Nach dem Schlusspfiff beginnt die Gefahr: Während der WM steigt die Gewalt an Frauen an
Fehlentscheid, Torjubel, Niederlage: Wenn am Donnerstag die Fussball-Weltmeisterschaft beginnt, kochen die Emotionen wieder hoch. Genau davon lebt der Sport. Doch mit der wachsenden Euphorie, wächst auch die Schattenseite des Spektakels. Für viele Frauen steigt mit dem WM-Fieber auch das Risiko, Opfer von Gewalt zu werden.
«Wenn mein Team verliert, verliert meine Familie», so lautet ein bekannter Ausdruck in Lateinamerika. Dass eine aggressive Reaktion auf die Niederlage des Lieblingsteams der eigenen Familie potenziell schadet, wird verharmlost. Die Gefahr ist jedoch real. Laut UN Women und UNICEF steigt die Zahl der Anrufe bei Notruf- und Hilfetelefonen wegen häuslicher Gewalt während solcher Turniere um bis zu 30 Prozent.
Hilfsorganisationen aus den drei Gastgeberländern USA, Mexiko und Kanada haben deshalb im Vorfeld der Fussball-Weltmeisterschaft die Kampagne «Gewalt gegen Frauen gehört nicht zum Spiel» gestartet. Im Rahmen der Aktion sollen neben mehr Aufmerksamkeit auch sichere Anlaufstellen für Meldungen und Präventionsarbeit geschaffen sowie spezialisierte Beratung und Unterstützung angeboten werden.
«In Mexiko werden während der WM unter anderem die Ateneas eingesetzt», sagt Rodrigo Peña González. Dabei handelt es sich um eine spezialisierte Fraueneinheit, die während Grossanlässen zum Einsatz kommt. Ausserdem gebe es in verschiedenen mexikanischen Städten schon länger Frauenbusse sowie für Frauen vorbehaltene Bereiche an ÖV-Stationen. «Während der WM wird dieses System jedoch unter aussergewöhnlichen Bedingungen getestet», sagt der Gewaltexperte.
Egal wer gewinnt, die Gewalt steigt
Lateinamerika gehört laut Vereinten Nationen zu den gefährlichsten Regionen weltweit für Frauen. Allein in Mexiko werden täglich rund zehn Frauen getötet. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs: «Die meisten Gewaltfälle werden gar nicht angezeigt», sagt Peña. Und auch wenn es zu einer Anzeige kommt, bleiben die Konsequenzen für Täter oft aus – mit weitreichenden Folgen. «Die Straflosigkeit schafft Räume, in denen Täter mit wenigen Folgen rechnen müssen, was das Risiko von Wiederholungstaten erhöht», so der Direktor des Departements für Internationale Beziehungen und Politikwissenschaft an der Universität Monterrey (Tecnológico de Monterrey).
Geschlechterspezifische Gewalt während grosser Sportevents ist aber kein rein lateinamerikanisches Problem, wie Peña sagt: «Es ist ein globales Phänomen.» Dabei spielt es auch keine Rolle, ob das Team des Täters gewinnt oder nicht. Schon im Jahr 2014 ergab eine Studie im «Journal of Research in Crime and Delinquency», dass häusliche Gewalt in Grossbritannien an den Tagen, an denen die englische Nationalmannschaft gewann oder unentschieden spielte, um 26 Prozent anstieg. Verlor das Team, stieg die Zahl der gemeldeten Fälle um 38 Prozent. Die Tendenz zeigte sich über mehrere Turniere hinweg.
Ähnliche Zahlen gibt es auch aus Brasilien und Kolumbien. An Spieltagen steigen dort Anzeigen wegen Bedrohungen und Körperverletzungen teils um mehr als ein Viertel, bei Spielen der Nationalmannschaften sogar noch stärker. Während der Copa América nahmen die Anzeigen um bis zu 50 Prozent zu. Eine Studie aus den USA zu American-Football-Spielen kam zu einem ähnlichen Schluss: Gewalt in Beziehungen nahm durchschnittlich um 10 Prozent zu, wenn das lokale Team unerwartet verlor.
Für die Schweiz fehlt bislang ein klares Bild. Zwar werden Fälle häuslicher Gewalt statistisch erfasst, doch ob Grossereignisse wie eine Fussball-WM die Zahl der Übergriffe erhöhen, wurde noch nicht umfassend untersucht – entsprechende Daten konnten Bundesstellen und grosse Spitäler auf Anfrage nicht liefern.
«Der Blick endet am Stadiontor»
Während Sportanlässen wird die Gewalt zudem oft durch hohen Alkoholkonsum verstärkt. «Alkohol wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Er erleichtert Gewalt nicht nur, sondern liefert oft auch Rechtfertigungen dafür», sagt Peña.
Mit betrunkenen und aggressiven Fussball-Fans hat man in Mexiko Erfahrung. Zu den Massnahmen gehören unter anderem das Verbot von Gäste-Fangruppen bei Ligaspielen und ein Fan-ID-System, bei dem sich Stadionbesucher registrieren müssen. Letzteres ist bisher nur mässig erfolgreich, da man die Regel relativ einfach umgehen kann. Das Hauptproblem ist jedoch ein anderes: «Die wenigen Massnahmen gegen Gewalt konzentrieren sich vor allem auf den Stadionbereich, als ob dort Ursprung und Ende des Problems lägen», so Peña.
Was nach dem Schlusspfiff geschieht, bleibt dagegen meist unsichtbar. Wenn Fans ihre Wut mit nach Hause nehmen und an Partnerinnen auslassen, interessiert das weit weniger als Ausschreitungen auf den Tribünen. «Der Blick endet oft am Stadiontor», sagt Peña. Wichtig sei also in erster Linie, überhaupt auf das Thema aufmerksam zu machen, so der Gewaltexperte. Das sei aktuell noch zu wenig der Fall. In der Folge werden höchstwahrscheinlich auch bei der kommenden Fussball-WM die Frauen die Verliererinnen bleiben – egal wer sich den Pokal holt. (aargauerzeitung.ch)

