Argentiniens tief verwurzelter Rassismus wird an der WM sichtbar
Ein 48 Sekunden dauerndes Video erschütterte die Fussballwelt im Juli 2024. Es war eine Aufnahme aus dem Teambus der argentinischen Nationalmannschaft, bei Instagram hochgeladen vom Mittelfeldspieler Enzo Fernández. Darauf zu sehen sind mehrere Spieler der «Albiceleste», wie sie ein rassistisches Lied über die französische Nationalmannschaft singen.
«Ihre Mutter kommt aus Kamerun, ihr Vater aus Nigeria – doch in ihrem Pass steht Frankreich», singen die argentinischen Stars. Später enthält der Liedtext eine transfeindliche Beleidigung gegen den französischen Starspieler Kylian Mbappé.
Der Fall erregte Aufregung in Argentinien. Julio Garro, damals Staatssekretär für Sport, forderte eine Entschuldigung von den Nationalspielern – eine Forderung, die ihn den Job kostete. Nur wenige Stunden nachdem Garro den Rassismus der Nationalmannschaft angeprangert hatte, entliess ihn Argentiniens rechtslibertärer Präsident Javier Milei.
Ein Ausrutscher, begründet in der Freude über einen Sieg, ist der Vorfall dabei nicht. Denn staatlich begünstigter Rassismus hat in Argentinien eine lange Tradition. In den ersten Jahrzehnten nach der argentinischen Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1816 pflegte der Staat das Image einer weissen, gar europäischen Nation und arbeitete aktiv daran, dieses Selbstbild Wirklichkeit werden zu lassen.
Affenlaute, rassistische Beleidigungen, geworfene Bierbecher
Die argentinische Regierung unter Javier Milei verteidigt dieses Erbe auch mehr als 200 Jahre danach und zieht so eine Linie von der Gründung Argentiniens bis zu den Skandalen, die Fans der «Albiceleste» bei der WM 2026 auslösten.
So berichteten Fans der kapverdischen und ägyptischen Nationalmannschaft von rassistischen Beschimpfungen, Affenlauten gegen schwarze Spieler und aus dem argentinischen Block geworfene Bierbecher. Der afroamerikanische Streamer IShowSpeed wurde beim Spiel zwischen Argentinien und Kap Verde vor der Kamera von einer argentinischen Anhängerin dazu aufgefordert, «in den Zoo heulen zu gehen».
Heftige Reaktionen gab es in Argentinien auch nach der Forderung Julio Garros im Jahr 2024, die Nationalmannschaft solle sich für ihren Rassismus entschuldigen. «Kein Regierungsmitglied hat der Nationalmannschaft oder irgendeinem anderen Bürger vorzuschreiben, was er zu kommentieren oder zu denken habe», schrieb Präsident Milei damals in der Erklärung zu Garros Entlassung. Als Frankreich wegen des rassistischen Gesanges eine Beschwerde bei der FIFA einreichte, erklärte Argentiniens Vizepräsidentin Victoria Villarruel, kein «kolonialistisches» Land werde Argentinien einschüchtern.
Rassistische Tradition reicht weit zurück
Um die rassistischen Vorfälle in der «Albiceleste» und bei ihren Fans einzuordnen, hilft ein Blick in die Geschichte des Landes. Argentiniens Verfassung von 1853 beruht wesentlich auf den Ideen des Juristen Juan Bautista Alberdi, zusammengefasst in der Formel «gobernar es poblar» – regieren heisst bevölkern. Alberdi wollte die Weiten der argentinischen Pampa mit weissen Europäern bevölkern.
Seine Forderung, die Einwanderung weisser Menschen zu fördern, steht unter Artikel 25 bis heute in der argentinischen Verfassung. Wen er explizit ausschloss, erklärte Alberdi in seiner Programmschrift «Bases»: Menschen aus Asien oder «Schwarze aus Afrika» trügen nichts zur Zivilisation bei und sollten deshalb keine Rolle in der argentinischen Gesellschaft spielen.
