ha llegado a la gloria 👏 "Ahora empieza lo más duro, que es mantenerse" #MéxicoDAZNF1 🇲🇽 https://t.co/TKxh7Eh6q2
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Bei allem Erfolg ist Antonelli der unbekümmerte junge Mann geblieben, der auch mal einen lockeren Spruch auf den Lippen hat. «Ich bin jung, ich bin Italiener. Was erwartet ihr?», entgegnete er einmal auf die Frage nach seinen Emotionen. Abseits der Rennstrecke gibt ihm vor allem seine Familie Halt. Vater Marco bezeichnet er als seinen «Fels in der Brandung».
Federer als Ratgeber
Dass hinter dem jugendlichen Auftreten eine bemerkenswerte Reife steckt, bestätigt auch Toto Wolff. «Kimi ist sanftmütig, er hat Empathie und Charisma», sagt der Österreicher. Im Cockpit erlebe er ihn dagegen als ausgesprochen fokussiert und analytisch. «Er weiss ganz genau, was er im Auto tun muss. Ich sehe volle Konzentration.»
Wertvolle Ratschläge im Umgang mit dem Druck erhielt Antonelli im Sommer auch von Roger Federer, den er in Wimbledon traf. Die Schweizer Tennislegende habe ihm geraten, sich immer nur auf ein Rennen zu konzentrieren, sich auf das Beeinflussbare zu fokussieren und seine Emotionen zu kontrollieren, besonders jene, die zu Fehlern führen können, erzählte Antonelli.
Es ist eine Haltung, die ihm auch sein Vater seit frühester Kindheit vermittelt hat. «Wir müssen jeden Tag so gut wie möglich leben», sagt Marco Antonelli. «Man arbeitet jeden Tag hart, um am Ende sein Ziel zu erreichen.»
Sein Sohn hat dieses Ziel früher erreicht, als es selbst seine grössten Förderer für möglich gehalten hatten. (abu/sda)