Alberdis Forderung wurde unter dem argentinischen Präsidenten Domingo Faustino Sarmiento ins Regierungsprogramm aufgenommen. Zwischen 1868, dem Beginn Sarmientos Präsidentschaft, und 1930 kamen mehrere Millionen Einwanderer ins Land, die meisten aus Italien und Spanien. Parallel dazu drängte das Militär die indigene Bevölkerung im «Wüstenfeldzug» der 1870er- und 1880er-Jahre zurück.
Argentiniens «Wüstenfeldzug»: Ein rassistischer Völkermord
Die moderne Genozid-Forschung ordnet die Militärkampagne gegen die indigene Bevölkerung der südargentinischen Region Patagonien weithin als Völkermord ein. Mehr als 1000 Indigene wurden getötet, Tausende gefangen genommen und als Zwangsarbeiter eingesetzt.
Auch der Anteil der afroargentinischen Bevölkerung ging in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Ein Grund dafür ist nach Ansicht mancher Historiker, dass schwarze Argentinier überproportional häufig als Soldaten in die Kriege gegen Paraguay und die indigene Bevölkerung in Patagonien und der Pampa geschickt wurden. Ein weiterer Grund ist die gezielte Unsichtbarmachung, die von der Regierung in den 1880er-Jahren vorangetrieben wurde: Der Anteil von Schwarzen in der argentinischen Bevölkerung wurde nicht mehr in Volkszählungen erfasst.
So verfestigte sich der Gründungsmythos, mit dem sich Argentinien von seinen Nachbarstaaten Brasilien und Uruguay abgrenzt: die Erzählung von der weissen, europäisch geprägten Ausnahmenation Lateinamerikas.
Rassismus im Stadion: Nicht mehr als Fussballfolklore?
Diese Selbstwahrnehmung ist ein Grund, warum argentinische Fans bei der Fussball-Weltmeisterschaft 2026 immer wieder mit rassistischen Ausfällen in den Fokus rücken. Die Überheblichkeit, aufgrund des grossen Anteils von Weissen in der Bevölkerung besser zu sein als andere Nationen, beflügelt den Rassismus der argentinischen Fans gegenüber multiethnisch geprägten Nationen wie Frankreich oder überwiegend arabischen Staaten wie Ägypten.
In Argentinien fallen die Reaktionen auf die rassistischen Vorfälle gemischt aus, heisst es in einem Bericht des britischen «Guardian». Zwar verurteilen einige Aktivisten und Fans die Schmähgesänge und Affenlaute, gleichzeitig deuten sie viele Medien im Land eher als Fussballfolklore, als Witz oder gezielte Provokation, die zum Sport dazugehörten.
Der Fussball macht den Rassismus sichtbar
Vor dem Hintergrund der Geschichte Argentiniens sind die Vorfälle allerdings nicht nur ein sportliches Randphänomen. Viel eher sind sie das Symptom eines Staatsprojekts, das seit mehr als 140 Jahren die Mär einer überlegenen, weissen Nation verbreitet und dessen Denkmuster bis in die aktuelle Regierung unter Javier Milei reichen. Der Fussball bringt den Rassismus nicht hervor, sondern macht ihn vor einem Millionenpublikum sichtbar.
So ist es nicht verwunderlich, dass viele Fans aus Lateinamerika laut einer Umfrage der «Los Angeles Times» nicht ihren argentinischen Nachbarn den Sieg im WM-Finale wünschen, sondern der ehemaligen Kolonialmacht Spanien.
Verwendete Quellen:
- srf.ch: Was hinter dem Rassismus argentinischer Fussballfans steckt
- edition.cnn.com: Fallout intensifies over soccer star Enzo Fernández and Argentina teammates singing racist chant about France
- researchgate.net: The making of a White nation: The disappearance of the Black population in Argentina
- tidsskrift.dk: Decolonial Responses to the Conquest of the Desert
- theguardian.com: ‘Rifts began to appear’: Why many Latin Americans want Spain to beat Argentina in the World Cup final
- latimes.com: Why so many Latin Americans are rooting against Argentina in the World Cup

